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Die Welt · 1914-05-22 · 21 (22.5.1914) · p. 516

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
21 (22.5.1914)
Article
Haschiloah [Rezension]
Date
1914-05-22
Page
516 (sequence 2)
Language
German
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516 DIE2KKELT Nr. 21 liehe unserer materialistischen Kultur, denn für die hebräische Kultur ist die Entseelung und Profanisierung der jüdischen Welt die unmittelbarste Gefahr: das Volk verliert die Beziehung zu seiner Sprache. Denn diese Sprache ist die „heilige“, und wo ist heute noch etwas Heiliges in dieser Welt? Für S c h n e o r ist die Materie der gewaltige Drache, der nun die Fesseln gesprengt hat und über die Menschheit hereinbricht. „Das Mittelalter naht heran", nennt er sein Gedicht. Und sein Volk ist es, das der hebräische Dichter zum Kampfe gegen das Ungetüm aufruft. Gewaltig wird Schneors Pathos, wo er dieses Volk beschwört, nicht unnütz seine Kräfte in alle Winde zu zersplittern, sondern sie zum großen Entscheidungskampfe zu sammeln: zum Kampfe um das Eine, für das Juden leben und sterben sollen: die Gerechtigkeit. — Gegenüber diesem, von einem tiefen Ethos getragenen Gedicht tritt ein älteres desselben Autors „Lieder aus den Bergen“, das in einer recht skeptischen Stimmung geschrieben ist, zurück, obgleich es formal große Schönheiten zeigt. Die ganze Sinnenfreude Schneors offenbart uns das Gedicht „Mohn". Mohn, knallrote Farbe, leidenschaftlich flammt die Erde zum Himmel auf — das ist die Weise, die Schneor liebt. „Meines Lebens Saft und meiner Jugend Quell sind rot und berauschend wie ihr.“ Doch nein! Auch der Mohn kann des Dichters Sein nicht versinnlichen. Denn der Sommer kommt und auch im Mohn „verstummen die feurigen Wünsche und nur die Köpfe, kahl und hohl, nicken mir zu voll bescheidener Weisheit" . . . Die Genossen sind alt und weise geworden, nur der Dichter steht einsam da mit seiner unbesonnenen, jugendlichen Leidenschaft . . . Der letzte Band des „Haschiloah" hat auch der literarischen Kritik mehr Raum gewährt als bisher. Es wäre sehr zu wünschen, daß diese Rubrik noch weiter ausgestaltet wird, so daß jedes beachtenswerte hebräische Buch da angetzeigt würde. Das ist doch das Mindeste, was man von einer Literatur verlangen kann, daß sie sich ihre eigenen Erzeugnisse zum Bewußtsein bringt. Dieses Minimum ist bisher in der hebräischen Literatur nicht erreicht, und es scheint der Zufall darüber zu entscheiden, ob ein Buch kritisiert wird oder nicht. Der Rahmen des „Haschiloah" ist ein sehr enger. Sämtliche Artikel dieses Jahrgangs behandeln jüdische Gegenstände. Daß dies ein unnatürlicher Zustand ist, daß eine repräsentative Revue an dem Leben der Welt nicht achtlos vorübergehen kann und darf, ist klar. Die Freunde der hebräischen Kultur müssen ihre Literatur ganz anders fördern, als es bisher geschah, wenn es uns möglich werden soll, in der hebräischen Kultur wirklich zu leben. Prag. Hugo Bergmann. Dr. Chaim Schitlowsky: Gesammelte Schriften. Vier Bände. Jubiläums-Ausgabe. New York 1913. (Jiddisch.) Schitlowskys Gesammelte Schriften, von denen die ersten vier Bände hier vorliegen- und noch weitere acht folgen sollen, bilden eine bedeutsame Bereicherung des modernen jüdischen Schrifttums. Aus ihnen spricht ein rastloses Ringen um neue Erkenntnisse, eine kraftvolle Denkerpersönlichkeit von lauteren Intentionen und umfassendem Wissen. Diese persönliche Note bildet die Einheit in der Buntheit und Mannigfaltigkeit der einzelnen Aufsätze. Worüber Schitlowsky sich auch äußern mag, sei es über „Nationalität und Fortschritt“, oder „Hiob, ein Poem des freien jüdischen Gedankens", „Tolstoi, Nietzsche und Karl Marx", „Die Geschichtsphilosophie und das Endziel", „Moses Hess, der Sozialist, der Philosoph, der Jude", oder „Jude und Mensch" — überall empfinden wir hinter der wissenschaftlich gereiften Darstellung die ausgeprägte Persönlichkeit des Autors und sein tiefes sittliches Streben hach der höchsten nationalen Vollendung. Und selbst da, wo wir Schitlowskys Gedankengängen. und Folgerungen nicht beizupflichten vermögen — so namentlich in seinen Abhandlungen über jüdische Religion und Nationalität — selbst da, wo er in Widerspruch zu sich selbst gerät und den Versuch unternimmt, eine Synthese zwischen diametral entgegengesetzten Dingen zu konstruieren, bewundern wir doch sein reiches Können, seine fesselnde Argumentation, seinen reinen Idealismus. Einen erlesenen Genuß bietet uns Schitlowsky in sprachlicher Hinsicht. Für die Behandlung philosophischer und geschichtswissenschaftlicher Gegenstände ist die jiddische Sprache bisher noch nicht hinreichend ausgebildet. Schitlowsky muß daher in dieser Beziehung häufig völlig Neues schaffen. Und er tut dies mit feinem Verständnis für die Eigenheiten der Sprache. So bilden seine Schriften auch im Hinblick auf Stil und Darstellungsweise eine namhafte Bereicherung der jüdischen Literatur. Berlin. Joseph Lin. Männer, Völker und Zeiten. Eine Weltgeschichte in einem Bande von Dr. Albrecht Wirth. Verlag A. Janssen, Hamburg. 1914. Das Buch könnte auch den Untertitel: imperialistisch-neudeutsche Geschichtsauffassung im Schnellzugstempo tragen. Das Kapitel „Juden und Phönizier“, das uns am meisten interessiert, — vier Seiten, auf denen von der Rolle der Deutschen in den englischen Kolonien, von prähistorischer Seefahrt, von der politischen Bedeutung des Bergbaus, von den frühesten historischen Persönlichkeiten und daneben in Eile auch von den Juden die Rede ist — mag die Wirthsche Methode veranschaulichen. In verblüffender Eile werden hier die Fragen, die belauscht, erfühlt, zäh dem Dokument und dem Leben abgerungen werden müssen, schneidig, ohne Schatten eines Beweises entschieden, höchstens werden die Dinge durch billige Analogien „beleuchtet", d. h. in ihrer wunderbaren Einmaligkeit gröblich zerstört; nicht aus Feindseligkeit, sondern in leichtfertiger, schnoddriger Hast. Es steht dem Verfasser z. B. fest, „daß die Juden vor dreitausend Jahren nicht anders waren, als sie heute noch sind . . . Ohne Zweifel haben sie stets ein hervorragendes Talent für Organisation besessen. Aus irgendeinem rätselhaften Grunde aber hat dies Talent für staatliche Dinge versagt ... In dieser Beziehung sind sie den Iren sehr ähnlich und auch den Polen, die es ebenfalls nie zu eigenen Staatsbildungen von Belang gebracht haben, die aber unter fremder Flagge, in Nordamerika und Sibirien sich als besonders tüchtige Organisatoren bewiesen. Die Uneinigkeit der Juden, die heutigen Tages sich zu einem Gegensatz zwischen West- und Ostjuden zugespitzt hat, ist ebenfalls schon seit den Anfängen vorhanden gewesen. Nicht minder die Abneigung gegen Fremde, die sogenannten Gojjim oder Göj (!), verknüpft mit dem eifrigen Bestreben, die Fremden zu gewinnen oder gar sich selbst ihnen anzuähnlichen. Gerade dieser widerspruchsvolle Zug wird sich vermutlich am ehesten aus Rassenmischung erklären . . ." Das genügt wohl. Diese Sätze bedürfen kaum einer inhaltlichen Kritik. (Wie schön hat Weinheimers doch auch populäres Geschichtswerk nicht den Zusammenbruch, sondern umgekehrt die staatliche Selbständigkeit des jüdischen Reiches als erstaunlich hingestellt, d. h. als Folge einer zufälligen, von den Juden unabhängigen Konstellation — eine Pause zwischen Weltreichen.) Wie immer die Zukunft und ihre Geschichtsschreibung sein wird — sie wird die Tatsachen achten oder wieder Fabelchronik werden. Diesen Respekt vor primitiven Schuldaten hat Wirth verloren, damit werden auch die stofflich neuen Partien über Ostasien usw. wertlos. Verdient ein Historiker irgend Vertrauen, der, wo man ihn nachprüfen kann — indem man langsamer liest, als er schrieb — Schnitzer auf Schnitzer macht? Ich schlage beliebig auf und lese (S. 210): „Seit dem Wiener Kongreß kam Sardinien zu Piemont" (tatsächlich fast 100 Jahre früher) und ebenda „Louis Napoleon entriß seinem lieben Bundesgenossen Savoyen mit der Hauptstadt Nizza"... In Strenge gegen sich selbst ließ Mommsen seine römische Geschichte als Torso und setzte vor den Schlußband die Worte: Dieses Buch ist mit Entsagung geschrieben und will mit Entsagung gelesen sein. — Das ist

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