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Die Welt · 1914-05-22 · 21 (22.5.1914) · p. 509

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
21 (22.5.1914)
Article
Die Kammerwahlen
Date
1914-05-22
Page
509 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 21 509 DIE3^ELT und J a v a 1. Dagegen wurde im ersten Wahlgang H. Masse, Sohn des Vizepräsidenten des Pariser Konsistoriums, gewählt, wozu im zweiten Wahlgange noch die Herren Stern und Lazare-W eiller kamen. Wie zu erwarten war, haben die jüdischen Kandidaturen, die ziemlich zahlreich waren, eine überaus heftige Befehdung seitens der reaktionären Parteien erfahren. Der Ton, der in der Presse und in den Versammlungen gegen die Juden angeschlagen wurde, steht dem, was man in Rußland gewohnt ist, nur wenig nach. Der Klerus, dessen politischer Betätigung hier keine Schranken gesetzt sind, mischte sich in den Wahlkampf; in den diversen „Croix“ wurden die Juden als Verbündete des Teufels geschildert und den Gläubigen aufs eindringlichste anempfohlen, unter allen Umständen gegen den Juden zu stimmen, selbst wenn sie dadurch den Sozialisten wählen müßten. Viele Tausende folgten dieser Weisung, und wer die Anschauungen der Franzosen sonst nur nach dem Verhalten der politischen Kreise beurteilte, darf an dieser Erscheinung, die aus den Tiefen des Volkes kommt, nicht achtlos vorübergehen. Es ist eine anderwärts bereits beobachtete Tatsache, daß die Massen unter Umständen ihren antisemitischen Instinkten freien Lauf lassen, selbst wenn sie sozialistisch sind, und daß die Führer der Internationale es nicht verschmähen, den Judenhaß für sich auszubeuten. So schreibt z. B. der „Matin“ über den sozialistischen Kandidaten in Boulogne s. M.: „Seine Kampagne ist kein Ideenkampf. Er wirft seinem Konkurrenten einfach vor, einen jüdischen Namen zu tragen und Freimaurer zu sein. Es ist dies sozusagen sein einziges Argument. Der Genosse Myrens beschränkt sich darauf, Antisemit zu sein. Bei einem geeinigten Sozialisten entbehrt diese konfessionelle Intoleranz nicht eines merkwürdigen Beigeschmacks. Die Spalten des sozialistischen Lokalblatt chens sind für den Augenblick gefüllt mit mehr oder weniger — eher weniger als mehr — geistreichen Artikeln über die Beschneidung. — Eines schönen Tages entdeckte man, daß H. Abrami (der Gegner) von christlichen Eltern abstamme und selbst getauft sei, aber eine Jüdin geheiratet habe. H. Abrami ist in der Tat der Schwiegersohn des Herrn Theodore Rein ach . . .“ Ernster als diese sozialistischen Flegeleien muß man für den Augenblick vielleicht das Verhalten gewisser linksrepublikanischer, also der regierenden Partei angehörender Kreise nehmen. Auch hier wuiJen stellenweise antisemitische Töne laut. Die beiden Re in ach fanden u. a. als Gegner „autochthone Radikale“, die ihnen eine Anzahl ihrer getreuesten Wähler abspenstig machten und sie so in eine Stichwahl brachten, in der sie dann einer Koalition der Gegner unterlagen. Dieser Zwischenfall ist, prinzipeil betrachtet, gewiß von jüdischem Standpunkt aus der bedauerlichste, abgesehen davon, daß die Kammer in Herrn Joseph R e i n a c h ein wirklich hervorragendes Mitglied verliert. lliiiiililiiillililllll| PALÄSTINA-RUNDSCHAU iiaili Botschafter Morgenthau Ober Palästina Mr. Henry Morgenthau, der Botschafter der Vereinigten Staaten in Konstantinopel (der entgegen den Meldungen einiger New Yorker Zeitungen nicht nach Amerika abberufen wird), ist von seiner Reise nach Palästina zurückgekehrt. Er hat von seinem dortigen Aufenthalt die besten Eindrücke mitgenommen. Die Fragen, die ihm von einem jüdischen Journalisten in Konstantinopel gestellt worden sind, beantwortet er folgendermaßen: „Ich war sehr erfreut beim Anblick von Tel-Awiw, Pethach Tikwah usw. Man muß nach Palästina gehen, um einen richtigen Eindruck von den Fähigkeiten des jüdischen Volkes zu bekommen. Man muß das wundervoll kultivierte Land sehen, die prangenden Gartenansiedlungen, die gut angelegten Weinberge, die schmucken Straßen und die sorgfältig erhaltenen Landstraßen. Hunderte von Juden arbeiten daran, das Land fruchtbar zu machen und haben die Befriedigung, zu sehen, daß ihre Arbeit von Erfolg gekrönt ist. Man wird von Bewunderung erfüllt beim Anblick der in der Landwirtschaft tätigen jungen russisch-jüdischen Mädchen, die den Kopf hoch tragen und stolz auf ihre Freiheit sind. Diese Umwandlung verdanken sie allein den Einwirkungen der Freiheit und Selbstbestimmung, die dort Herrscht. Die hebräische Sprache wird überall gesprochen, wie es ja auch der ruhmreichen Sprache unserer Vorfahren, die wir so lange vernachlässigt haben, zukommt. Und mit .welcher Anmut und Leichtigkeit wird sie gesprochen!“ Was die Frage der Einwanderung betrifft, verstehe er nicht, warum die vielen jüdischen Familien, die Saloniki verlassen, sich nicht in Palästina ansiedeln sollten. Von der hebräischen Mädchenschule in Jaffa ln Jaffa besteht bekanntlich seit vielen Jahren eine vom Odessaer Palästinakomitee unterhaltene hebräische Mädchenbürgerschule (Beth Sepher Troni Le-Banoth). Nunmehr hat der Hilfsverein der deutschen Juden ebenfalls eine Mädchenschule in Jaffa eröffnet und, um für diese neue Anstalt Schülerinnen zu gewinnen, die oberen Klassen seiner Kindergärten geschlossen. Damit nun den Schülerinnen der Kindergärten, die die hebräische Mädchenschule besuchen wollen, die Möglichkeit hierzu geboten sei, hat der hebräische Lehrerverband beschlossen, der hebräischen Mädchenbürgerschule einen Vorkursus anzugliedem, in dem der Unterricht bereits aufgenommen worden ist und der sehr zahlreich besucht ist. Von der Tachkemonischule in Jaffa Wir haben bereits über die Spende eines russischen Gesinnungsgenossen im Betrage von 55 0C0 Frcs. für die hebräische Mittelschule Tachkemoni in Jaffa berichtet. Durch diese hochherzige Zuwendung, ferner dank der Unterstützung des Jüdischen Nationalfonds, der für die Anstalt Boden im Werte von 45 600 Frcs. erwirbt und ihn dem Tachkemoni-Komitee für 49 Jahre m Erbpacht gibt, ist es ermöglicht worden, schon in allernächster Zeit die Errichtung eines neuen Schulgebäudes in Angriff zu nehmen. Mitte Juni findet in Hamburg eine Vollsitzung des Zentralkomitees der zionistischen Föderation Misrachi statt, unter deren Verwaltung die Anstalt steht. In dieser Sitzung wird voraussichtlich die Umwandlung der Tachkemonischule in ein Gymnasium beschlossen werden. Damit soll dem Wunsche zahlreicher religiöser Juden in Rußland entsprochen werden, die ihren Kindern eine Gymnasialbildung in traditionellem Geiste zuteil werden lassen möchten. Es ist ferner geplant, für die Schüler, die sich dem kaufmännischen oder landwirtschaftlichen Beruf zuwenden wollen, Spezialkurse einzurichten. Neue Ausgrabungen Professor Sellins Ausgrabung des alten Sichern in Palästina, die zur einen Hälfte durch Mittel der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, zur anderen durch Unterstützung des Deutschen Kaisers, fortgeführt wird, hat in diesem Frühjahre einen sehr erfreulichen Fortgang genom-

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