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Die Welt · 1914-05-22 · 21 (22.5.1914) · p. 508

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
21 (22.5.1914)
Article
Von der israelitischen Landeskanzlei
Date
1914-05-22
Page
508 (sequence 2)
Language
German
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508 Nr. 21 DIE2§KELT überhaupt auf sehr schwankendem Rechtsboden. Ganz ähnlich soll es übrigens auch um die Landesorganisation der orthodoxen Juden in Ungarn bestellt sein . . . Rußland Die „Nationalisierung“ des Handels Der neue russische Minister Bark hat kürzlich in der Duma sein Programm entwickelt, das u. a. einen Passus über die „Nationalisierung des Handels“ das heißt die Verdrängung der Juden aus dem Geschäftsleben enthält. Es sollen die anonymen Aktiengesellschaften verboten werden. Jede Aktie muß den Namen d^ Inhabers tragen. Und damit die Juden nicht in den Besitz dieser Aktien gelangen, soll die Verfügung in Kraft treten, wonach Juden nur an solchen Aktiengesellschaften beteiligt sein dürfen; die über nicht mehr als 200 Deßjatinen Grund oder Immobilien verfügen. Mit anderen Worten — die Juden werden von sämtlichen großen Geschäftsuntemehmungen ausgeschlossen. Nun bedeutet diese Maßregel einen Ruin der russischen Volkswirtschaft und des russischen Handels. Prof. Bematzki hat sich daher im „Rußkoje Slowo“ dahin geäußert, daß in dem Augenblicke, wo dieses Regierungsprojekt Gesetz wird, Rußland in wirtschaftlicher Hinsicht auf viele Jahre hinaus zurückgeworfen wird. Aber wer kümmert sich um den Volkswohlstand? Die Hauptsache ist, die Juden zu schika- In den fortschrittlichen russischen Kreisen ist man nun zur Erkenntnis gekommen, daß die russische Gesellschaft sich endlich einmal mit größerem Nachdruck der Judenfrage annehmen muß. Dies war auch der Grund der außerordentlich packenden Rede, die der Abg. Nekrassow vor einigen Tagen in der Duma über die Judenfrage hielt. Besonders hinreißend war der Schluß der Rede, als er die Juden apostrophierte und ihnen die Sympathie und die Achtung des fortschrittlichen russischen Volkes aussprach. Der Kongreß der russischen Industriellen faßte den Beschluß, beim Ministerpräsidenten wegen Aufhebung der vor einigen Tagen angekündigten Beschränkungen des Rechts der Aktiengesellschaften, Grund und Boden zu erwerben und Juden auf leitende Posten zu wählen, vorstellig zu werden. Falls die Antwort Goremykins ablehnend lauten wird, soll ein Immediatgesuch an den Zaren eingereicht werden. Eine neue jüdische Ackerbaukolonie Die bekannte Familie Brodsky in Kiew beabsichtigt, eine neue jüdische Kolonie im Gouvernement Jekaterinoslaw zu errichten und hat die Erlaubnis nachgesucht, dies Projekt durchzuführen. Hermann Cohen in St. Petersburg Am 7. d. M. hielt Prof. Hermann Cohen in der Religiös-Philosophischen Gesellschaft zu St. Petersburg einen Vortrag über „Das Wesen der jüdischen Religion“'. Der außerordentlich zahlreich besuchte Abend (im großen Saal des Pirogow-Museums), ebenso wie der vorhergehende in der Jüdischen Historisch-ethnographischen Gesellschaft, gestaltete sich zu einem gesellschaftlichen Ereignis ersten Ranges und zu einem Triumph des berühmten Philosophen. Nach Schluß des Vortrags begrüßten die Spitzen der russischen gelehrten Welt den illustren Gast. U. a. wies Prof. M. I. Tugan-Baranowski auf die ungemeine soziale Bedeutung der Tournee Hermann Cohens nach einem Lande des grausamsten Antisemitismus hin. Während der jüdische Geist in Rußland mißachtet werde, sei hier ein Vertreter der jüdischen Nation erschienen, der gleichzeitig auch Vertreter des höchsten Idealismus ist, den man mit Wladimir S o 1 o w i e w vergleichen könnte. Nicht umsonst habe Solowiew im Sterben für das jüdische Volk gebetet. Eine russisch-jüdische Emigrationsbank? In einer Konferenz, an der die leitenden Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Lodz teilnähmen, wurde der Beschluß gefaßt, unter den dortigen wohlhabenden Juden 100 000 Rubel für die geplante jüdische Emigrationsbank zu sammeln. Rumänien Neue judenfeindliche Gesetze Die Nationalliberalen in Rumänien haben einen Gesetzentwurf vorbereitet, demzufolge die Juden künftig in Regierungs- und öffentlichen Schulen überhaupt nicht mehr aufgenommen werden sollen. Die Regierung ihrerseits steht im Begriff, in den Elementarschulen Lesebücher mit antisemitischem Inhalt einzuführen, sowie das Schulgeld für jüdische Schüler zu erhöhen. Sogar die antisemitischen Studenten an der Universität Jassy haben ihre Mißbilligung über diese neuen judenfeindlichen Maßnahmen zum Ausdruck gebracht, die den Juden im Auslande Anlaß böten, Rumänien in der Presse anzugreifen. Frankreich Die Kammerwahlen (Von unserem Pariser Berichterstatter.) b.— Die Wahlen zur französischen Kammer, die soeben stattfanden, haben wesentliche Verschiebungen der Parteiverhältnisse nicht ergeben. Es kann daher angenommen werden, daß an der nunmehr traditionell gewordenen Haltung Frankreichs den Juden gegenüber nichts geändert werden wird. Von einer eigentlichen Judenfrage, politisch genommen, kann überhaupt nicht mehr gesprochen werden, so sehr auch die rechtsstehenden Parteien ihre Phantasie anstrengen, um überall den Einfluß einer jüdischen Geheimorganisation nachzuweisen. Auch die Fremdenhetze, die besonders in dem nationalistischen Paris systematisch und mit Erfolg betrieben wird, dürfte beim neuen Parlamente, in welchem die Radikalen und Sozialisten zusammen über die Mehrheit verfügen, wenig Gehör finden. Eine gewisse Gefahr besteht allerdings. Da den ökonomischen Fragen gegenüber die Parteietikette erfahrungsgemäß nichts bedeutet, so kann es die Antifremdenbewegung, für welche die Antisemiten gerade auf ökonomischem Gebiete ihre Argumente suchen, unter Umständen dahin bringen, auch einer politisch liberalen Volksvertretung Beschränkungsmaßregeln abzuzwingen. Um so beklagenswerter ist es, daß das vierte Pariser Arrondissement, das Zentrum der eingewanderten Juden, nicht durch Politiker vertreten ist, welche die Interessen der Juden eventuell wahmehmen würden. Die Vermehrung der Juden hier hat zur Folge gehabt, daß dieser Bezirk zwei „Mittelstands“vertreter erhielt, statt des bisherigen einen. Daß die Juden von diesen nichts Gutes zu erwarten haben, ist sicher. Bedauern muß man auch, daß keine jüdische Gesamtorganisation besteht, die gegebenenfalls bei den Behörden oder Parlamenten und beim Stadtrat gegen beschränkende Maßnahmen äuftreten könnte. Jene große Organisation, die von den Zionisten geplant war, aber leider nicht zustande kommen konnte, hätte ihre Tätigkeit auch in dieser Richtung mit Nutzen ausüben können. Die Zahl der jüdischen Abgeordneten ist die gleiche geblieben, dagegen haben die Personen einen starken Wechsel erfahren. Von den sechs früheren Abgeordneten sind nur drei wiedergewählt worden, und zwar im ersten Wahlgang, die Herren Klotz, A. Hesse und Picard. Nicht wiedergewählt wurden die Herren Joseph und Theodore R e i n a c h

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