Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 21 (22.5.1914)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1914-05-22
- Page
- 506 (sequence 2)
- Language
- German
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506 Nr. 21 DIE3^ELT Jahren. Herr Bai Dimien steift also fest, daß die bekannte Parole bis zum Jahre 1914 nirgends geschrieben und nirgends veröffentlicht, also aus den Fingern gesogen ist. Daß Herr Bai Dimien Zitate Einzelner, zumal aus dem „Haschiloah“, einem ganz unabhängigen, wissenschaftlichen Journal, ruhigen Gewissens als Ansichten des ganzen russischen Zionismus ausgibt, wollen wir ihm nicht weiter übelnehmen. Da er in der Notwehr handelt, wäre es ungerecht, eine sachliche und ernste Beurteilung zu verlangen. Indes wird der Artikel des Herrn Ba! Dimien in seinen Weiteren Ausführungen doch höchst bedenklich. Jede Zeile sicht einer Verzweiflungstat verteufelt ähnlich. Ein Passus wie: „die Hebraisten wiederum fühlen sich auf der Höhe ihres Wahnes und schrecken nicht vor den brutalsten Knechtungen und Attentaten auf die Volkssprache zurück“, kann, nur durch eine besondere psychische Disposition erklärt werden. Dann heißt es sogar: „Nun ist aber diese Politik (der Hebraisten) der plumpen kapitalistischen Uebermacht nicht nur höchst antinational. Sie ist sogar im höchsten Grade reaktionär. Denn sie stützt sich in der Wirklichkeit mehr als auf alle GIücksohn-Klausnersche Sehnsucht auf die politische Reaktion, die jetzt auf Rußland lastet.“ — Nachdem der bedauernswerte Artikelschreiber mit einem Schlage behauptet, daß die russische Regierung in den Hebraisten die willkommenen Bundesgenossen sieht und den hebraistischen Bestrebungen die größte Vorliebe bezeigt und alle möglichen Vorrechte gewährt, schreibt er: „Mögen also die Hebraisten ihren heldischen Kampf gegen die Volkskultur fortsetzen. Möge ihnen die reaktionäre Macht noch mehr Entgegenkommen... Im Lande ist es finster. Das Volk ist geknechtet und stöhnt in seinen Nöten. Das ist die Zeit, wo der volle Geldsack herrscht und phantastische Träume wie Sumpfpflanzen aufstehen. Ihre Zeit ist jetzt. Sollen sie sich ihrer tapferen Siege über das Volk und seine versklavte Kultur freuen. Und nur beeilen müssen sie sich, nicht ewig herrscht reaktionäre Bedrückung. Auch ihr Tag wird kommen. Nur ein wenig Sonne dem Volk. Schnell werden dann die widrigen Nachtschatten wegziehen und vergehen.“ Es ist nicht anzunehmen, daß der offenbar psychopathische Schreiber die in Berlin redigierte „Freistatt“, die mit ostjüdischen Verhältnissen nicht vertraut zu sein scheint, absichtlich nasführen wollte. Es wäre dies eine unglaubliche Verhöhnung, die an Gewissenlosigkeit grenzt. Von einer Schriftleitung aber, die emstgenommen werden will, hat das Lesepublikum das Recht zu verlangen, daß sie es mit derartigen trübseligen Hirngespinsten verschone. WELTCHRONIK ili,ik„i,liiliniriiii,llillliiiiiiilmliimi»»»ikill»iimi!il::rl»ii:l»illiii»,iii»»m»i»iim»!»i»ii!i!iiiii!i!„i!m,!limi!!i„!ii,!:. Weltkonferenz der „Agudath Israel“ In einer Sitzung des provisorischen Komitees des orthodoxen Weltverbandes „Agudath Israel“, die vorige Woche in Berlin stattfand, wurde beschlossen, die erste aus Delegiertenwahlen hervorgehende Weltkonferenz (Kenessijah Gedolah) am 1. Ellul (23. August) d. Js. in Frankfurt a. M. abzuhälten. Allweltliche territorialistische Konferenz Im September d. Js. findet in Budapest eine Konferenz der territorialistischen Gesamtorganisation (Ito) statt. Den Hauptberatungsgegenstand wird merkwürdigerweise das Angolaprojekt bilden, über dessen völlige Aussichtslosigkeit man sich außerhalb und zum Teil auch innerhalb der territorialistischen Kreise längst im klaren ist. Der Bericht, den die von der Ito entsandte Forschungsexpedition seinerzeit erstattet hat, lautete ungünstig genug. Trotzdem klammem sich insbesondere die russischen Territorialisten noch immer an das Angolaprojekt, und in einer Beratung, die die Vertreter der territorialistischen Ortsgruppen in Rußland dieser Tage abhielten, wurde beschlossen, „die eingehende Untersuchung des Landes in bezug auf dessen Tauglichkeit für eine jüdische Großkolonisation fortzusetzen, wobei der Wunsch geäußert wurde, eine zweite Forschungsexpedition abgehen zu lassen, welche aber mehr Teilnehmer aufweisen und für eine längere Zeit ausgerüstet werden sollte, als es bei der ersten der Fall war, um sich ein definitives Urteil über das betreffende Gebiet bilden zu können.“ Bezeichnend für die Stimmung innerhalb weiter Ito-Kreise ist der Brief, den der bekannte Itoist Dr. Stein vor kurzem im „Rasswjet“ veröffentlicht hat und in dem er für -den Wiedereintritt der Territorialisten in die zionistische Organisation plädiert. (Vergl. die Revue der Presse in Nr. 18 der „Welt“.) Auch Israel Zangwill scheint nicht sehr hoffnungsfroh gestimmt zu sein, wie man aus einer Aeußerung schließen kann, die er vor kurzem einem jiddischen Journalisten gegenüber getan hat. Er meinte, die Budapester Konferenz werde über die Zukunft der Jewish Territorial Organisation endgültig entscheiden. So pflegt ein Parteiführer nicht zu sprechen, der an die Zukunft seiner Sache glaubt. Deutschland Der Reichstagsabgeordnete Dr. Malier (Meiningen) über den Zionismus Im Anschluß an eine Bemerkung des antisemitischen Abgeordneten R u p p (Marburg) sagte das Mitglied der Freisinnigen Volkspartei, Herr Dr. Müller (Meiningen) nach dem stenographischen Protokoll der Reichstagssitzung vom 8. Mai: „Der Herr Kollege Rupp hat dann von einer törichten Aeußerung auf einer zionistischen Versammlung gesprochen. Der Zionismus und der Antisemitismus sind Früchte von demselben Boden. Der Zionismus, eine im übrigen so unbedeutende Bewegung, ist wie der Antisemitismus gewachsen auf dem Boden der konfessionellen Trennung und Zersplitterung, auf dem Boden des religiösen Fanatismus.“ Es nimmt uns außerordentlich wunder, daß ein Führer der Fortschrittlichen Volkspartei im Deutschen Reichstag über eine Bewegung, wie den Zionismus, in so abfälliger Weise spricht, ohne offenbar die primitivsten Kenntnisse von ihrer Entstehung und von ihren Bestrebungen zu haben. Wie wir hören, beabsichtigen eine Reihe deutscher Zionisten, von denen bekanntlich nicht wenige Mitglieder der Fortschrittlichen Volkspartei sind, wegen dieser ganz unmotivierten Attacke eine Anfrage an den Parteivorstand zu richten, und es dürfte sich auch in öffentlichen Versammlungen Gelegenheit zur Zurückweisung dieser Aeußerungen des fortschrittlichen Parteiführers bieten. Daß der antisemitische Abgeordnete sich im Gegensatz zu seinem fortschrittlichen Kollegen lobend über den Zionismus geäußert hat, berührt uns ebenso wenig wie der kleinliche Angriff, den sein antisemitischer Kollege Mumm in der Reichstagssitzung vom 14. Mai gegen uns versuchte. Herr Mumm fand es „bedauerlich, daß in deutschen Konsularberichten für den Zionismus Propaganda gemacht werde.“ 9990138569124070849022141794