Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 21 (22.5.1914)
- Article
- Eine Feststellung
- Date
- 1914-05-22
- Page
- 505 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 505 DIE^ELT Eine Feststellung Herr Dr. Martin Bub er schreibt uns: Es sind in der letzten Zeit in öffentlicher und privater Rede und Schrift nicht bloß, wie schon früher, von übelwollender, sondern auch von bona fide mißverstehender Seite Aeußerungen über meine Anschauung vom „Urchristentum“ getan worden, daß es mir angezeigt erscheint — nicht etwa gegen sie zu polemisieren (das dünkt mich müßig und unfruchtbar), sondern in äußerster Deutlichkeit und Eindeutigkeit festzustellen, was der Feststellung — wenn es bei uns ein größeres Maß reinen Willens und echten Verständnisses gäbe — nicht bedürfen müßte. Wenn ich hierbei das Pronomen w i r gebrauche, so meine ich damit selbstverständlich nicht irgendeine Partei oder Parteigruppe, sondern lediglich mit mir einige Freunde, deren Stellungnahme ich wie die meine kenne, und jene unbekannten Gefährten von heute und übermorgen, die ich weiß, ohne sie zu kennen. Festgestellt sei also: erstens, daß die radikaljüdische Bewegung, die Urchristentum genannt wird und der wir einst einen anderen, zulänglicheren Namen geben werden, uns nicht wichtig ist weil, sondern trotzdem sie im Christentum mündete, in dem die jüdischen Elemente nicht entfaltet, sondern entstellt worden sind; zweitens, daß der zentrale Mensch dieser Bewegung, Jesus von Nazareth, uns als Objekt der Religiosität auf immer unüberwindlich fern und fremd ist, aber wertvoll und wesentlich als Subjekt der Religiosität, als einer, der die tiefe jüdische Religiosität gelebt hat, wie Sokrates die griechische und Buddha die indische; drittens, daß es keinen Frieden und keinen Waffenstillstand gibt zwischen uns reinen, ganzen Juden und der weltbeherrschenden christlichen Kirche und daß wir ihrer Usurpation jüdischen Urbesitzes entgegen unseren ewigen Anspruch, die wahre E k k I e s i a , die Gemeinde Gottes zu sein, unerschütterlich aufrechterhalten. Martin Buber. Zur Rede Dr. Nordaus Berlin, den 17. Mai 1914. An die Redaktion der „Welt", Berlin. Herr Louis Lipsky hat in Nr. 2D der „Welt" an die Redaktion eine Zuschrift gerichtet, die sich mit der Rede des Herrn Dr. Max Nordau in Paris beschäftigt und sein Vorgehen beurteilt. Wie ich glaube, geht diese Kritik deshalb fehl, weil Dr. Nordau überhaupt wohl nicht die Absicht hatte, ein Programm des politischen Zionismus zu entwickeln. Aber hier liegt für mich nicht der Schwerpunkt der Ausführungen des Herrn Lipsky, sondern in dem, was er weiter über die Aufgaben der politischen Zionisten sagt. Ich habe der Pariser Konferenz nicht angewohnt und weiß nicht, was dort besprochen worden ist. Aber auch ich glaube — und mit mir glauben es viele andere Gesinnungsgenossen —, daß es an der Zeit ist, den politischen Charakter der Bewegung wieder stärker zu betonen und auf die Erledigung bestimmter Aufgaben zu dringen, die nach Herzls Tode nicht gelöst werden konnten. Die Kritik von Einzelhandlungen des E. A. C. ist dazu nicht der richtige Weg. Um so weniger, als seitens der Mitglieder des E. A. C. immerhin eine nicht unerheblich politische Arbeit versucht wor- Soll sich diese Arbeit verstärken, so muß die Leitung an der Stimmung innerhalb der Organisation eine Stütze finden und wh müssen aufklärend dahin wirken, daß Politik und auch die vielgeschmähte Diplomatie keine Nebensächlichkeiten sind, sondern absolute Notwendigkeiten, um den Enderfolg vorzubereiten. Jedes Volk der Welt braucht politische Arbeit, weshalb sollten gerade wir Juden sie entbehren können? Wir sollten das Betreiben solcher Tätigkeit als eine unserer vornehmsten Arbeiten ansehen. Und wir sollten dem Gedanken zum Siege verhelfen, daß nur durch sie alle Einzelbestrebungen innerhalb der Bewegung — praktische Arbeit in Palästina, kulturelle Einigung der dortigen Judenheit, körperliche Ausbildung der Jugend usw. — zu der großen Volkshilfe zusammengefaßt werden können, welche die Erlösung mindestens eines sehr erheblichen Teiles unseres Volkes verbürgt. In diesem Sinne der Zusammenfassung wird die Politik auch populär sein, weil wir es dann vermeiden, uns in Einzelbestrebungen zu verlieren. Hat sich diese Erkenntnis erst einmal durchgesetzt, so wird die politisch-diplomatische Arbeit sich von selbst in vermehrtem Umfang ergeben. Meiner Ueberzeugung nach ist in dieser Richtung seit Herzls Tode vieles unterblieben, was hätte geschehen können. Ich habe dabei ganz bestimmte Punkte im Auge. Wollen die amerikanischen Zionisten bei der Formulierung eines solchen Programms mittun oder dabei vorangehen, so werden sie den Beifall und die Unterstützung vieler Freunde aus allen Lagern der Bewegung finden. Mit Zionsgruß hochachtungsvoll Dr. Adolf Friedemann. üiiuuiiiiiij REVUE DER PRESSE jmUMMM Der in Nr. 14 der „Welt" erschienene Artikel „Hebräisch und Jiddisch" von unserem Mitarbeiter Dr. M. Glücksohn scheint in dem kleinen Häuflein der „Alljuden" schwere Verstimmung hervorgerufen zu haben. Eine Tatsache scheint sie ganz besonders mit Unbehagen zu erfüllen: der Artikel machte einfür allemal einem von den Jiddischisten seit Jahren mit großem Geschick betriebenen .Manöver ein jähes Ende. Er stellte fest, daß die bekannte angebliche „Parole" der russischen Zionisten „hebräisch oder russisch" eine böswillige Erfindung ist. Ein einzelner Zwischenruf wurde aufgefangen und von den „Alljuden" mit großer Geschicklichkeit als programmatischer Leitsatz des Zionismus hingestellt. Durch Glücksohns Klarstellung, die vielen jiddischistischen Elementen das Handwerk gelegt hat, fühlte sich die in Berlin erscheinende „Freistatt“ so schwer getroffen, daß sie sich nach rascher Hilfe umsah, und ein Wortführer des Jiddischismus, Herr Bai D i m i e n, versucht es nun, aus dem Osten seinen schwer bedrängten westlichen Freunden zu Hilfe zu kommen. Herr Bai Dimien hat keine allzu leichte Aufgabe übernommen. Ist der Unfug endlich einmal aufgedeckt, so läßl sich nicht ohne weiteres ein neuer Wahrheitsbeweis antreten Es gilt aber, die gefährdete Position zu retten, und so unter nimmt Herr Bai Dimien den kläglichen und grotesken Ver such, wenigstens einzelne Zitate einzelner Zionister eifrig zu sammeln, um irgendwelches Anklagematerial gegei die Hebraisten bzw. Zionisten aufzutreiben. Frohlockend liefer er das „belastende“ Material: Im Haschiloah, Januarheft 1914, Seite soundso, sagt Dr Klausner ausdrücklich: „M eine Parole entweder hebräiscl oder russisch usw. . . ." Im Rasswjet Nr. 11, Jahrgang 1914 Seite soundso, schreibt Davidsohn, der Jargon sei keine Sprach! und sogar das Russische habe den praktischen Vorzug vo dem Jargon, die Sprache des wirklichen Lebens zu sein Noch durch weitere Zitatenbeweise sucht Bai Dimien voi der ihm liebgewordenen und nun grausam entrissenen Parol „hebräisch oder russisch" zu retten, was noch zu retten isl Nun scheint Herr Bai Dimien aber nicht gemerkt z haben, daß er durch seine fleißige Sammelarbeit dem Jiddi schismus einen Bärendienst erweist. All das angeführte ,,B« lastungsmaterial“ stammt doch erst aus ganz neuer Zei ist kaum einige Monate alt. Die jiddischistischen Kreise abs toben und hetzen ja wegen dieser Parole seit einige