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Die Welt · 1914-05-22 · 21 (22.5.1914) · p. 502

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
21 (22.5.1914)
Article
Über Radikalismus und Opportunismus
Date
1914-05-22
Page
502 (sequence 2)
Language
German
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502 Nr. 2; t>IEI§EELT möchte zu einem Strom von Tragkraft, von gesammelter Energie, was aus den einzelnen und vielen eine Gemeinde schüfe, weil jeder einzelne einem Schein, der vor ihm schimmert, nachjagt, niemand aber ihn in sich trägt. Diese Abschweifung vom’ Thema sollte von vornherein die nunmehrige Erklärung bekräftigen, daß Radikalismus im Sinne der Verwurzelung nicht jedermanns Sache ist. So mag auch derjenige den Zionismus erlebt und erkannt haben, der da einmal sagte: als Zionist müsse man geboren sein, d. h. in die Sprache der Psychologen übersetzt, es müßten im Menschen gewisse Vorbedingungen da sein, eine gewisse seelische Struktur, auf Grund deren allein er Zionist werden könnte. Oder anders ausgedrückt: es gibt Naturen, denen der Zionismus unzugänglich ist; es gibt eine seelische Atmosphäre, die für eine Idee und Bewegung, wie es der Zionismus in seiner Totalität ist, undurchdringlich ist. Solche Naturen müßtenerst revolutioniert werden, damit sie die Revolution, die der Zionismus bedeutet, erleben könnten. Diese Feststellung halte ich für äußerst wichtig, insbesondere auch auf dem Gebiet der Propaganda und Taktik. Das ist so zu verstehen: Gerade diesen von mir als „unzugänglich“ bezeichneten Juden gegenüber hält man in der Propaganda allgemein die Taktik des Opportunismus für angebracht, derart, daß man dem Zionismus ihnen gegenüber sein Besonderes, sein Wesentlichstes, das Revolutionäre in ihm nehmen will, daß man ihn so abstumpfen und eben machen zu müssen glaubt, damit er sich nur möglichst hemmungslos im anderen Gefüge einreihen oder, liceat verbum, unterbringen lasse. Ich aber frage: Was gebt ihr jenen, wenn ihr ihnen einen solchen Zionismus gebet? Habt ihr sie um irgend etwas bereichert, habt ihr auch nur ein Fünkchen damit in ihre Seele fallen lassen, das irgendeinen Winkel darin zu erhellen, zu erwärmen vermöchte? Ist ihnen der Zionismus nicht vielmehr zu einem glatt behauenen Pflasterstein auf ihrem Weg gemacht worden, auf dem und über den sie hinwegschreiten, achtungslos, ehrfurchtslos und durch nichts an ein Besonderes, Weihevolles, Großes gemahnt? Packt euch nicht ein Entsetzen vor der ausdruckslosen Fratze, in der euch diese Idee von jenen her entgegengrinst? Dünkt es euch nicht Schändung, ja Mord an der Idee, der ihr alle Muskel lahmgelegt, alles Blut genommen habt? Ihr fürchtet jene „Unzugänglichen“ ganz abzustoßen, die Kluft zwischen uns und ihnen zu vergrößern, wenn ihr ihnen die volle Wahrheit sagt, die volle Wahrheit zeigt, wenn ihr aus eurem Reden, doch insbesondere aus eurem Tun sie fühlen lasset, was Zionismus ist und was sie sind! Ihr glaubt sie allmählich und unmerklich herüberführen zu können auf unseren Weg. Doch kein Irrtum ist größer als dieser. Gerade diese Kluft wird sein oder wird nicht sein. Hier gibt es keine Verschiebungen und Balancierkünste. Nur ein Entweder — Oder! Wir treffen sie ins Herz, wir packen sie dort, wo sie unser bewußt werden, wir heben sie aus den Angeln ihres jetzigen Seins, wir rücken ihnen die ganze Dichte unserer Atmosphäre an ihre Atmosphäre heran, unausweichlich, wir werden groß, stolz, glaubensstark und unverrückbar vor ihnen stehen und sie werden so unser — oder nie. Wenn irgendwo, so versagt hier Opportunismus ganz und gar. Was ist und was bedeutet nun das Wort Opportunismus in unserer Betrachtung? Offen gestanden sei, daß die Aufgabe, einen einheitlichen Begriff von Opportunismus zu geben, in dem alles weiterhin davon zu sagende bereits wie im Keim inbegriffen ist, bei weitem schwerer ist, als dies beim Radikalismus der Fall war. Es gilt von den Begriffen dasselbe, was von den Trägem ihres Inhalts zu sagen ist Hier ein bestimmtes, einheitliches Ganze, dort ein Hundertfältiges und wie Zufälliges, ohne dauernde wesenhafte Form. Hier der Schwerpunkt mitten im Zentrum, dort außerhalb des Zentral-, des Zielpunktes, irgendwo, irgendeinmal. Hier ein unbeirrbares auf einem bestimmten Weg auf ei bestimmtes Ziel lossteuern, dort die fast paradoxe Erscheinun der Unterwerfung in die Abhängigkeit von äußeren Verhält nissen mit dem Willen und der Ueberzeugung, sie zu bv herrschen. Aus den gegebenen Zuständen heraus, die allein der Angelpunkt alles Tuns sind, will man umschaffen, ii: der Richtung, in dem Tempo, das von anderen gewissermaße: diktiert und eingeschlagen wird. Hierbei gilt es nur, immti auf seinen Vorteil zu achten, genau alle Veränderungen die außen vor sich gehen, im Auge zu behalten, weil in ihnen ja die Möglichkeiten wie die Gefahren liegen. Ich konnte den Begriff des Opportunismus nur in einigen Punkten gegen den Radikalismus hin abgrenzen und umschreiben. Sein Inhalt ist nicht bestimmt, ist hundertfältig Tausend Melodien klingen hier in wechselnden Intervallen auf, doch es fehlt die Dominante, ein immanentes Leitmotiv, die gerade in einer Richtung ununterbrochen vorwärts strebende Linie. Damit soll nicht geleugnet werden, daß auch den Opportunisten bestimmte Ziele vorschweben können. Und es soll ferner gesagt werden, daß sie es mit diesen Zielen ernst meinen können, daß sie nicht bloß ein Spiel damit treiben, ein selbsttrügerisches. Geleugnet wird hier nur die Verwurzelung, mit allen ihren nunmehr bekannten Konsequenzen. Aber das macht den ebenso klaren wie bedeutenden Unterschied zwischen Radikalismus und Opportunismus, daß jener nur eines ist, ein eindeutiges, dieser ein vieldeutiges, vielgestaltiges mit unendlichen Schattierungen und Skalen, die manchmal knapp an die Grenze des Radikalismus heranreichen, ohne sie doch je zu berühren. Der Radikalismus trägt sein Gesetz in sich beschlossen, der Opportunismus richtet sich nach den von der Peripherie, von außen her wirkenden Gesetzen oder Einflüssen. Haben wir den Radikalismus suggestiv genannt, so sehen wir den Opportunismus unter einer Suggestion stehen, die nicht vom Ziel-, vom Endpunkte ausgeht, sondern von den gegebenen Zuständen als Ausgangspunkt. Es ist auch kaum anders denkbar. Die Opportunisten sind den Erscheinungen in allzu große Nähe gerückt, sind zu sehr in das Gegebene selbst verflochten, als daß sie sich davon emanzipieren könnten. Eine weitere Konsequenz dieser Tatsache ist, daß der Ausdruck ihrer Willenstendenz, ihre Arbeit, eine ruckweise ist, nicht eine öfter unterbrochene, sondern eine nur zeitweilig hervorbrechende. Das Ziel der Arbeit kann nur auf kurze Strecken gesetzt werden. Es ist ja nicht von inneren Gesetzen, sondern von einem äußeren Mechanismus abhängig. Dann allerdings gibt die Nähe und mit ihr die größere Aktualität und Anschaulichkeit des Zieles ihre: Arbeit scheinbar eine größere Intensität, sie erzeugt Eifer, Begeisterung, ja Hitze. Aber der Moment der Aufwallung geht mit den vorübergehenden Möglichkeiten vorüber und alles wird wieder still. Etwaige Erfolge können mangels immanenter Gesetze und bestimmender Kräfte nicht zur Dauer gestaltet werden. Doch in all dem liegt auch das Positive beschlossen, das dem Opportunismus als Bedeutung zugesprochen werden muß. Der Opportunist versteht die Sprache vieler und er spricht sie auch. Dadurch wird es ihm möglich, wenn auch mittelbar, so doch rascher, wie man zu sagen pflegt „Zugang zu gewinnen“. Wo der Radikalismus durch die Ausstrahlung seines eigensten Wesens allein wirksam wird, wo er bannt und bezwingt, wo er ganz einfach faßt oder beiseite läßt, da „arbeitet“ der Opportunismus neben ihm auf der ebenen Basis beiderseitigen Verständnisses, einer gegenseitigen „Verständigung“.

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