Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 20 (15.5.1914)
- Article
- Italienischer Antisemitismus in Tripolis [Nachricht]
- Date
- 1914-05-15
- Page
- 486 (sequence 3)
- Language
- German
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486 Nr. 20 DIESqEELT sein Personal und wandte sich dann an die Juden mit einer langen Ansprache über das jüdische Volk, seine Sitten und Gebräuche, seine Gesetze und seine Feiertage. Er verspottete alles, was den Juden heilig ist, mit den trivialsten Ausdrücken. Am 15. April erschien der jüdische Gemeinderat vollzählig vor der Lokalbehörde, legte das Memorandum vor und forderte Genugtuung. Gegenüber dieser energischen Intervention des Gemeinderates sah sich die Behörde gezwungen, die Großtaten des Dr. Cerrone „aufs tiefste zu bedauern" und Satisfaktion zu versprechen. Wie man nun erfährt, hat die Gemeinde vollständige Genugtuung erhalten. Der betreffende Tierarzt ist seiner Funktion, das jüdische Schlachthaus zu inspizieren, enthoben worden, und an seine Stelle ist ein neuer Arzt getreten, der sich hoffentlich anderer Umgangsformen befleißigen wird. Tätigkeitsbericht des italienischen Gemeindebundes (Von unserem Berichterstatter.) 1.— Das Zentralkomitee der jüdischen Gemeinden Italiens hat dieser Tage in Anbetracht des in einigen Tagen in Rom stattfindenden Kongresses der jüdischen Gemeinden Italiens einen ausführlichen Bericht über seine Tätigkeit in den ersten drei Jahren veröffentlicht, dem wir folgendes entnehmen: Das Zentralkomitee hatte die Vereinigung der jüdischen Gemeinden Italiens in eine Gesamtorganisation vorzubereiten und hat zu diesem Zwecke während der letzten drei Jahre enge Beziehungen mit alleit Gemeindevertretungen gepflogen. Bis jetzt sind dem Komitee von 34 Gemeinden Beitrittserklärungen zugelaufen. Im Jahre 1911 hatte sich das Komitee an die Gemeindevorstände und Rabbiner mit der Aufforderung gewandt, eine genaue Statistik der Juden in allen Städten Italiens vorzunehmen. Die Gemeinden haben der Aufforderung Folge geleistet, und es ist dem Komitee gelungen, die seit langem gewünschte Statistik der Juden Italiens auszuarbeiten. Die betreffende Broschüre wird dem Kongresse vorgelegt werden. Im letzten Jahre sind dem Komitee neue Tätigkeitsgebiete eröffnet worden, durch die Annexion von Tripolitanien und Cyrenaika. Es handelte sich vorerst darum, dafür zu sorgen, daß diese Juden ihrer Rechte nicht entäußert würden. Dazu wurde von allen Seiten die Notwendigkeit der Errichtung eines Oberrabbinats anerkannt — in erster Linie von den tripolitanischen Juden selbst. Ein Teil der dem Plane entgegenstehenden Schwierigkeiten ist beseitigt, und es ist die Aussicht vorhanden, daß diese Frage in Bälde günstig gelöst werden wird. Das Zentralkomitee hat die „Kommission zum Studium der jüdischen Schulen Italiens", die vom ersten Jugendkongreß eingesetzt wurde, materiell und moralisch unterstützt; es hat sich in Verbindung mit den meisten Kulturvereinen Italiens, den „Circoli di Cultura Ebraica", gesetzt, um eine Reihe von Vortragszyklen zu ermöglichen. Was die Jugendbewegung anbetrifft, erklärt das Komitee, daß es anfänglich mit Sympathie diesen Bestrebungen der jüdischen Jugend begegnete, aber nachher seine offizielle Mitarbeit verweigern mußte, da die Jugendbewegung sich auch auf andere Wege als nur die Kulturförderung begeben habe. (Gemeint ist natürlich die stark n a t i o - nalistische Strömung, die gewissen vorsichtigen Herrn des Komitees schlecht behagt.) Auch dem Rabbinerstande habe das Komitee seine väterliche Sorge zugute kommen lassen. Es sei besonders sein Bestreben, die beiden in Florenz und Livorno bestehenden Rabbinerseminare, die für das kleine italienische Judentum zuviel sind, zu vereinigen. (Leider ist ihm das bis jetzt nicht gelungen, und es wird ihm wohl auch nicht gelingen, da beide Anstalten nicht gesinnt sind, auf ihre „Rechte" zu verzichten!) Zum Schluß berichtet das Zentralkomitee auch über seine Tätigkeit zugunsten des „internationalen" Judentums. Das Komitee sei der Ueberzeugung, daß es seine Arbeit nicht auf Italien allein beschränken dürfe, da es allgemein-jüdische Interessen gäbe, die die Juden der ganzen Welt berühren. Während der Londoner Konferenz habe das Zentralkomitee dem italienischen Minister des Aeußeren, Marquis di San Giuliano, ein ausführliches Memorandum über die ungesetzliche Behandlung der rumänischen Juden vorgelegt und seine Unterstützung gefordert. Während' des Beilis -Prozesses habe das Komitee eine die Beschuldigung widerlegende Sammlung von Dokumenten veranstaltet. Schließlich habe es sich für die Falaschas interessiert und dem „Internationalen Pro Fala sch a-Komi t e e" seine Vermittlung für Verhandlungen mit dem Kolonialministerium angeboten; diese Vermittlung wurde aber vom Falascha-Komitee nicht angenommen. — Das Komitee ist in seinem Berichte von einem beneidenswerten Optimismus. Die Diskussionen des bevor-* stehenden Kongresses werden zeigen, inwieweit dieser Optimismus begründet ist. Rußland Jüdisches Schulwesen Die von der Regierung eingesetzte Schulkommission hat dieser Tage ihren Bericht über das jüdische Erziehungswesen in Rußland veröffentlicht. Die Kommission kam zu dem Schluß, daß die Existenz eigener jüdischer Schulen keine Gefahr für den Staat bedeute, und daß diese Anstalten als religiöse Einrichtungen harmlos seien, da „die jüdische Religion für die Christen keine Anziehungskraft hat". Die Kommission empfiehlt die Gründung jüdischer Schulen in Städten mit einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung, um die Juden von den allgemeinen Schulen fernzuhalten. Was die Chadarim, Talmud- Thoras und Jeschiboth anbelangt, beschloß die Kommission, sie in ihrer alten Weise fortbestehen zu lassen, und das Jiddische als Unterrichtssprache zuzulassen. Von verschiedenen russischen Universitäten liegen Berichte vor, wonach im nächsten Semester nur eine äußerst geringe Zahl von Juden Aufnahme finden wird. An einigen Universitäten werden überhaupt keine Juden zugelassen werden, im Sinne der verschärften Bestimmungen, die die Immatrikulation von Juden auf eine bestimmte Prozentnorm beschränken. An unsere Leser! Mit lebhafter Genugtuung können wir unseren Lesern und Freunden bekannt geben, dass sich die berufensten Mitarbeiter bereit erklärt haben, uns Beiträge für die Herzl - Gedenknummer einzusenden. Schon heute können wir feststellen, dass Inhalt und Form dieser Sondernummer sie zu einer würdigen Denkschrift für unseren grossen Führer machen werden. Von unseren Gesinnungsgenossen erwarten wir, dass sie für eine der Bedeutung dieser Nummer entsprechende Verbreitung Sorge tragen werden. Kein Zionist soll verabsäumen, rechtzeitig ein Exemplar zu bestellen. Die Herzl-Gedenknummer erscheint am 3. Juli d. J. Der Preis beträgt für Nichtabonnenten: in Deutschland in allen übrigen u Oesterr -Ung. Ländern in einfacher Ausführung . . 0,60 M. 0,70 M. auf holzfreiem Papier, gebd. . 1,— „ 1,20 „ Den zionistischen Gruppen, Vertrauensmännern und Kolporteuren berechnen wir die Nummer in einfacher Ausführung bei Abnahme von in Deutschland in allen übrigen u.Oesterr.-Ung. Ländern 10 Exemplaren mit 5,50 M. 6,50 M. 25 13,50 „ 15.50 „ 50 ,, „ 25- „ 28,— „ 100 45,— „ 50,— „ Die Abonnenten der „Welt" erhalten die Herzl- Gedenknummer gratis. Jedoch kann nur jenen Abonnenten . eine pünktliche Zustellung der Nummer gewährleistet werden, die mit der Einzahlung des Abonnementsbetrages nicht im Rückstände sind. Verlag „DIE WELT", Berlin W 15, Sächsische Str. 8