Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 20 (15.5.1914)
- Article
- Österreich und die Türkei
- Date
- 1914-05-15
- Page
- 484 (sequence 2)
- Language
- German
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484 DIE^ELT der Monarchie nicht erspart geblieben — mit Nachdruck festgestellt. Es sei übrigens in diesem Zusammenhänge die Stellungnahme des offiziellen Organes der österreichischungarischen Kolonialgesellschaft ins Gedächtnis zurückgerufen, das anläßlich des Wiener Zionistenkongresses in einer ausführlichen Darlegung hervorhob, daß man mit der zionistischen Kulturarbeit in Palästina vom Standpunkte einer guten österreichischen Wirtschaftspolitik als mit einer gegebenen Größe rechnen möge. Vom jCdischen Handlungsgehilfen-Verband Um der von vielen Firmen praktizierten Boykottierung der jüdischen Angestellten zu begegnen, hat der Jüdische Handlungsgehilfen-Verband eine Stellenvermittlungsabteilung ins Leben gerufen, deren Inanspruchnahme für beide Teile völlig kostenlos ist. Ihre Tätigkeit erstreckt sich auf ganz Oesterreich. Der Verband bittet die jüdischen Arbeitgeber in einem Aufrufe, sich an seine Stellenvermittlungsabteilung (Wien II, Taborstraße 11 B) zu wenden. * Ausstellung Wilhelm Wachtel in Lemberg W.— Die Werke des bekannten jüdischen Malers Wilhelm Wachtel sind jetzt in Lemberg,' in den Sälen der „Gesellschaft der schönen Künste“, ausgestellt. Es sind über 140 Bilder, die in Paris, Warschau und Wien entstanden sind, vereinigt. Wachtel, ein Kind des Lemberger Ghettos, entnahm in früherer Zeit seine Stoffe gern der jüdischen. Gasse; jetzt hat er sich vornehmlich biblischen Stoffen zugewandt. Die Ausstellung gibt einen interessanten Ueberblick über die Entwicklung seines Schaffens. Ungarn Das jüdische „Jung-Ungarn“ (Von unserem Berichterstatter.) 1.1.— Es wird wohl die Leser der „Welt" nicht überraschen zu hören, daß selbstverständlich auch in Ungarn die neuesten politischen, künstlerischen und literarischen Richtungen von Juden ausgehen und fast ausschließlich von ihnen gepflegt werden. Die Verhältnisse des Landes sind vielfach noch immer nicht recht konsolidiert, und die ungarische Kultur ist noch sehr jung, ohne festgeprägte Formen, ohne eigentliche Traditionen. So bemächtigen sich seit der Emanzipationsepoche von Jahr zu Jahr zahlreiche jüdische Intellektuelle der neuen Gedanken und Strömungen des gesitteten Westeuropa, um mit deren Hilfe das morsch gewordene „Alt- Ungarn“ zu reformieren, und ein neues, modernes „Jung- Ungam" entstehen zu lassen. Sie erstreben eine völlige Neugestaltung Ungarns, sind dann aber in ihrer Naivität erstaunt, daß sich Alt-Ungarn nicht durch sie reformieren läßt. Auch für ihre eigene Assimilantentragik zeigen sie wenig Verständnis. Ihre magyarischen Mitkämpfer verlassen sie, nachdem sie selbständig geworden und sich einen bekannten Namen erworben haben . . . „Jung-Ungam“ aber läßt nicht locker: die Getauften, die Konfessionslosen, die Judenstämmlinge, die Nochisraeliten arbeiten weiter an der Neugestaltung Ungarns_ Die geistreiche Schriftstellerin S z i k r a (Gräfin Alexander Teleki) glaubte Ursache zu haben, den Verfall Alt-Ungarfis beklagen zu müssen. „Andere bauen, und der Magyare sieht zu, wie ein fremdes Ungarn erbaut wird.“ „Jung- Ungam“ macht übrigens viel Lärm, leistet aber wenig Positives, da es völlig wurzellos ist. Ein hervorragender Repräsentant dieser Kreise, der sehr begabte Essayist Ignotüs (Hugo Veigelsberg) mußte, in die Klemme getrieben, gestehen: „Dies fremde Ungarland, welches dennoch ein Land ist, diese fremde Kultur, die dennoch Kultur ist, wird gleichwohl gemacht, wenn auch von Fremden; diese Kultur, wenn Nr. 20 sie auch fremd ist, ist da und ist trotz alledem magyarisch.“ Eine nähere Erläuterung dieser in sich widerspruchsvollen These, an deren Richtigkeit außerhalb des jüdischen „Jung- Ungarn“ kein Mensch glaubt, ist Ignotus schuldig geblieben. Graf Kärolyi und die rumänischen Juden 1.1.— Der Präsident der Unabhängigkeitspartei, der größten Oppositionspartei des ungarischen Abgeordnetenhauses, Graf Michael K ä r o 1 y i, hat eine Agitationstournee in den Vereinigten Staaten von Nordamerika unternommen, um die dorthin ausgewanderten Ungarn für seine Partei zu gewinnen. Wie die Zeitungen berichten, bereiteten ihm auch die Vereine der aus Ungarn ausgewanderten Juden große Ovationen. Zweiundvierzig jüdische Vereine sollen ihn in einer gemeinsamen Versammlung gefeiert haben, weil er bei den letzten Beratungen der Delegation in Wien die Gleichberechtigung der rumänischen Juden energisch forderte. Graf Kärolyi zählt .erst seit kurzer Zeit zu den führenden Persönlichkeiten des ungarischen parlamentarischen Lebens. Er hatte seither zweimal Gelegenheit, in jüdischen Fragen Stellung zu nehmen. Bei der Protestversammlung gegen den Beilisprozeß hielt er im Namen seiner Partei eine Rede, in der er den Ritualmordwahn verdammte. In dieser Rede war jedoch der parteipolitische Agitationszweck nicht zu verkennen. Die Rede zugunsten der politischen Gleichberechtigung der rumänischen Juden in den Delegationen war nur eine Episode des politischen Schachzuges, die Politik der Monarchie Rumänien gegenüber scharf anzugreifen... Wir müssen leider dem Grafen Kärolyi die uninteressierte Judenfreundschaft absprechen, seine Stellungnahme in jüdischen Fragen wird von den politischen Tagesfragen bestimmt, die ihn jetzt zufällig dazu bewegen, eine judenfreundliche Stellung einzunehmen. Die Ovationen der New Yorker jüdisch-assimilatorischen Kreise zeugen daher von großer Kurzsichtigkeit. Italien Italienischer Antisemitismus in Tripolis 1.— Wir haben schon früher über Mißhandlungen der jüdischen Bevölkerung von Tripolis durch die italienischen Beamten der Kolonialbehörde berichtet. Ueber einen bedauerlichen Vorfall im jüdischen Schlachthause, der am Vorabend des vergangenen Peßach-Festes stattfand, erhalten wir erst jetzt ausführliche Berichte. Wir wollen diese hier kurz wiedergeben, da sie über die Stimmung der italienischen Beamten, die sich meistens aus Sizilianern rekrutieren, gegenüber unseren tripolitanischen Glaubensgenossen ein Urteil ermöglichen. Am 10. April sollte im jüdischen Schlachthause der Stadt Tripolis die Schlachtung des „Peßach-Lammes“ stattfinden und bei dieser Gelegenheit herrschte ein größerer Andrang als gewöhnlich. Der italienische Veterinärarzt Dr. Alberto C e r r o n e und seine Leute mißhandelten ohne jeden Grund die versammelten Juden, ohne Unterschied des Alters und der Klasse. Infolgedessen wurde ein Memorandum verfaßt, in dem die Aussagen von 39 Zeugen, Juden und Nichtjuden, protokolliert sind. Nach diesen Aussagen ist folgendes geschehen: Der italienische Tierarzt erschien an dem betreffenden Tage mit eineinhalb Stunden Verspätung. Er verlangte von den Juden die Entrichtung von Gebühren, von denen die Juden dem Gesetze nach vollkommen frei sind. Als sich um ihn eine ziemliche Menge versammelt hatte, befahl er seinem Personal, auf die Leute loszuschlagen. Er selbst half mit seinem Stocke nach. Unter den Leuten befanden sich alte Männer und Kinder und sogar angesehene Mitglieder der Gemeinde. Einige Personen wurden schwer verwundet. Der Tierarzt belobte