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Die Welt · 1914-05-15 · 20 (15.5.1914) · p. 482

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
20 (15.5.1914)
Article
Zur Rede Dr. Nordaus
Date
1914-05-15
Page
482 (sequence 2)
Language
German
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482 DIE3BKE1.T Nr. 20 Zionismus überhaupt ernsthafter Betrachtung wert sein soll, muß er folgendes tun: er muß seine Haltung zur zionistischen Arbeit in Palästina in konkreten Ausdrücken definieren; er darf nicht auf Phrasen beruhen, die Männern der Tat nichts bedeuten. Er darf nicht länger kleinliche Kritik am Actions-Comite üben, die sich auf Ergebnisse gründet, die von Kalkulatoren oder Bücherrevisoren genau festgestellt werden können. Er muß auch definieren, was er unter „politischen Arbeiten" versteht, und er muß schließlich durch die Methode seiner Kritik der konkreten Unternehmungen eine Vorstellung von dem geben, was er zu tun vorschlägt. Wir in Amerika, wenigstens viele von uns, glauben, daß so etwas wohl möglich ist. Die beste Kritik des Actions- Comites, vom Standpunkt der politischen Zionisten aus, wären Vorschläge, bestimmte Dinge auszuführen. Eine Partei, die nur verneinen kann, hat keine Basis, auf die sie sich stützen kann. Ist irgendein politisches Unternehmen vom Actions- Comite vernachlässigt worden? So müssen die politischen Zionisten es nennen. Gibt es irgendwelche Konzessionen zu kaufen? So sollen die politischen Zionisten Vorschläge machen, wie der Kauf durchgeführt werden kann. Das wäre vernünftige Partei-Arbeit. Denn dann könnte die Unterlassung solcher Arbeiten durch . das Actions-Comite einen Angriffspunkt auf dem Kongreß bieten. Dinge dagegen, die nur den Bücherrevisor interessieren, nicht aber die gesetzgebende Körperschaft, dürfen nicht, wie es auf dem vorigen Kongreß von Herrn Kann geschah, einen derartigen Angriffspunkt bilden. Gerade, weil viele von uns in Amerika politische Zionisten sind, beklagen wir die Maßnahmen unserer Kollegen in Europa, die, weil sie an Ort und Stelle sind, besser als wir in der Lage sind, die Dinge richtig zu beurteilen und über die Verhältnisse Bescheid zu wissen. Während wir selbst für den politischen Zionismus eintreten und wahrscheinlich unser Tätigkeitsprogramm selbst formulieren könnten, haben wir uns dennoch auf die sogenannte „alte Garde" gestützt. Wenn sie aber bei ihrer kurzsichtigen Politik verharren, bei ihren verkehrten Prinzipien und bei Methoden, die uns, die wir in einem demokratischen Staatswesen leben, als ganz absurd erscheinen, so ist es sehr wohl möglich, daß wir eine neue Partei bilden müssen, die unseren Anschauungen Ausdruck verleiht. Mit Zionsgruß hochachtungsvoll Louis Lipsky. WELTCHRONIK . Deutschland Deutsche Parlamente über den Antisemitismus h.— So häufig Kriegsminister in Preußen zu wechseln pflegen, so selten erfahren die Ansichten, die sie Vorbringen, eine Aenderung. Inhaltlich stimmen die Antworten, die v. Einem, v. Heeringen und v. Falkenhayn im Reichstag auf die Angriffe wegen des Ausschlusses der jüdischen Einjährigen vom Reserveoffiziersposten gaben, überein; es wird nichts geändert — das war das Leitmotiv ihrer Reden. Daß formell der diesmalige Kriegsminister bei der Beratung des Militäretats im Reichstage vor einigen Tagen eine neue Nuance fand — er gab dem Abgeordneten das Verfassungswidrige des Zustandes zu, bestritt aber, daß der verfassungswidrige Zustand auf verfassungswidrigen Maßnahmen beruhe — soll dem Minister, dem die „Redeübungen" nach seinem eigenen Eingeständnis so unangenehm sind, nicht vergessen werden. Eine so glänzende Dialektik ist selten bei Männern unserer Regierung. Bedauerlicherweise glaubte ein Mitglied der fortschrittlichen Volkspartei, Müller-Meiningen, zugunsten der Entstehung des jüdischen Reserveleutnants den Zionismus mit dem Antisemitismus in Parallele setzen zu müssen, ohne zu bedenken, wie wirkungslos die schönsten Reden für Gleichberechtigung der Juden sein müssen, wenn jüdische Bestrebungen dabei angegriffen werden. Es ist aber eine alte Tatsache,‘daß der deutsche Liberalismus für die Juden hur insoweit etwas übrig hat, als sie ein Anhängsel der freisinnigen Parteien sind und sich als solche in erster Linie für die Interessen des Liberalismus opfern; dafür bekommen sie dann als Entgelt schöne liberale Reden zugunsten der „jüdischen Religionsgemeinschaft", denen Taten selten genug Denn als wirkungsvolle Rede und als nichts anderes sind auch die Ausführungen des Landtagsabgeordneten Kanzow zu werten, die er am 11. Mai im preußischen Abgeordnetenhaus gegen den Antisemitismus im Wandervogel richtete. Mit noch so kräftigen Worten richtet man nichts aus, wenn man in seinen eigenen Reihen die Fehler, die man tadelt, in verschleierter Form begeht — und das undemokratische und unsichere Verhalten der Liberalen in der Judenfrage, da wo sie herrschen — in ihrer eigenen Partei und in den Kommunen — ist ja nur allzu sehr bekannt. Der Beifall des ganzen Hauses, der Herrn Kanzows Rede begleitete und der sich zugleich in offener Entrüstung gegen die von ihm zitierten antisemitischen Pöbeleien ’.Stauffs und der Wandervogelführerzeitung äußerte, zeigt doch das eine: Gerade die Parteien, die den Antisemitismus lebendig erhalten wollen, sehen durch den allzu lauten Radauantisemitismus ihre Ziele mehr bedroht, als durch die Liberalen. Herr Kanzow hat geschickt gehandelt, in seiner Rede die „Gefahr der sozialistischen Jugendorganisation" mit der durch den Antisemitismus bedrohten Einigkeit der bürgerlichen Jugendbewegung zu verkoppeln. Die Instinkte der herrschenden Klassen opfern hier den Antisemitismus für einen Augenblick zugunsten der Bekämpfung der Sozialdemokratie und benutzen die Juden als Sturmbock gegen diese; daher ihr Beifall für Kanzow. Bei der nächsten Gelegenheit aber werden sie ihre antisemitische Phrase von der „Verjudung der Sozialdemokratie“ — ebenfalls zu deren Bekämpfung — mit der gleichen Gesinnungstüchtigkeit verwerten. Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums s.— Am 26. April fand in Berlin die Generalversammlung der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums unter dem Vorsitze des Herrn Geheimen Justizrats Dr. JHermann Veit Simon statt. An Stelle des während des Berichtsjahres verstorbenen Geheimen Kommerzienrats Ludwig Max Goldberger wurde Herr Bankdirektor Oscar Wassermann, der vor einem Jahr aus dem Kuratorium ausgeschieden war, wieder ins Kuratorium gewählt. Außerdem wurde die im Laufe des Geschäftsjahres durch Kooptation erfolgte Wahl des Professors Dr. Martin- Philippson von der Generalversammlung einstimmig genehmigt. Der Tätigkeit des Schatzmeisters, des Herrn Dr. Max Weiß, ist es in erster Linie zu verdanken, wenn sich die Lehranstalt immer weiteren und größeren Aufgaben zuwenden konnte. Eine gewisse Unterbrechung in die kontinuierliche Entwicklung der Lehranstalt brachte leider im letzten Jahre das rigorose Vorgehen der Behörden bei der Zulassung der Ausländer zum Universitätsstudium. Nahezu die Hälfte der Hörer der Lehranstalt besteht aus ^84^18268^22842372891514647^

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