Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 19 (8.5.1914)
- Article
- Die Vorgänge in der Wiener Kultusgemeinde
- Date
- 1914-05-08
- Page
- 462 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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462 DIESqKELT Nr. 19 WELTCHRONIK iiillllliliuiiilliMiii]Miiii| Oesterrcidi |. Die Vorgänge in der Wiener Kultusgemeinde (Von unserem Berichterstatter.) a.— Der Kampf der beiden zionistischen Mitglieder im Wiener Kultusvorstande, Dr. Jakob Ehrlich und Oberingenieur Robert Stricker, den sie gegen das herrschende System in der Gemeindeverwaltung führen, hat sich in den letzten Wochen durch eine neue Angelegenheit verschärft, die keineswegs eine „Affäre" von bloß lokaler Bedeutung ist und daher auch in diesen Blättern vermerkt werden muß. Seit Jahren werden in Wiener jüdischen Versammlungen über das Verhalten und Gebaren eines bestimmten Gemeinderabbiners Klagen geführt, die diesen Rabbiner schwerer Verfehlungen bezichtigen. Alle Proteste und Beschwerden blieben erfolglos, da der allmächtige Kultusgemeindepräsident und die ihm gefügige Majorität nicht willens waren, sie ernstlich zu prüfen. Als sich unsere beiden Mandatare durch sorgfältige, aktenmäßig belegte Erhebungen überzeugt hatten, daß die sich mehrenden Anklagen nur allzu begründet seien, beantragten sie im Kultusvorstande die Einleitung einer ordentlichen Untersuchung, gewiß eine billige, zum Schutze des Ansehens der Gemeinde unerläßliche Forderung. Herr Präsident Dr. Stern hat nun die Anordnung des Verfahrens unterdrückt, ja auch dann verhindert, als Herr Dr. Ehrlich, der Advokat ist, nach stürmischen, höchst unerquicklichen Auseinandersetzungen ein erschöpfendes Expose ausgearbeitet und an alle Kultusvorstände geschickt hatte, in welchem dem betreffenden Gemeindebeamten ungesetzliche, gewinnsüchtige, eines Rabbiners höchst unwürdige Handlungen nachgewiesen wurden. Im Einverständnisse mit unseren Mandataren hat nun das Wiener zionistische Parteiorgan, die „Jüdische Zeitun g", die Oeffentlichkeit unter Anführung krasser Unzukömmlichkeiten über diese Vorfälle unterrichtet und insbesondere Herrn Dr. Sterns Haltung verurteilt. Daß die Sache, die sie vertritt, gut und gerecht ist, erwies eine geradezu lächerliche „Berichtigung" und das viel besprochene Intermezzo bei der an dieser Stelle erwähnten großartigen Jubelfeier der Wiener „Chewra Kadischa". Der beschuldigte Rabbiner, der zum Bankett erschienen war, mußte nämlich den Saal verlassen... Trotz dieser deutlichen Aeußerung des allgemeinen Unwillens, trotzdem ferner ein hochgeachtetes nichtzionistisches Mitglied des Kultusvorstandes, Herr Kaiserlicher Rat Lemb erg er, wegen des Verhaltens Herrn Dr. Sterns in dieser Angelegenheit demissioniert hatte, gefällt sich der Präsident der jüdischen Großgemeinde Wien weiterhin in der Rolle eines Schutzherrn des schwer beschuldigten Rabbiners und will die Durchführung des Disziplinarverfahrens, das darüber entscheiden soll, ob die erhobenen Anklagen berechtigt sind, mit unglaublichen Repressalien vereiteln. In der nichtöffentlichen Sitzung vom 3. Mai teilte nämlich der .Herr Präsident mit, daß das Vertreterkollegium die Anschuldigungen geprüft und daß die Mitglieder des Vertreterkollegiums in voller Uebereinstimmung befunden hätten, die Anwürfe seien nicht stichhaltig und ein Disziplinarverfahren sei nicht anzuordnen. Als nun Herr Dr. Ehrlich in Kenntnis des Protokolls über, die erwähnte Vertretersitzung nachwies, daß die Darstellung des Präsidenten über deren Verlauf den Tatsachen ins Gesicht schlägt, und einen Antrag auf Fortsetzung der Erhebungen stellte, brachte Herr Dr. Stern diesen Antrag eigenmächtig nicht zur Abstimmung, beschimpfte unsere Vertreter gröblich und brach die Sitzung ab. Die tief beschämenden Auswüchse einer autokratischen KahalWirtschaft sind noch niemals so kraß zutage getreten wie bei dieser traurigen Angelegenheit. Unsere Mandatare werden mit aller Energie den begonnenen Kampf fortsetzen, im Bewußtsein, die Würde des Judentums gegen Gewalt und Willkür zu verteidigen. Die Tätigkeit des galizischen Hilfsvereines Sonntag, den 26. April fand die diesjährige Generalversammlung des „Hilfsvereines für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien" statt, der bekanntlich seinen Sitz in Wien hat Der Tätigkeitsbericht, der gedruckt vorliegt, gibt ein trauriges Bild der trostlosen wirtschaftlichen Verhältnisse unter den galizischen Juden, die durch die Kreditentziehung seitens der Banken im Jahre 1912, durch die politische Krise während der Balkankriege, durch die galizischen Mißwächse in den beiden verflossenen Jahren und durch den antisemitischen Boykott, der aus Russisch- Polen Übergriff, furchtbar verschärft wurde. „Jede Einnahmsquelle ist fast zur Gänze versiegt, dagegen aber die Teuerung der Wohnungen und Lebensmittel ins Unerschwingliche ge- Der Verein beschäftigt sich vornehmlich mit der Einführung von Modeindustrien, insbesondere von Frauenhandarbeiten wie Häkelei, Weißstickerei, Spitzenklöppelei und Filetspitzenerzeugung, unterhält zu diesem Zwecke Schulen, vermittelt den Warenabsatz und bildet Lehrkräfte heran. Der Nachteil dieser Art von „Industrialisierung", die Abhängigkeit von der Mode, liegt auf der Hand und hat sich gerade im Berichtsjahre erschreckend gezeigt. So kam die Häkelspitze aus der Mode, es ging nur ungefähr ein Zehntel an Löhnen nach Galizien (16686,12 Kr. gegenüber 157679,74 Kr. im Jahre 1912) und der Verein ' mußte fünf fix besoldete Manipulantinnen entlassen . . . Außer Kleiderkonfektion (eine einzige Unternehmung in Tarnow) und der Haametzerei hat der Hilfsverein bisher nichts im Lande unternommen und der Tätigkeitsbericht motiviert dies mit „dem Darniederliegen der Geschäfte im Jahre 1913". Der Verein kümmert sich auch um die Lehrlingsausbildung. Er hat in diesem Jahre — 16 Lehrlinge bei Wiener Meistern untergebracht. Diese Leistungen sind gewiß gering, aber es liegt uns ferne, eine derart dringend nötige Hilfsorganisation durch scharfe Kritik zu entmutigen. Beschämend aber war der Verlauf der Generalversammlung, in der westösterreichische und galizische Kultusgemeinden und Wohltätigkeitsvereine vertreten waren. Begrüßungen der Anwesenden unter Nennung all - der klingenden Namen, Nachrufe, Neuwahlen und die Ernennung des wegen seines hohen Alters zurückgetretenen Obmannes Herrn Siegmund Mayer zum Ehrenpräsidenten bildeten den ganzen Inhalt der „Beratungen“. Kein einziges Wort der Kritik, keine einzige Anregung. Alle diese Herren scheinen wirklich nur gekommen zu sein, um in der „Oesterreichischen Wochenschrift" genannt zu werden. Diese Generalversammlung eines über ganz Oesterreich verbreiteten Hilfsvereines, der bei einiger Interessenahme seiner Mitglieder eine sehr bedeutende Funktion hätte,'war ein Schulbeispiel für die innere Teilnahmslosigkeit des sogenannten offiziellen Israelitentumes an <dem Schicksale unseres Volkes. 4848534823532323482348235302232391