Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Article
- Die Juden in der türkischen Kammer
- Date
- 1914-05-01
- Page
- 443 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 18 443 DIE3^ELT Die Juden in der türkischen Kammer Die Hoffnung, es werde diesmal gelingen, in Palästina einen jüdischen Kandidaten für das Parlament durchzusetzen, hat sich nicht erfüllt. Die Juden der Türkei werden in der Kammer nur durch drei Abgeordnete vertreten sein, nämlich durch Carasso {für Konstantinopel), Mazliach (für Smyrna) und Sasson (für Bagdad). Alle drei gehören der jungtürkischen Partei an und werden stets mit den augenblicklichen Machthabern gehen. Es besteht noch eine gewisse Hoffnung, einen jüdischen Abgeordneten für Rhodos durchzusetzen, doch ist diese Hoffnung nur schwach und dürfte kaum erfüllt werden.;iiiiminiiimiiiimiiiitiimiiiitiiiiiiii_ I giDlIllilllllllOIB PALÄSTINA-RUNDSCHAU Illlllll „Oie Regel“ (Von unserem Berichterstatter.) Noch vor wenigen Jahren wurde in der jüdischen Presse immer wieder darüber geklagt, daß die Juden so selten nach Palästina reisen, um das Land ihrer Väter zu sehen. Die Klage war nur zu berechtigt. Unter den Touristen und Pilgern, die alljährlich das Land besuchten, waren fast keine Juden zu finden. Russen, Franzosen, Engländer, Deutsche, sowie Moslims aus aller Herren Ländern sah man im Frühjahr die Straßen von Jerusalem und der anderen Städte durchziehen, und war auch "mitunter ein „Israelit“ darunter, so war er eben „nicht zu erkennen“. So fragte sich die palästinensische Judenheit mit Recht, ob denn die Liebe des jüdischen Volkes zu Erez Israel ein reines Abstraktum sei, das gar nicht als etwas Reales in 'die Erscheinung treten will? In den letzten Jahren ist nun darin ein erfreulicher Wandel eingetreten. Die vielen Hunderte von Juden, die zum jüngsten Peßachfeste hierherkamen, gaben 'uns wieder einen recht lebhaften Eindruck von dem lebendigen Interesse für Erez Israel, das unsere Volksgenossen in allen Ländern beseelt. War es doch wohl zum erstenmal seit Jahrhunderten, daß sich zu Peßach die Straßen Jeruschalajims mit jüdischen Pilgern, mit Ole-Regel, aus allen Weltteilen füllten, so daß alle Hotels die Ankömmlinge nicht bergen konnten und man Privatquartiere aufsuchen jnußtel „Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!“ Es wäre wohl eine sehr schwierige Aufgabe, wollte man aus der langen Reihe unserer lieben Gäste auch nur die bekannteren Namen anführen. Nur zwei Besucher ragten unter allen anderen hervor: der amerikanische Botschafter Henry Morgenthau und das Mitglied des E. A. C. Nahum Sokolow. Es geschah wohl zum erstenmal, daß wir Gelegenheit hatten, den Botschafter einer Großmacht als Volksgenossen begrüßen zu können. Unsere Freude war um so größer, als wir in Morgenthau einen Juden von wahrhaft vornehmer Gesinnung und stolzem Volksbewußtsein kennen lernten. Wir wollen hier nicht alle Veranstaltungen zu Ehren des Botschafters aufzählen. Nur zwei Momente sollen ihrer besonderen Bedeutung wegen erwähnt werden. Sein Besuch in der Mearath Harn a c h p e 1 a , den Patriarchengräbem von Hebron, zu dem er einen besonderen Firman von der Konstantinopeler Regierung mitbrachte, interessierte weite Kreise der Bevölkerung. Bekanntlich ist der Besuch dieser geheiligten Stätte allen Nichtmohammedanern im allgemeinen verwehrt, und nur Fürstlichkeiten und sonstige hervorragende Persönlichkeiten erhalten auf Grund einer besonderen Erlaubnis Zutritt zu dem eifersüchtig bewachten Heiligtum. Mehr der Gegenwart und ihren Fragen galt die Unterhaltung des Botschafters bei dem Festessen, das David J e 11 i n in seinem Hause dem amerikanischen Botschafter und anderen illustren Gästen zu Ehren gab. Jellins Ansprache, die einen Vers aus Jesaias zum Ausgangspunkte nahm, gab den folgenden Tischreden gehaltvolle Anregungen. Morgenthau schloß seine herzliche Erwiderung, die sich über das Interesse Amerikas für den Orient und der amerikanischen Juden für das jüdische Palästina verbreitete, mit den Worten: „Ich will mit allen meinen Kräften für die Wohlfahrt der palästinensischen Juden arbeiten. Nützen Sie diesen meinen Willen und helfen Sie mir, indem Sie sich einigen und organisieren.“ Die weitere Ansprache von Nahum Sokolow, der mit seiner liebenswürdigen Gattin dem Bankett beiwohnte, rief durch Form und Inhalt einen tiefen Eindruck hervor. Auch er zog £inen Vergleich zwischen den amerikanischen und den palästinensischen Juden. Indem er auseinandersetzte, was unter den gegebenen Verhältnissn die Judenheit des einen Landes der des andern geben könne, sprach er die Hoffnung aus, daß der Besuch des hohen Gastes in Palästina und sein Studium des jüdischen Kolonisationswerkes für beide Länder gleich bedeutsame Folgen zeitigen werde. Botschafter Morgenthau veranstaltete seinerseits ein Festessen im jüdischen Hotel Kaminitz, zu dem Vertreter der mohammedanischen, jüdischen und christlichen Bevölkerung geladen waren. Er selbst, sowie der Jerusalemer Gouverneur und der Rektor des amerikanischen College in Beirut hielten bei dieser Gelegenheit bemerkenswerte Ansprachen. Mr. Morgenthau benutzte auch den Aufenthalt in Jerusalem zur Besichtigung zahlreicher jüdischer Wohlfahrtsanstalten, wobei er immer wieder bei Herrn J e 11 i n Informationen einholte. Die weitesten jüdischen Kreise Jerusalems hatten auch Gelegenheit, Nahum Sokolow zu hören — und zu bewundern. Bei der Rede, die er am ersten Tage des Peßachfestes in der Synagoge „Jabneh“ hielt, war das Gotteshaus so voll, daß große Scharen gezwungen waren, die Rede Sokolows draußen anzuhören. Zwei Tage vorher sprach Herr Sokolow im Beth-Am, wobei er gleichfalls einen tiefen Eindruck bei der zahlreichen Zuhörerschaft hinterließ. Die Chagigah in Rechoboth Zum siebentenmal versammelten sich in diesem Jahre Hunderte und Tausende aus Jaffa und Jerusalem, aus den Kolonien und Farmen, Schüler und Touristen, auch viele Araber, um einen Tag der Feier und des Frohsinns, um die Chagigah in Rechoboth zu verbringen. Die Einrichtung trägt bereits einen traditionellen Charakter. Wieder stellte die Eisenbahndirektion Jaffa—Jerusalem einen Extrazug zur Verfügung, der die Ausflügler von Tel-Awiw abholte und sie abends dorthin zurückbrachte. Wieder verkaufte der Waad von Tel-Awiw hebräische Retourkarten, die diesmal besonders hübsch gedruckt waren. In Ramleh warteten Wagen, allerdings zum größten Teil Leiterwagen, auf die Gäste. Aber was verschlägt’s? Es geht ja zur Chagigah und da darf man es nicht so genau nehmen. In einer Stunde sind wir ja dort. Aber bevor die Wagen an den eigentlichen Schauplatz der Feier gelangen, wird unterwegs noch Halt gemacht. Wir fahren zwischen zwei Reihen von Bäumen, und da haben die Veranstalter der Chagigah eine Art Ehrenpforte aus Laub angebracht. In blau-weißen Farben prangt eine Ueberschrift in hebräischer Schrift und Sprache: Gedenket des Jüdischen Nationalfonds... Schmucke Burschen treten an die Ankömmlinge mit der Büchse heran. Die Spenden sollen zur Pflanzung eines Haines im Herzl-Wald auf den Namen der Chagigah verwendet werden.