Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Article
- Statistik der italienischen Juden [Nachricht]
- Date
- 1914-05-01
- Page
- 442 (sequence 2)
- Language
- German
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442 Nr. 18 DtE2§KELT beherbergt. Nach dieser Statistik gab es im Jahre 1911 in Italien 43 924 Juden (im Jahre 1901 nur 35 617), so daß auf je 1000 Einwohner 962 Katholiken, 2 Protestanten, ein Jude und 35 Konfessionslose entfallen. Die Zahl der Juden in den neu anektierten Provinzen (Tripolitanien und Cyrenaika) genau zu berechnen, ist vorläufig nicht möglich. Nach den kompetentesten Kennern der dortigen Verhältnisse dürfte ihre Zahl nicht unter 30 000 betragen. Prof. Chajes’ Palästinareise Einer unserer besten Forscher und Gelehrten, der auch für die aktuellen Fragen des Judentums Interesse hat und mit all seinen Kräften für die Renaissance des Judentums arbeitet, ist unser Gesinnungsgenosse Prof. Dr. H. P. Chajes, der frühere Dozent am italienischen Rabbinerseminar und an der- Florentiner Hochschule und jetzige Oberrabbiner von Triest. Prof. Chajes hat sowohl während seines langjährigen Aufenthaltes in Italien als auch in seinem neuen Wirkungskreis im zionistischen Sinne gewirkt und unserer Organisation und unserer Palästinaarbeit überall Freunde erworben. Seit langer Zeit hegte er den Wunsch, nach Erez Israel zu reisen, um sich mit eigenen Augen vom Stand der jüdischen Arbeit in Palästina zu überzeugen. Nunmehr ist es ihm gegönnt, seinen lang gehegten Wunsch in Erfüllung zu bringen; Ende dieses Monats wird er sich in Triest für eine längere Palästinareise einschiffen. Türkei Aus dem jüdischen Gemeindeleben (Von unserem Konstantinopeler Berichterstatter.) li.— Wie bereits berichtet, haben die letzten Wahlen zur Gemeinderepräsentanz in Konstantinopel das erfreuliche Ergebnis gehabt, daß die national-jüdische Richtung im Medschliss dschismani zur ausschlaggebenden wurde. Der Medschliss dschismani, der Gemeindevorstand, ist eine für das türkische Judentum sehr wichtige Behörde, da ihm gemeinsam mit dem Großrabbiner die Verwaltung der Konstantinopeler Gemeinde, zugleich aber auch die Beschäftigung mit allgemeinen jüdischen Fragen zufällt, die im Großrabbinat behandelt werden müssen. Unter den kürzlich gewählten Mitgliedern der Medschliss herrschte also das jüngere, national empfindende und von ernstem Arbeitseifer beseelte Element vor; nur der Präsident, Mentech Paschah Galimidi, gehörte den Jahren wie der Geistesrichtung nach mehr zu der älteren Generation. Trotzdem schien der Apparat zunächst befriedigend zu funktionieren, da der Großrabbiner, der im Grunde keine inneren Beziehungen zu den national-jüdischen Kreisen besitzt, sich durchaus entgegenkommend verhielt. Er erwirkte die sofortige Bestätigung des Medschliß durch die Regierung, und man machte sich an die Arbeit, zunächst die ganz unzureichend organisierte Geldbeschaffung für die Gemeinde zu verbessern. Leider ergaben sich dann wieder kleine Reibungen zwischen den Mitgliedern des Medschliss einerseits, dem Präsidenten des Medschliss und dem Großrabbiner andererseits. Mentech Pascha Galimidi trat zurück, und zurzeit ist man auf der Suche nach einem neuen Präsidenten. Der Konflikt selbst, der zu unbedeutend ist, um hier im einzelnen auseinandergesetzt zu werden, ist inzwischen schon beigelegt. Man kann nur wünschen, daß die Gemeindeorganisation endlich regelmäßig funktioniert, damit die nötigsten Reformen in Angriff genommen werden können. Zurzeit ist eine friedliche Zusammenarbeit des Großrabbiners mit dem neuen Medschliss dschismani sehr wohl möglich, wenn man es auf beiden Seiten vermeidet, ganz unnütze Konfliktsstoffe zu schaffen. Die Haltung der Regierung li.— Es ist unleugbar, daß in der Haltung der Regierung gegenüber dem jüdischen Element in der Türkei eine günstige Wendung eingetreten ist. Ob diese von Dauer sein wird, ob sie unter dem Druck politischer Parteien oder anderer Einflüsse sich nicht wieder verschlechtert, darüber kann man freilich keine genaue Auskunft geben. Bei der Unentwickeltheit der öffentlichen Meinung kommt hier alles auf momentane Stimmungen und auf die persönliche Meinung der leitenden Männer an. Zurzeit muß man jedenfalls sagen, daß die Regierung sich freundlich verhält und ein gewisses Verständnis für jüdische Wünsche zeigt, die früher unberücksichtigt blieben oder gar schroffe Ablehnung erfuhren. Zunächst dürfte die Regierung durch den Krieg und andere Ereignisse darüber belehrt worden sein, ein wie loyales und treues Element sie an ihren jüdischen Untertanen besitzt. Die Haltung der Juden war überall so patriotisch, die Juden zeigten auch außerhalb der Türkei so warmes Empfinden für das Unglück dieses Reiches, daß die leitenden türkischen Kreise von sc starken Beweisen der jüdischen Freundschaft und Treue nicht unberührt bleiben konnten. Diese bessere Stimmung kam z. B. zum Ausdruck, als die Regierung den wiederholten Vorstellungen wegen der Abschaffung des Roten Zettels nachgab. Auch gewisse Beschlüsse bezüglich der Naturalisation der Juden in Palästina lassen ein besseres Verständnis für unsere Bestrebungen erkennen. Die angeordnete Erleichterung der Naturalisation entspricht zugleich auch dem Standpunkt der Araber, welche stets verlangt haben, daß die in Palästina ansässigen Juden ottomanische Untertanen werden. — Die hier angedeutete Wendung zum Besseren in der Auffassung der Regierung muß mit Umsicht gefördert werden, wobei man sich durch gelegentliche Rückschläge und Enttäuschungen nicht bange machen lassen darf. Auch die Stimmung der türkischen Juden, insbesondere der Juden Konstantinopels, wird für diese Entwicklung von Bedeutung sein. Leider konnte der hier kürzlich gegründete zionistische Verein, der für die Gewinnung der hiesigen Juden von größter Wichtigkeit gewesen wäre, seine Tätigkeit nicht aufnehmen. Die Regierung hatte zwar schon vor Wochen den Verein unter dem Namen „Histadruth Zionith Ottomanith“ bestätigt, doch mußte er kürzlich wieder aufgelöst werden, weil nach einer neuerlichen Auslegung des türkischen Vereinsgesetzes die Statuten dem Wortlaut des Gesetzes nicht entsprechen. Das Gesetz schreibt nämlich in § 4 vor, daß es zwar politische oder nationale Vereine geben dürfe, daß aber Vereine, die zugleich nationalen und politischen Charakter haben, nicht gestattet sind. Diese Bestimmung ist offenbar gegen die politische Betätigung der nationalen Minoritäten in der Türkei gerichtet. Auf den Zionismus, der sich von den politischen Tageskämpfen ganz fern hält, dürfte sie kaum zutreffen, doch wird man eben genötigt sein, einen der Regierung annehmbar erscheinenden Ausweg zu suchen *). *) Die von einigen jüdischen Blättern im Anschluß an die Mitteilung von der Aufhebung des zionistischen Vereins in Konstantinopel verbreitete Nachricht, die türkische Regierung habe die hebräischen Plakate in den Städten Palästinas verboten, ist, wie uns aus absolut zuverlässiger Quelle mitgeteilt wird, vollkommen unrichtig. Sie ist vielleicht darauf zurückzuführen, daß die Behörden in der letzten Zeit einige fMakate entfernen ließen, weil sie nicht mit den vom Gesetz vorgeschriebenen Stempelmarken versehen waren. Die Redaktion. 0102012302020201000100010201