Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 17 (24.4.1914)
- Article
- Jüdisches Schul- und Gemeindewesen
- Date
- 1914-04-24
- Page
- 418 (sequence 2)
- Language
- German
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418 DIEX&ELT Nr. 17 wählen ließ, braucht auch kaum besonders berichtet zu werden. Wir haben uns daran gewöhnt, Herrn Dr. Ehrenpreis in vielen Punkten als Gegner zu betrachten, wo die Zionisten sich für die gesetzliche Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung Bulgariens einsetzen. Nun bekam letztens die ganze Angelegenheit einen Stich ins Tragikomische. Dr. Ehrenpreis teilte vor einigen Wochen mit, daß er Bulgarien verlassen werde, um einem sehr schmeichelhaften Rufe nach Stockholm zu folgen, und daß er nur noch einige Monate bleibe, um die Angelegenheiten des bulgarischen Judentums zu ordnen. Diese Nachricht war uns durchaus erwünscht. Ohne Dr. Ehrenpreis kann der schon so lange ersehnte Gemeindekongreß Zustandekommen und Normen schaffen, welche dem zukünftigen Großrabbiner die Möglichkeit geben, sich außerhalb der Parteien zu bewegen, wodurch seine Würde nur gewinnen könnte. Nun droht aber der weitere Verlauf der Sache eine Fortsetzung des alten Liedes zu werden. Die Nachricht von dem bevorstehenden Rücktritt des Herrn Dr. Ehrenpreis wurde anfangs auch von den Antizionisten ziemlich kühl aufgenommen; plötzlich aber hieß es, Dr. Ehrenpreis sei für Bulgarien unentbehrlich, und nun wird alles in Bewegung gesetzt, um Herrn Dr. Ehrenpreis zum Bleiben zu bewegen: es werden Unterschriften gesammelt, das obenerwähnte Konsistorium hat die Vorsteher der nicht wiedergewählten Gemeindekomitees nach Sofia zusammenberufen, wo darüber beraten v..:rden soll, wie man Dr. Ehrenpreis zum Bleiben veranlassen könnte. Sollte dies gelingen, so wird es sicher auf Kosten der zionistischen Forderungen, d. h. durch Schmälerung der Rechte der jüdischen Bevölkerung, geschehen. Damit hätten wir aber die trostlose Aussicht auf die Fortsetzung eines die Entwicklung des bulgarischen Judentums schädigenden Parteihaders. Rumänien iiiiiiiniiiiiiiiiniii wesen in Rumänien.") Warum sollten nun die diese Schulen besuchenden rumänischen Schüler hinter ihren Lehrern an Patriotismus zurückstehen? Die christlichen Schüler des jüdischen Gymnasiums Schäffer bewiesen denn auch bei dieser Gelegenheit, daß sie ihrer Lehrer würdig sind. Ob die jüdischen Schulverwaltungen aus diesen und ähnlichen Vorkommnissen der letzten Zeit die richtige Nutzanwendung ziehen werden? Nach ihrem bisherigen Verhalten muß man sehr daran zweifeln. iillliiliiiiililiiiillillliiilliliilillitiil Griechenland iililiiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiii Ritualmordbeschuldigung in Saloniki r.— Kurz vor Ostern ist von den Griechen wieder die unsinnige Beschuldigung des Ritualmordes gegen die Juden unserer Stadt erhoben worden. Dabei hat sich folgender Vorfall zugetragen, dessen Folgen sehr verhängnisvoll hätten werden können. Eine junge Griechin, von ihrem Gatten und ihrer Mutter begleitet, hatte sich in ein von Juden bewohntes Haus begeben und forderte unter wüstem Schreien und Drohungen, daß man ihr kleines Kind, das verschwunden wäre und von den Juden versteckt gehalten würde, auf der Stelle herausgäbe. ln ihrer.Erregung behauptete sie, daß auch am Abend vorher ein anderes griechisches Kind geraubt worden wäre. Die jüdischen Familien beteuerten, daß sie von der ganzen Sache nichts wüßten, aber ihre Versicherungen waren vergebens. Die Griechen begannen das Haus in allen Ecken zu durchsuchen und drangen in die Keller und Schränke, immer ihre absurden Drohungen dabei wiederholend. Eine Stunde lang setzten sie ihr Suchen so fort, bis schließlich der Sache ein Ende gemacht wurde, als eine andere Frau erschien und mitteilte, daß sich das verlorene Kind wiedergefunden hätte. Judenfeindliche Exzesse in Braila (Von unserem Berichterstatter.) m.b.— Vor kurzem veranstaltete das Komitee des Verbandes der eingeborenen Juden eine öffentliche Versammlung in Braila, um gegen die Aufrechterhaltung des § 7 der Verfassung, wodurch die Lösung der Judenfrage ad calendas graecas vertagt wird, zu protestieren. Die „rumänische Kulturliga" berief für denselben Tag eine Generalversammlung ein, hetzte den Pöbel gegen die Juden — und während die jüdische Versammlung noch stattfand, ergoß sich auf einmal der Straßenmob, von Lyzeanem angeführt, über die von Juden bewohnten Stadtteile, durchzog unter wildem Gejohle die Straßen, warf die Fensterscheiben jüdischer Wohnungen und Läden mit Steinen ein und ging daran, die jüdischen Synagogen zu zerstören. Schon hatten sie die Fensterscheiben des Chortempels eingeschlagen, als die Polizei erschien und die Exzedenten auseinandertrieb. Sie hielt es jedoch nicht für nötig, irgendwelche Verhaftungen vorzunehmen, um die Urheber der Exzesse zur Verantwortung zu ziehen. Handelte es sich doch um die „Fremden ohne ausländischen Schutz", wie die Juden von den Rumänen benannt werden. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß sich mehrere Schüler des „hebräischen" Gymnasiums „Schäffer“ unter den Exzedenten befanden. Dieses Gymnasium wurde — wie manche andere Gymnasien im Lande — von einem reichen Juden (Schäffer in Braila) gegründet, weil die Aufnahme jüdischer Schüler in die Staatsgymnasien von den antisemitischen Schulleitungen immer mehr erschwert und zuletzt ganz verweigert wurde. Nun haben aber unsere reichen Brüder in ganz unangebrachter Selbstverleugnung an diesen Schulanstalten christliche Lehrkräfte angestellt. Zum Lohne dafür fördern die an diesen jüdischen Gymnasien angestellten rumänischen Lehrer den praktischen Antisemitismus, der bei uns neben dem theoretischen einhergeht, bei jeder Gelegenheit. (Vgl. „Die Welt" Nr. 6 d. J.): „Jüdisches Schul¬ [iiiiiiiiiiiiMiiiiiniiiiii| Italien Die Hetze der „Unitä Cattolica“ (Von unserem Berichterstatter.) 1.— Der Florentiner „Unitä Cattolica", die das beliebteste und gehätscheltste Organ der vatikanischen Kreise ist, sind die Juden ein Dom im Auge. Seitdem Emesto Nathan nicht mehr Bürgermeister von Rom ist und sie keine Gelegenheit mehr hat, auf die römische „Judenbande", die das italienische Volk demoralisiert und die Kirche „verfolgt", zu schimpfen, widmet sie ihre Aufmerksamkeit der „äußeren Politik", dem ausländischen Judentum nämlich, da die italienischen Juden ihr nicht genug Stoff bieten. Ein pikantes Argument ist für ihr frommes Herz natürlich immer der „Ritualmord". Auch das diesjährige Peßachfest konnte sie nicht vorübergehen lassen, ohne die Ritualmordlegende wieder aufzufrischen. Es wäre müßig, hier auf ihre Ausführungen einzugehen. Seit einiger Zeit beginnt auch der Fortschritt des jüdischen Palästina diese besorgten Gemüter zu beschäftigen. Besonders die jüdische Kolonisation in Palästina geht der liebenswürdigen „Unitä" gegen den Strich. Sie läßt sich von einem Jerusalemer Pater Berichte über den überhandnehmenden Einfluß der Zionisten in Palästina berichten, die von den Jung-Türken besonders begünstigt würden. Das gibt der „U n i t ä" Anlaß, auf die „katholischen Mächte" zu schimpfen, die diese jüdische Profanation des heiligen Landes erlauben. Den Zionisten könnte wahrhaftig kein besseres Zeugnis ausgestellt werden, als es dieser fromme Grimm unfreiwillig tut. Unter den neuesten Ereignissen bietet der Besuch Baron Rothschilds in Palästina der klerikalen Zeitung eine Gelegenheit zu ohnmächtigen Auslassungen. Wir wollen hier einige Stellen dieses Artikels herausgreifen, die besonders interessant sind: „Es ist höchste Zeit, daß die katho-