Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 17 (24.4.1914)
- Article
- Lucian Brunner
- Date
- 1914-04-24
- Page
- 412 (sequence 2)
- Language
- German
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412 Nr. 17 DIE^ELT zum guten Teile von Juden stammten, nicht mehr für katholische Zwecke verwenden durfte. Dadurch hat er sich, wie jetzt sogar die „Neue.Freie Presse“ anerkennt, ein dauerndes Verdienst erworben. Damals aber erschraken die 'würdigen israelitischen Stadtväter derart über seine Kühnheit, daß sie ihn eines schönen Tages in die Räume der Kultusgemeinde einluden und ihn beschworen, von der „scharfen Tonart" gegen Lueger, Schneider und Strohbach abzulassen... Angeekelt von der Feigheit und Leisetreterei seiner „Mitkämpfer" legte er sein Gemeinderatsmandat nieder. Vier Jahre später, als das allgemeine Wahlrecht in Oesterreich errungen war, trat Brunner, als Schüler Adolf Fischhofs, ein überzeugter Anhänger der nationalen Autonomie und treuer Nationaljude, in die zionistische Bewegung ein. Er wirkte bei der Sicherung jüdischer Wahlkreise und bei der Wahlkampagne des Jahres 1908, die den jüdischen Klub zeitigte, hervorragend mit, stand bei Festlegung des Programms mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen beratend zur Seite, sprach in zahlreichen Städten. Von diesem Zeitpunkte an widmete er sich mit größter Intensität, seltenem Opfermute, ja ohne auf seine angegriffene Gesundheit (er war her/leidend) Rücksicht zu nehmen, vorzüglich drei Problemen: dem Kampfe um die Anerkennung der jüdischen Nationalität in Oesterreich, der Linderung des wirtschaftlichen Judenelends in Galizien und der jüdischen Studentenfrage. Selbstlos, ohne einen Augenblick den unzweifelhaft ungünstigen Ausgang zu erwägen, trat er bei Wahlgängen wiederholt in die Bresche, sei es, um gegen das getaufte Mitglied des deutschen Nationalverbandes, Dr. Redlich, vorzugehn, sei es, um in der Wiener Leopoldstadt in unzähligen Versammlungen das demokratische, nationaljüdische Programm zu vertreten. Trefflich war der offene Brief, den er im November 1909 an den Präsidenten des Reichsgerichts, Geheimrat Unger, richtete, weil dieser in einer Urteilsbegründung erklärt hatte, es gebe keine jüdische Nation. Mit vollem Rechte warf er Unger vor, daß er, als getaufter Jude, in dieser Angelegenheit nicht urteilen dürfte, da er voreingenommen sei, „zumal ich als selbstverständlich annehmen muß" — wie Brunner malitiös beifügte —, „daß Ew. Exzellenz nur Ihrer innersten Ueberzeugung gefolgt sind, als Sie sich vom Judentume abwendeten." . . . Als er, wie alle wohlhabenden Juden, einen Bettelbrief des antisemitischen deutschen Schulvereins erhielt, sandte er an den Obmann, den Abgeordneten Dr. Gras, ein ausführliches in der „Jüdischen Zeitung" abgedrucktes Schreiben, das Aufsehen erregte, und mit besonderer Schärfe trat er in Wort und Schrift gegen die Wiener und Lemberger Assimilanten auf, als sie durch widerliche Hintertreppenpolitik die Bewilligung der jüdischen Kurie in der Bukowina vereitelten. Es ist noch unvergessen, daß er bei den letzten Reichsratswahlen um ein bukowinensisches Mandat durch brutale Gewalt und Schwindel gebracht wurde, trotzdem er faktisch gewählt war. Große Verdienste erwarb sich Brunner um die galizische Judenheit. Er ist nämlich Initiator und Gründer der Lemberger „K r e d i t - U n i o n", die seit fünf Jahren besteht, in allen Teilen des Landes Filialen unterhält und den bedrängten jüdischen Kleinkaufleuten unter die Arme greift. Brunner war an dem Unternehmen nicht nur hervorragend finanziell beteiligt, sondern verschaffte ihm auch durch sein Giro den Reeskompte bei den Wiener Banken. In tiefste Trauer aber werden durch sein Hinscheiden seine Lieblinge, die bewußtjüdischen Studenten, versetzt. Man kann nicht leicht schildern, wie sehr ihm das Wohl der jüdischen Akademiker am Herzen lag. Dicht bei seinem Arbeitszimmer war in einem gesonderten Raume die jüdische Lektionenvermittlung untergebracht. Dieser Kämpfer und Draufgänger nahm an allen studentischen Aktionen teil und hat sich noch vor kurzem mit einer Schar von Hochschülern, denen man mit Unrecht den Zutritt zu einer Versammlung verwehrt hatte, verhaften und durch die Polizei abführen lassen. Als Mandatar der Exportakademiker nahm er am letzten Zionistenkongreß teil, und in der „Kadimah" hielt er seinen letzten Vortrag über jüdische Politik. Unermüdlich war er in der Propaganda und Sammeltätigkeit für das geplante jüdische Studentenheim. Er betrachtete die Errichtung des stolzen Baues auf dem von ihm gespendeten Grunde für seine Lebensaufgabe und stellte sich an die Spitze des von ihm ins Leben gerufenen Vereins „Jüdisches Studentenheim". Nun hat man ihn allzu früh dorthin getragen, wo er Jahr für Jahr am 13. März erschien, die Gräber der Märzrebellen zu bekränzen. Erschüttert neigen wir uns über seine Gruft. Da liegt ein Kampfesfroher mit einem ewig jungen Herzen, einer, der sich und seinem Volke treu geblieben ist. Jüdische Jugend, da liegt einer, der allen den Fehdehandschuh hinwarf, die um Duldung winselten, jeden an den Pranger stellte, der den Schild unseres Volkstums besudelte. Senk die Fahne, jüdische Jugend: dieser still gewordene Mann war kein Epigone — Dr. Otto Abeies. Das Leichenbegängnis Lucian Brunners Unter massenhafter Beteiligung der Wiener Zionisten wurde Lucian Brunner Sonntag, den 19. April, zu Grabe getragen. Sämtliche zionistischen Organisationen Wiens und alle zionistischen Studenten, ferner eine große Deputation des jüdischen Handlungsgehilfenverbandes und zahlreiche jüdische Hausierer, die Brunner zeitlebens väterlich betreute, gaben dem Verblichenen das letzte Geleit. Die Lemberger „Kreditunion" war durch Gg. Herrn Direktor Eisler vertreten. Am offenen Grabe nahm in bewegten Worten namens der Zionisten der Präsident des zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich, Herr Dr. Karl Pollak, Abschied. Es sprachen noch Vertreter der Studentenschaft und der Hausierer. Es war eine schlichte und ergreifende Feier. Sämtliche Tagesblätter widmeten dem Verstorbenen Nachrufe. Das Actions-Comite hat an die Witwe Lucian Brunners folgendes Beileidschreiben gerichtet: Sehr geehrte gnädige Frau'. Wir gestatten uns, Ihnen und Ihrer Familie anläßlich des Todes Ihres auch von uns hochverehrten Gatten unsere herzliche Teilnahme auszudrücken. Wenn weite Kreise des jüdischen Volkes in Lucian Brunner einen Mann betrauern, der unermüdlich und unerschrocken immer wieder in die Schranken trat, wo es jüdische Ehre und jüdische Interessen erforderten, so verlieren wir mit Ihrem Gatten einen treuen Gesinnungsgenossen, den wir noch im Herbst als einen Delegierten des jüdischen Volkes auf dem Wiener Kongreß begrüßen durften. Seien Sie versichert, daß die Zionistische Organisation und mit ihr das jüdische Volk dem Verstorbenen ein ehrendes Andenken bewahren werden. Mit ausgezeichneter Hochachtung Das Actions-Comite der Zionistischen Organisation