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Die Welt · 1914-04-24 · 17 (24.4.1914) · p. 406

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
17 (24.4.1914)
Article
Die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit in Palästina
Date
1914-04-24
Page
406 (sequence 2)
Language
German
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406 blE^ELT müssen die Mütter aufgeklärt werden über das, was ihrem Kinde zuträglich ist, und wie all dies sich mit kleinsten Mitteln beschaffen läßt. Diese Aufklärungsarbeit wird sich ebenso auf die ausführenden Organe der Unterstützungsorganisationen zu erstrecken haben. Durch populären Fürsorgeunterricht wird die Möglichkeit gegeben sein, auf die schon bestehenden charitativen Einrichtungen erziehend und förderlich einzuwirken. Hierzu kommt die Notwendigkeit, ein einheitliches Vorgehen zwischen Hebammen und Aerzten herbeizuführen. Daß die Hebammen nicht entgegen der ärztlichen Taktik auf „altbewährte Ammenmärchen" zurückgreifen, wird gleichfalls durch Kurse zu erreichen sein. Als Hauptpunkt wird natürlich die Behandlung der Kinder und die systematische Beobachtung in gesunden und kranken Tagen in Betracht kommen. Nun fragt sich, in welcher Form all dies ausführbar ist. Diese Ausführbarkeit scheint mir wenigstens großenteils durch Errichtung einer Säuglingsfürsorgestelle gewährleistet zu sein. Es soll meinem Plane gemäß in den ärmsten Vierteln Jerusalems (an ein bis zwei Stellen) ein gut durchgebildeter Kinderarzt zu bestimmten Stunden Sprechstunden abhalten. Er wird da vor allem den Müttern Ratschläge für die Aufziehung ihrer Kinder zu erteilen und dabei besonders darauf zu achten haben, daß die Mütter (wenn irgendwie angängig) selbst stillen; nötigenfalls unter Gewährung von Milchrationen für die Mütter. Sollte sich aus irgendwelchen Gründen heraussteilen, daß eine natürliche Ernährung nicht möglich ist, wird er eine in jeder Beziehung einwandfreie künstliche Ernährung zu gewähren haben. Hand in Hand damit hat aber notwendig eine Organisation gut ausgebildeter Recherchedamen zu gehen. Sich diese heranzuziehen, ist Aufgabe des Arztes; denn ohne sie ist seine Tätigkeit von nur geringem Nutzen. Es kann sein, daß ein Kind trotz sorgsamer Pflege nicht gedeiht, da es nach wie vor in einem für seine Entwicklung allzuschädlichen Milieu bleibt. Es kann sein, daß die Mutter bewußt oder auch unbewußt den Vorschriften der Aerzte entgegenhandelt. Solche Dinge festzustellen und den Arzt darüber zu informieren, wird eine der Aufgaben der Recherchedamen sein. Was kann nun aber der Arzt gegen irgendwelche bestehende Milieuschäden unternehmen? Auch hier wird hauptsächlich Aufklärungsarbeit einzusetzen haben. Einer Mutter muß bedeutet werden, wie notwendig Lüftung, Reinlichkeit, Aufbewahrung der Milch und überhaupt die einfachsten hygienischen Maßnahmen für die Entwicklung der Kinder sind. Die Möglichkeit, den Milieuschaden bei einem Säugling auszuschalten, ist leichter als man denkt; denn es handelt sich nicht um die (natürlich unlösbare) Aufgabe, die ganze Umgebung auszuschalten, sondern lediglich darum, einen kleinen Teil im Raume, um den Säugling herum, in seinem Interesse zu gestalten. Vor allem durch Einwirkung auf die Mutter: auf ihre Reinlichkeit und Sorgfalt. Von welcher Zisterne oder welchem Brunnen sie das Wasser zu holen hat; wie sie sich einwandfreie Milch am billigsten und besten beschafft — dies und ähnliches wird ihr gesagt werden müssen. Ein besonders wichtiger Punkt ist es auch, daß man Malaria- und Trachomkranke der nächsten Umgebung durch Behandlung aus dieser Umgebung entfernt und zwar durch Ueberweisung an die entsprechenden Anstalten, wodurch wieder ein gedeihliches Zusammenarbeiten mit anderen Organisationen bewirkt wird. Von überragender Bedeutung ist es nun, die Mütter nicht nur mündlich zu unterweisen; denn das gesprochene Wort genügt nicht. Man wird vielmehr für die verschiedenen gangbaren Fälle gedruckte Merkblätter bereit zu halten haben, nach denen die Mütter sich jederzeit den mündlichen Rat des Arztes wieder ins Gedächtnis zurückrufen können. Nur so kann eine exakte Ausführung der ärztlichen Ratschläge Nr. 17 gewährleistet werden. Diese Merkblätter werden in hebräischr und jiddischer Sprache verfaßt. Für diese Fürsorgestelle, welche — wie gesagt — keine Schnorrsondern eine Auskunftsstelle sein wird, sind nun mindestens je zwei Räume nötig, und zwar möglichst in einem Hause, in dem nur noch ähnliche Zweckverbände sich befinden. Diese erforderlichen Räume sind zu benutzen als Warteraum1 resp. Raum zur evtl. Reinigung und Aufnahme der anamnestischen Daten (d. i. Alter, Gewicht, bisherige Ernährung, Krankheiten usw.) und endlich als Untersuchungsraum. Das ist die Minimalforderung. Dieser (einmal geschaffenen) Fürsorgestelle wird sich leicht eine Tageskrippe angliedern lassen. Sie ist gedacht zur Ausschaltung des Milieuschadens in Fällen, wo die vorher erwähnten Mittel nicht ausreichend zu sein scheinen. In dieser Krippe nämlich werden die Kinder wenigstens bei Tage in einer allen hygienischen Anforderungen entsprechenden Weise untergebracht sein. Die Mütter haben allenfalls hier zu bestimmten Zeiten zum Stillen ihrer Kinder zu erscheinen. Das hat einen doppelten Vorteil für sich, für die Mutter, daß sie ihre ganze übrige Zeit für Haushalt oder sonstigen Beruf frei hat, ohne alle Augenblicke durch Sorge um das Kind abgelenkt zu werden. Und für das Kind, daß es seine Nahrung regelmäßig bekommt; diese Regelmäßigkeit ist der erste Grundsatz einer systematischen Kindererziehung. Schließlich ist auch für das körperliche Gedeihen des Kindes nichts schädlicher als Unregelmäßigkeit der Ernährung, wie unbesonnene Mütter es zu tun pflegen. Beim geringsten Schrei, den das Kind ausstößt, bekommt es zur „Beruhigung" die Brust gereicht, ohne Rücksicht auf Zeit und Notwendigkeit, ln regelmäßigem Turnus müßte nun immer eine Mutter für einen Tag die Tagespflege aller übernehmen. Das hat den nicht zu unterschätzenden Vorteil, daß hier am besten Gelegenheit gegeben ist, die Mütter über rationelle Pflege aufzuklären. Tüchtige Mütter und aufklärende Helferinnen können hier von selbst im praktischen Dienste entstehen. In einer angegliederten Arbeitsstube können sie beide lernen, den Kindern die Kleidung zu schneidern und die Nahrung zu kochen. Auch junge Mädchen sollen hier herangezogen werden und schließlich auch zu tüchtigen Schwestern ausgebildet werden. Damit entsteht ein neuer Berufszweig im Lande, der nur dem Lande zugute kommen kommen kann. Das ist in ganz großen Zügen (für den medizinischen Laien geschildert) mein Plan einer palästinensischen Säuglingsfürsorgestelle und Tageskrippe. Peinlich mischt sich in alle Zukunftspläne die Geldfrage, die aber in diesem Falle zum Teil wenigstens bereits gelöst ist. Ein bekannter Philanthrop hat für die gedachten Zwecke Mittel zur Verfügung gestellt: die nötige Lokalität für die Fürsorgestelle in Jerusalem, eine Summe Geldes zur teilweisen Deckung des jährlichen Unterhaltes und endlich zwei geschulte und gut ausgebildete Schwestern. Was fehlt also noch? Einrichtung und völlige Unterhaltung der Fürsorgestelle, ferner die Einrichtung und Erhaltung der Tageskrippe. Um die noch fehlenden Summen für einen solchen Zweck jährlich aufzubringen, wird man weniger auf einzelne Personen, als auf Organisationen sehen müssen. Für einen Plan nämlich, der in seiner ganzen Entfaltung dem Lande gesunde Kinder schafft, der jüdischen Frauen und Säuglingen über schwere Zeiten hinweghilft, wird vor allem die Frauenvereinigung, die Gesellschaft jüdischer Aerzte usw., das Odessaer Komitee, der Esra, wie manche andere Organisation Interesse beweisen müssen. Einem Kuratorium jüdischer Frauen und Vertretern dieser Organisationen bleibt es nun anheimgestellt, diesen Plan zu verwirklichen; die Pläne sind fertig, die Grundmauern stehen, bauet auf!

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