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Die Welt · 1914-04-17 · 16 (17.4.1914) · p. 393

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
16 (17.4.1914)
Article
Der islamische Orient - unpolitische Briefe aus der Türkei [Rezension]
Date
1914-04-17
Page
393 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 16 393 meißelt würdig, wie doch die Revolution der Geister überall, wenn auch unter verschiedenen Formen, dieselben Schleichwege betreten muß. Wer erinnert sich nicht bei diesem Bericht des Jeschibah-Jüngers, der noch in der jüngsten Vergangenheit sein profanes Buch hinter dem Talmud-Folianten versteckte? So das Erbe, daß die „Jungtürken“ übernommen haben. Professor Hartmann verhehlt nicht, daß sich durch sie manches zum Besseren gewandelt hat. „I>ie Gehälter werden jetzt mit einiger Regelmäßigkeit bezahlt; die Unsinnigkeiten des Hamidischen Regiments (20 Oberste für ein Regiment, Generäle von 25 Jahren mit Unterleutnants von 60 Jahren) sind beseitigt; selbst die höchsten Offiziere haben sich im Interesse des Vaterlandes in die Herabsetzung ihrer Chargen gefunden; auch in den Zivilämtern hat ein großes Reinemachen stattgefunden, und es ist viel von dem in den Ministerien herumlungemden Gesindel abgestoßen.“ Die führenden Kreise der Derwisch-Orden sind für die Sache der Freiheit und so mancher Ulema ist „das Bild des begeisterten Kämpfers für eine gute Sache“. Die sozialistische Bewegung hat ihre Ansätze und selbst die junge weibliche Generation will lernen, will heraus aus den beengenden Banden. Aber im großen und ganzen bekommt doch das neue Regiment (anno 1909!) eine schlechte Note, die in ihrer Heftigkeit gar oft an Wut grenzt. H. sagt; „Der 23. Juli 190$ . . . schien einen großen Strich unter die Vergangenheit zu machen. Man erwartete, daß nun eine andere Art von Menschen sich bemerkbar machen würde. Nichts davon! In Stambul herrscht durchaus der Typ des . . . faulen, auch physisch verkommenen osmanischen Effendis vor.“ (S. 32.) „Es fehlt der Gemeinsinn, und vor allen Dingen: niemand will Opfer bringen.“ (S. 4$.) „Es kann nicht oft genug gesagt werden, daß die Faulheit und die Unfähigkeit in der Verwaltung des Staates und der größeren städtischen Gemeinwesen genau wie früher herrschen, und daß nicht die geringste Aussicht da ist, daß es anders wird.4 (S. 56.) Diese traurige Erkenntnis drängt sich ihm nicht bloß auf in der Unterhaltung mit Europäern in Konstantinopel, die mit den Verhältnissen vertraut sind, sondern auch in hohen türkischen Kreisen, zu denen er wegen seiner Studien auf dem Gebiete der türkischen Sprache und Literatur Zutritt hat. (Er war wegen dieser Studien schon 1875. in Konstantinopel. Ein anderer Aufenthalt vom Jahre 1901 wird ebenfalls erwähnt.) So wird von einer Sitzung des Türk Dernegi, eines Vereines zur Säuberung der türkischen Sprache von der Ueberschwemmung durch arabische und persische Wörter, der auch H. beiwohnte, folgendes berichtet: „Es hagelte nur so herab (durch A j a z aus Kasan) auf die armen Osmanlis, die völlig unfähig seien, die nichts von den anderen Türkenvölkem wissen, die sich für weit überlegen über alle halten, während sie doch in allem, Schulwesen, Literatur, moralischen Qualitäten, weit zurück stehen.“ Es wurde mir nachher erzählt, er habe am Anfang der Sitzung sich folgendes geleistet: „Ich kam hierher nach Stambul, in dem Gedanken, ein ehrliches, braves Türkenvolk zu finden, ich fand aber eine Bande von Lügnern; Ihr könnt nichts als lügen, Worthalten gibt es nicht bei Euch.44 (S. 123.) Es ist kein Wunder, wenn H. nach solchen Eindrücken zu dem pessimistischen Resultat gelangt: „Das osmanische Volk steht erst am Vorabend einer Erhebung, zu der ihm freilich die Kraft fehlen wird.“ (S. 411.) Kann nun der unbefangene Leser dieses harte Urteil teilen? Kann nicht ein Volk, das kraftlos am Boden liegt, sich zum Werke seiner Erlösung aufraffen? Hartmann selbst erzählt folgende nicht uninteressante geschichtliche Anekdote: „Eines Tages erhielt Graf Andrässy von dem österreichischen Botschafter in Konstantinopel, Grafen Uexküll, einen Bericht, in welchem der Türkei das sichere Ende in nächster Zeit in Aussicht gestellt wurde; bald darauf erschien der Schreiber des Berichtes in Wien und Graf Andrässy redete ihn folgendermaßen an: ,Mein lieber Graf, Ihren Bericht über die Türkei habe ich mit Interesse gelesen; es ist ja recht traurig, was sie da geschrieben haben; es hat mich aber einigermaßen getröstet, daß ich, als ich neulich in alten türkischen Akten blätterte, einen Bericht aus der Zeit der Kaiserin Maria Theresia fand, in dem das gleiche fast mit den gleichen Worten gesagt ist4 . . .“ Für alle Fälle sollten diejenigen, die an der künftigen Gestaltung der Geschicke des osmanischen Reichs Interesse nehmen, diese „unpolitischen44 Briefe lesen. Sie bieten übrigens auch über die D ö n m e s interessante Mitteilungen. Jaffa. R. B. Ozar Saphruth Israel. Eine Anthologie in Prosa und Poesie aus allen Gebieten der hebräischen Literatur seit dem Abschluß der heiligen Schriften, mit literar-historischen Einleitungen, Biographien und Erläuterungen. Ein Lehr- und Lesebuch, l. Teil. Herausgegeben von Dr. J. L. Baruch. Wilna, 5674. (Hebräisch.) Mit dieser großangelegten Anthologie unserer gesamten nachbiblischen Nationalliteratur hat der Herausgeber einen längst empfundenen Mangel in dankenswerter Weise beseitigt. Wohl besitzen wir bereits einige ähnliche Schriften, wie die Anthologie „Miwchar Hasaphruth“ von J. Ch. Tawj e w und die Chrestomathie „B i k k u r i m“ von Pinchas Schiffmann, — allein diese erstrecken sich mehr auf die neuere Literatur, die bisher mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Jugend vornehmlich berücksichtigt wurde. Die fast vollständige Ausschaltung unseres älteren Schrifttums nimmt aber diesen Sammlungen einen wesentlichen Teil ihres allgemeinen Wertes. Die vorliegende Anthologie hält sich von dieser Einseitigkeit fern. Der soeben erschienene erste Band enthält u. a. Stücke aus den Apokryphen, aus Philon, Flavius Josephus, dem Aristeas-Brief, dem Buche Henoch, dem Buch der Jubiläen, den Psalmen Salomons, den Targumim, der Mischna und Tosephta. Die Auswahl ist mit Umsicht und Verständnis für das Charakteristische der einzelnen Schöpfungen getroffen, und die Kommentare und Einleitungen sind klar und aufschlußreich. Alle Freunde unserer alten hebräischen Kultur, die sie trotz ihrer Mannigfaltigkeit als eine im Grunde einheitliche nationale Schöpfung betrachten und die Verbreitung ihrer Kenntnis erstreben, werden das Erscheinen des „Ozar Saphruth Israel44 freudig begrüßen und das fernere Gelingen des schwierigen Unternehmens aufrichtig wünschen. Berlin. Josef Lin. mny rV’SS'HpCjTu Dr. Joseph Klausner: Die hebräische Transkription. Separatabdruck aus der hebräischen Monatsschrift „Hasapha“ in St. Petersburg. Die Transkription fremder Wörter im Hebräischen bildet eine große Schwierigkeit für die hebräisch Schreibenden. Worte der indogermanischen Sprachen in der hebräischen, vokallosen Schreibung adäquat zum Ausdruck zu bringen, ist nicht leicht, und lange herrschte große Verwirrung auf diesem Gebiete, besonders seit die Mendelssohnsche Orthographie des Jüdisch- Deutschen ins Hebräische eingedrungen war, dessen Geist sie, — wie z. B. die Schreibung des „e44 als Ajin — ganz fremd war. Es ist interessant, daß die Abschaffung dieser Mißbräuche von Palästina ausging, wo die Berührung mit dem sephardischen Element das Unhebräische mancher Schreibweise bald offenbarte. Dennoch ist das Problem noch nicht befriedigend gelöst und beim Lesen einer hebräischen Zeitung fragt man sich oft vergeblich, wie ein Fremdwort eigentlich zu lesen ist. Diesem Uebelstande sucht Klausner abzuhelfen, indem er ein einheitliches System der Transkription vorschlägt, das sich auf die Schreibweise des Talmud stützt und zugleich auf die Technik des Druckes Rücksicht nimmt. Die Beurteilung der Vorschläge muß Fachleuten überlassen werden. Sympathisch berühren Klausners Ausführungen gegen einen übertriebenen, chauvinistischen Purismus in bezug auf das Fremdwort, der oft zu ungeheuerlichen Sprachbildungen führt. Je leichte: sich heute Neubildungen im Hebräischen durchsetzen, um so größer ist die Verantwortung der Sprachbildner. Prag. Hugo Bergmann.

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