Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 16 (17.4.1914)
- Article
- Haschiloah [Rezension]
- Date
- 1914-04-17
- Page
- 391 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 16 DIEX&ELT 391 »!»..imiii1.i.lllniiiii.i.ii.n.ll,.,1i,lll,illii,ii».illnlli., n„i ,nm„n um. wnimnnniBn^^ ininniiiiniii LITERARISCHE RUNDSCHAU |HUllBUlllltllllll Haschiloah, Monatsschrift für Literatur, Wissenschaft und Leben. Redigiert von Dr. josef Klausner. 28. Band. Januar-Juni 1913. In unserer armen hebräischen Literatur, in der man die guten Bücher eines Jahres fast an den Fingern abzählen kann, hat eine literarische Monatsschrift vom Range des von Achad H a a m begründeten „Haschiloah“ eine besondere Bedeutung und ein abgeschlossener Band verdient es mindestens ebenso wie ein Buch, angezeigt zu werden. (Eine Besprechung des nächstfolgenden 29. Bandes, der ebenfalls schon abgeschlossen vorliegt, behalte ich mir vor.) Es kann sich natürlich hier nicht darum handeln, Kritik an einzelnen Artikeln zu üben; nur durch Hervorhebung einiger besonders bedeutsamer Beiträge soll der Wert der Zeitschrift illustriert werden. — Der Herausgeber selbst, Dr. J. Klausner, veröffentlicht schon seit mehr als einem Jahre Tagebuchaufzeichnungen von seiner Palästinareise. Die Aufzeichnungen gewähren, obwohl — vielleicht auch weil — sie eine Fülle ganz persönlicher Details enthalten, ein überaus lebendiges Bild des heutigen Palästina. Der Verfasser bemüht sich durchaus nicht, schön zu färben; er vermeidet es nicht, die Schattenseiten darzustellen; und doch spricht aus allen seinen Worten eine frohe Hoffnung und manchmal versetzt ihn ein kleines Intermezzo, wie die Unterrichtsstunde in der Jaffa er Mädchenschule — eine Frau, die vor Mädchen in hebräischer Sprache Geographie von Frankreich vorträgt — in helle Begeisterung. Neben dieser lebendigen Palästinadarstellung steht eine sorgfältig ausgearbeitete, mit einer Fülle statistischen Materials belegte Analyse des jetzigen Standes der Kolonisation von Josua B a r s i 1 a i. In diesem Bande werden in drei Artikeln Rechoboth und Gederah behandelt. — Einem palästinensischen Schriftsteller, J. Ch. Brenner, ist ein ausführlicher Essay von Sch. Z e m a c h gewidmet, der die Persönlichkeit dieses merkwürdig düstern und herben Dichters liebevoll charakterisiert. — Ein unter dem Pseudonym More Z a i r schreibender Lehrer unterzieht den Religionsunterricht in den jüdischen Schulen einer heftigen Kritik. Von den theoretischen Arbeiten des Bandes seien noch erwähnt: „Naftaliben Schmuei: „Rabbenu Gerschom Meor Hagolah“, Abraham Zwi Idelson: „Die hebräische Aussprache“, G. Stern: „Die Frau in Bibel und Agada“, Dr. S. Bernfeld: „Jehuda Arje Modena“, H. Bunin: „Der Chassidismus der Chabad“, Dr. A. Levins o h n: „Die jüdischen Studenten in Amerika“, Dr. O s i a s Thon: „Das Wüstengeschlecht“ (Eine Polemik gegen die in Palästina verbreitete Verachtung der Galuthjuden). Von den in diesem Bande des „Haschiloah“ erschienenen Dichtungen sind die meisten der in Prosa geschriebenen recht mittelmäßig. Ausnehmen möchte ich fast nur M. S e k o s „Tochter Israels“. Dieses Poem, wie es sein Verfasser nennt, ist eine entzückende, in dichterischer Prosa geschriebene Idylle aus dem Leben in der Ukraine. Friedlich und freundlich leben da die Juden unter den Bauern und seltsam innig geht hier Natur, christliche Sitte und jüdische Ueberlieferung zusammen. Die Juden feiern halb und halb „ihre“ Feiertage mit, datieren nach den christlichen Festen wichtige Lebensereignisse — wie die Gurkenernte — und in köstlicher Weise vermischt sich da jüdischer mit bäuerlichem Aberglauben. Die Tragödie, die sich in diesem Milieu in dem Herzen eines jungen jüdischen Mädchens abspielt, hat Seko trefflich geschildert. Er zeichnet das „Versorgen“ des jüdischen Mädchens im Gegensatz zum natürlichen Liebesieben der chuchulischen Bauern mit ihren Liebesspielen und Liebesreimen, die er in ein glänzendes Hebräisch übersetzt hat. Die Sprache dieses Poems gehört mit zu seinen großen Schönheiten. Mit einem fast unerschöpflichen Reichtum an Worten und Wendungen hat Seko das Leben der Bauern geschildert, das unserm jüdischen so fremd ist, daß man fast nicht glauben kann, daß es hebräische Worte für all die Dinge gibt, die der Dichter erzählt. Das Poem hat nur den Fehler, zu lang geraten zu sein. Von den Gedichten seien die zarten und schönen Herbstlieder von Elija M e i t u m erwähnt. Von den Gedichten K a m i n k a s „Im Lande Israels“ sei das eine hervorgehoben, das Jerusalem betrauert. David Schimonowitz hat ein großes Gedicht „Das Mädchen vom Jordan“ geschrieben, das harmlos und unschuldig beginnt und in dessen letzte Strophen der Dichter erst seine ganze leidenschaftliche, phantastische Seele ergossen hat. — Noch sei ein stimmungsvolles Gedicht „Der Abschied“ von Ascher Barasch erwähnt. Die Perle unter den Gedichten aber, wie wohl überhaupt der wertvollste Beitrag zu diesem Bande, ist das neue große Gedicht von S. Schneor „Manginoth Israel“. Das Gedicht führt uns nach Italien. Ein Jude in einer Osteria. Ein Mädchen, das Mandoline spielt. Er erinnert sich, daß uies die Enkelin derer ist, die Jerusalem zerstört haben. Und schon sieht er das Bild der Zerstörung des zweiten Tempels mit allen seinen Schrecknissen. Aber Israels Geist hat sich gerächt.. Seinem Ansturm sind die alten Götter zum Opfer gefallen. Wo ist noch heute ein Heiligtum, wo nicht Davids Psalmen ertönten und Moses' Stimme spräche? . . . Doch wenn sich Israel siebenfach gerächt hat, so haben sich die gestürzten Götter siebenundsiebzigfach gerächt. Sterbend haben sie ihren Völkern als Erbe für die Zukunft den Haß und die Verachtung gegen das Volk eingegeben, das sie entthront hat. Da lodert wilder Haß im Herzen des spätgeborenen hebräischen Dichters auf und gleich den in Babylon Gefangenen, die den 137. Psalm sangen, ruft er: „Wohl dem, der dir vergilt!“ Roms Tochter aber spielt die Mandoline zu dem grausigen Rachelied — — — „Spiel du... Meine Schwestern haben das Spielen verlernt, Den Sang der reifen Traube und der taugetränkten Lotosblume, Den Sang des Volkes, das sich befreit, des Helden, der dahinfällt, (Und schwarze Locken der Geliebten umflechten den zerbrochenen Bogen). Beim Lärm nördlicher Gesänge, bei fremden Festlichkeiten Mit Söhnen ihrer Dränger — die dürsten nach des Ostens Liebesglut — Tanzen meine Schwestern, meine schwarzen Schwestern Und ihre Tänze sind wie Wirbel weißen Schnees. So sei du, Fremde, mir die Schwester, die Erlöserin, Entzaubere in mir den Sang von einst, der nun erstarrt ist, Wie Lichtesfluten in dem Frost des Nordens . . .“ Schneors Gedicht gehört, wie mir scheint, zu den bedeutendsten Schöpfungen der jüngsten hebräischen Literatur. Die ungebrochene, stolze Kraft, die aus jeder Zeile spricht, teilt sich dem Leser mit und läßt ihn der schwächlichen Verzweiflungsrufe vergessen, die seit einiger Zeit von Kleinmütigen unter uns erhoben werden. Prag. Dr. Hugo Bergmann.