Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 16 (17.4.1914)
- Article
- [Kommentar] / Bahr, Hermann
- Date
- 1914-04-17
- Page
- 388 (sequence 2)
- Language
- German
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388 Nr. 16 DIE3§EELT auch in Gefahr, der Verständnislosigkeit und Respektlosigkeit im Mitlebcn fremden Staatslebens verdächtigt zu werden und mit Recht oder Unrecht von den Indern nur als „zersetzendes Element“, als „Fremdkörper“ empfunden zu werden. Erst mit dem Besitz eines Heimatstaates als dem unverwüstlichen Stützpunkte seines angeborenen Volkstums gewinnt der Kulturmensch die Legitimation, kraft deren er in jedem anderen Staate äußerlich und innerlich für voll und bürgerlich, für geeignet zur persönlichen Wahrnehmung aller Staatsinteressen erkannt werden muß: der Heimatstaat seiner Väter ist eine unerschütterliche Basis und Rückendeckung, die ideale und reale Rechtfertigung seiner Rasse- Eigentümlichkeiten zu jeder Zeit und an jedem Punkte der Erde. In welchem Staate er auch immer sein Leben in voller staatsbürgerlicher Betätigung zu verbringen wünscht, niemals darf sein Patriotismus bezweifelt werden, denn er hat seine unanfechtbare Bewährung in der langen Geschlechterfolge seiner Vorfahren im Heimatstaate gefunden. Felix Dahn sagt darum mit Recht: „Des Mannes höchstes Gut ist sein Volk, das Volkes höchstes Gut ist sein Staat.“ Das wird durch tausendjährige welthistorische Kämpfe an allen Ecken und Enden der Erde bewiesen. . . . Mit der Wiederauffrischung des jüdischen Zentralstaates auf dem altgeheiligten Boden wird erst das Werk der Befreiung und Reinigung der vielangefeindeten und vielbesuldelten Rasse jenes Staatsvolkes, das der modernen Welt heute noch die Tafeln des Ursittengesetzes aus der Hand Gottes darreicht, in die Wege geleitet werden, allen Völkern zum Heile. Ohne Liebe zu dem wunderbaren Inhalte aller völkischen Probleme und Ideale wird auch hier der Alltagssinn nur Schwierigkeit über Schwierigkeit sehen und die Reihen jener verstärken, die als Antizionisten eine der herrlichsten und unterstüzungswertesten völkischen Bewegungen der Gegenwart und Zukunft befehden. Ohne innerlich mitfühlendes Verständnis für die tiefsten Leiden und Freuden der jüdischen Volksseele wird man sich vergeblich um die Lösung jener Probleme bemühen, deren vornehmstes und dringlichstes sich der organisierte Zionismus zur Lebensaufgabe gemacht hat. Abgesehen von den religiösen und metaphysischen Motiven, die im Zionismus neben rein praktischen Erwägungen eines geordneten rassemäßigen Gemeinschaftslebens mitschwingen, müßte es besonders den Juden im westeuropäischen Kulturgebiete, an dessen Blüte viele ihrer Volksgenossen so hervorragend mitgewirkt, eine wahre Herzenssache sein, durch die unermüdliche Förderung der zionistischen Sache zu erweisen, daß Rassejudentum, Nationalismus und Patriotismus einer gefühlsmäßigen wie werktätigen Vereinigung fähig sind . . ." Im Dezemberheft der „Neuen Rundschau" hat der deutsche Dichter Alfons Paquet einen Aufsatz „In Palästina“ veröffentlicht. Der Aufsatz verrät eine genaue Kenntnis des Zionismus, seiner geistigen Voraussetzungen und seiner Stellung innerhalb des jüdischen Volkes. Vorurteilsfrei prüfte Paquet, was die jüdische Kolonisation und vor allem die zionistische Organisation in Palästina bisher erreicht hat. Paquet beobachtete das Leben in den Städten und in den Kolonien. In Rechoboth nahm er an der C h a g i g a h teil, und seine Schilderung dieses neuen jüdischen Volksfestes verrät einen Abglanz der Stimmung, die die Tage von; Rechoboth jedem Festteilnehmer wertvoll gemacht haben. Auch über die Entwicklung und das Leben in Rischon-le-Zion ■und Pethach-Tikwah enthält Paquets Aufsatz genaue Beobachtungen. Seine gewissenhaften Einzelbeobachtungen verwertet Paquet zu einem Gesamturteil über den Zionismus: „Erst seit 10, höchstens 15 Jahren gibt es einen modernen Zionismus. Ueberblickt man, was seine Werbeafbeiter bisher für die Durchknetung des in Palästina neu gesammelten und des gesamten draußen verstreuten Judentums geleistet haben, und was im Lande geschieht, so muß man zugeben, daß schon vieles erreicht worden ist. Von Jahr zu Jahr tritt Palästina deutlicher als Wirtschaftsgebiet von ausgesprochener Eigenart auf dem Weltmarkt hervor.“ Besonders interessant ist, daß dieser deutsche Dichter gerade durch das Leben in Palästina dazu gebracht wird, im Zionismus eine geistige Bewegung zu sehen, die es „auch für den Christen der Mühe wohl wert macht, die Entscheidung mit der geduldigen Spannung des nicht ganz Unbeteiligten zu erwarten“. Nun erscheint in der von Kurt A. Gerlach in Verbindung mit Hanns Dorn herausgegebenen Zeitschrift „Der Staatsbürger“ (4. "Heft 1914) ein neuer Aufsatz von Alfons Paquet: „Die Frage nach dem Sinn.“ In diesem Aufsatz untersucht Paquet die treibenden Kräfte der großen religiösen Bewegungen, vor allem des Protestantismus, und den gesellschaftlich-revolutionären Versuch der schwäbischen Bauern, die die ersten deutschen Kolonien in Palästina gegründet haben. Und an die Geschichte der schwäbischen Kolonisten in Palästina schließt Paquet die folgenden Ausführungen: „Mitten in einem religiös äußerst zerfahrenen und zugleich erwartungsvollen Europa, dem künftige politische Neugestaltungen, dem die immer engere Nähe der östlichen Welt, dem die .ersten Angriffe aus jener Welt auf die Vormachtstellung des europäischen Geistes sich ankündigen, scheint auch das Judentum in eine geistige Krise geraten. Die Einheitsidee wird wieder in der Welt lebendig, und die Juden zeigen es an. Es ist wie ein Erwachen, dieses Besinnen auf ein lebendiges, wenn auch tausendfach zersplittertes Volkstum. Wem die Wirkung von Martin Bubers „Drei Reden“ noch zweifelhaft erschiene, dem müßte ein Blick in das von modernen jüdischen Schriftstellern und Studenten verfaßte Sammelbuch „Vom Judentum“ genügen, das kürzlich im Verlag von Kurt Wolf in Leipzig erschienen ist. Ein alttestamentarischer Bannstrahl ist im vorigen September von der Tribüne des Wiener zionistischen Kongresses gegen dies ketzerische Buch geschleudert — und zurückgenommen worden. Diese Vorgänge zeigen, daß auch in das Judentum, dessen Probleme sich im Zionismus sammeln, eine Richtung gekommen ist. Sie ist dem Geist der deutschen Reformation verwandt, und jenen Ahnungen auch, die uns sagen, daß einst der Kreis der europäischen Kultur sich über Vorderasien ausweiten wird, und daß, wer hinausgeht und dort draußen eine geistige und rechtliche Stellung sich schafft, am stärksten einst zurückwirken wird auf das alte Europa.“ Es ist interessant, zu sehen, wie stark die Lebensäußerungen der zionistischen Bewegung und ihre Leistungen in Palästina auf einen Mann wie Paquet wirken, der nicht zu den Durchschnittsliteraten gehört. Erneuern Sie sofort Ihr Abonnement, da Sie sonst keine Garantie für die pünktliche Zustellung der Nummern in diesem Quartal haben. 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