Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 16 (17.4.1914)
- Article
- Zweite Palästinawanderfahrt jüdischer Turner und Studenten
- Date
- 1914-04-17
- Page
- 387 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 16 t>IE2$EELT Eine echte „Wanderfahrt“ ist’s, die einen wandern, die andern fahren, je nach der augenblicklichen Beschaffenheit. Es darf aber nicht verhehlt werden, daß die Gruppe der letzteren nur sehr klein ist und meist nicht in die Erscheinung trat. Wer kann den Enthusiasmus beschreiben, mit dem unsere palästinensischen „Bundesbrüder“, die Makkabi-Tumer, über uns herfallen, die Begeisterung in ihren Liedern und Turnübungen, die auch uns skeptische „Westler“ ansteckt. Die hebräischen Lieder können wir schon fast alle und singen sie mit wahrer Inbrunst auf dem Marsch und täglich beim 387 „Neschef“ (einige von uns sagen leider immer noch „Nefesch“). Morgen geht es weiter, am Abend werden wir Jerusalem sehen. Eine Spende tur die Tachkemonischule Zur Errichtung eines neuen Gebäudes für die hebräische Mittelschule Tachkemoni in Jaffa hat ein russischer Gesinnungsgenosse, der nicht genannt sein will, den Betrag von 55 000 Eres, gespendet. [.1 il .. REVUE DER PRESSE Die von unseren Münchener Gesinnungsgenossen herausgegebene und von Norbert W e 1 d 1 e r trefflich redigierte Monatsschrift „Das jüdische Echo“ hat eine Anzahl hervorragender deutscher Dichter und Schriftsteller befragt, welchen Eindruck sie von der bekannten „Erklärung“ des Antizionistischen Komitees empfangen hätten. Die Antworten, die unserem bayerischen Bruderblatt bisher zugegangen sind, enthalten wenig Schmeichelhaftes für die Gesinnung und Kampfesweise unserer Gegner, ln der Märznummer des „Jüdischen Echo“ sind die Antworten von Ricarda Huch, Wilhelm Weigand, Freiherm v. B o d m a n n und W. Fred abgedruckt, die Aprilnummer bringt Aeußerungen von Hermann Bahr und Michael Georg Conrad. Hermann Bahr führt u. a. folgendes aus: „Ich kenne das „Antizionistische Komitee“ nicht. Geber den Zionismus aber darf ich sprechen. Ich hatte das Glück, Herzl gut zu kennen. Gerade zu der Zeit, als der Zionismus in ihm entstand, waren wir viel zusammen, und er holte mich oft, wenn er aus seiner Redaktion kam, in meiner ab, wir gingen dann zuweilen stundenlang immer um die Votivkirche herum. Später fand ich Gelegenheit, in Wien und Prag mit Zionisten zu verkehren, Franz Oppenheimers Arbeiten wurden mir wert, auch er selbst, dieser rastlose Geist, dieser heftig nach Tat verlangende Mann, und Bubers hochblickende, tiefahnende Bücher ergriffen mich. Die Kühnheit, der Opfersinn, das Heldenhafte der ganzen Bewegung war mir ein großes Erlebnis. Ich sah eine selbstlose Jugend sich alten Vorurteilen entwinden, sich auf ihr inneres Gesetz besinnen und mit Leidenschaft das Recht verlangen, ihrer Nation anzugehören. Aber wenn ich mir nun auch sagen mußte, daß ich, wenn ich Jude wäre, mir kaum vorstellen könnte, nicht Zionist zu sein, so fand ich doch auch wieder rechtschaffene, ja vorzügliche Juden, die dennoch dem Zionismus widerstreben. Daß es den einzelnen Menschen möglich ist, ihre Nation zu verlassen und in das Wesen einer anderen (wenn schon nicht selbst, so doch in der dritten oder vierten Generation) tief einzudringen, kann nicht bezweifelt werden. Es gibt genug Italiener germanischer Abstammung (Dante, Leonardo, Cavour), ebenso Spanier (besonders im Norden, Loyola), und ebenso gibt es gute Deutsche slavischer oder romanischer Herkunft (der Pole Nietzsche, die Berliner Franzosen wie Du Bois-Reymond und Fontane, die Bayern unverkennbar römischen Geblüts, wie Stuck und Conrad Dreher). Ja, es scheint, daß der Typus des „reinrassigen“ oder „edelrassigen“ Menschen immer erst aus Kreuzungen entsteht, wie Kultur immer nur entsteht, wenn eine Rasse ihr Wesen einer anderen Rasse auf zwingt, wobei beide ebensoviel hingeben als sie annehmen. Es ist also nicht einzusehen, warum es von vornherein keinem Juden möglich sein sollte, in deutsches Wesen Einlaß zu finden. . . . Ich begreife, daß manche Juden, von deutschem Wesen angelockt, ihr eigenes abzutun und sich zu verwandeln trachten, was dem einen mehr, dem andern weniger geraten mag. Ich begreife auch, daß manche sich niemals entscheiden können, zwar Deutsche werden, doch aber auch Juden bleiben möchten und so schließlich in einer gräßlichen Verwirrung des Gefühls selber nicht mehr wissen, was sie sind. Ich begreife nur nicht, was irgend einen Juden, der noch an seinem Volke hängt und gar kein Verlangen hat, sich von seinem Volke zu trennen, nötigen sollte, sich zum Deutschen zu machen, gar da doch die Deutschen selbst sich dies nicht einmal so besonders zu wünschen scheinen. Es gibt Juden, die Juden sein wollen, nichts als Juden, und froh, ja stolz sind, Juden zu sein. Ob das weltklug von ihnen ist, ob es angenehm für jene anderen Juden ist, die lieber keine mehr wären, ob es wünschenswert für die Völker ist, mit denen sie leben, geht uns gar nichts an. Es gibt einmal solche Juden, und so können sie das Recht ansprechen, das heute ja jeder, auch der kleinsten Nation zugestanden wird, das Recht, ihr eigenes Wesen ungehindert darzustellen und auf ihre besondere Weise, so wie sic geschaffen sind, am Ganzen der Menschheit mitzuwirken. So lange es solche Juden gibt, und wenn ihrer nicht mehr als tausend wären, gibt es ein jüdisches Volk. In uns allen aber lebt doch das Gefühl, daß kein Volk, wie gering und welcher Art es auch immer sei, keines sich selbst entrissen und Gesetzen wider seinen Geist unterworfen und entseelt werden darf. Jedes Volk soll sein eigenes inneres Gesetz erfüllen dürfen. Daß man dies allen Völkern zugesteht und nur den Juden nicht, jenen, die noch Juden sind und Juden bleiben wollen, ja daß es ihnen gerade von Juden, solchen, die nur den Namen behalten, das Wesen aber abgelegt haben wollen, bestritten wird, das ist es allein, was ich durchaus nicht begreifen kann.“ Michael Georg Conrad schreibt u. a.: „. . . Was dem Zionismus Bedeutung, Wucht, Glanz, adelige Schönheit verleiht, ist die Tatsache, ,daß er aus der Sorge um die heiligsten Dinge im Komplex der Menschheits-, Staats- und Rassenkultur geboren ist. Er ist seit Urzeiten vorhanden, ist ein Bestandteil der Weltgeschichte und wird nicht verschwinden, so lange es eine völkische Bewegung und Rasse-Ideale in staatlichen Formen auf Erden gibt. Er kann zeitweilig verschüttet, verdüstert, verschleiert sein, aber untergehen könnte er erst, wenn alle biologischen, sozialen, physischen und metaphysischen Gesetze als Unsinn entlarvt und alle menschlichen und staatlichen Wert- und Rangunterschiede in einem färb-, Charakter-, rasse- und kulturlosen Mischmasch, in einem ungeheuerlichen Völkerbrei versinken würden. ... Ist einer völkischen Rassegemeinschaft der nationale staatliche Stützpunkt verloren gegangen, so ist sie nicht bloß in Gefahr, allmählich ihre beste Rassekraft und Rasseschönheit im Glauben, in der Sprache und Sitte der Väter durch unbedachte Blutvermischung zu verlieren, sondern ^5^241828899111775 000100010201020153000001000102535353