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Die Welt · 1914-04-17 · 16 (17.4.1914) · p. 385

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
16 (17.4.1914)
Article
Die Rabbinatsfrage in Tripolis
Date
1914-04-17
Page
385 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 16 385 DIE^ELT leidet, wären nicht möglich, wenn es da einen energischen Vertreter der jüdischen Gemeinden gäbe. Nunmehr hat der „üemeindebund“ angefangen, sich nach Bewerbern für den Posten eines Oberrabbiners von Tripolitanien umzusehen. Zu diesem Zwecke setzte er sich zuerst mit dem Oberrabbiner von Verona, Dr. Dario Disegni in Verbindung, der der Einladung des „Bundes" Folge leistete und sich vor zwei Wochen nach Tripolis begab, um die dortigen Verhältnisse kennen zu lernen. Ob er die Stelle annehmen wird, ist sehr zweifelhaft. Früher war kein italienischer Rabbiner geneigt, sich auf diesen verantwortungsvollen Posten zu begeben, jetzt, da .man endlich einen italienischen Kandidaten gefunden hat, stößt man auf materielle Schwierigkeiten. Die italienische Regierung, die sofort nach der Okkupation versprochen hatte, aus Staatsmitteln für das Oberrabbinat beizusteuern (wenigstens versicherte dies Dr. Margulies) will jetzt nichts mehr davon wissen! Von den tripolitanischen Juden kann man nicht verlangen, daß sie sich den kostspieligen Luxus eines italienischen Rabbiners aus eigenen Mitteln leisten und der „Bund der jüdischen Gemeinden" beteuert, er schwimme' nicht in Gold . . . Und so wird die Sache wieder verschleppt. Der „Gemeindebund"' hat aber auf dem Jugendkongreß durch den Mund seines Präsidenten und seines Schriftführers ein feierliches Versprechen abgegeben, die Angelegenheit endlich zu regeln. Es wäre sehr zu bedauern, wenn er nicht die Mittel fände, sein Versprechen einzulösen. »»WWIMM«« Rußland |iiiiiiimiiiiiiwiwiiiBiiii Pogromunruhen in-russischen Dörfern In dem Dorf Pabianize bei Lodz erschien am 13. April die Frau eines Hausknechts in der Synagoge und trat auf den Rabbiner mit den Worten zu: „Gebt mir meinen Knaben heraus, den Ihr zum Schächten geraubt habt." Dann lief sie mit Geschrei auf die Straße hinaus und rief die Bauern zusammen. Diese drangen unter dem Ruf „Schlagt die Juden tot!“ in die Synagoge ein. Andere begannen die Häuser der Juden zu durchsuchen, bis die Polizei diesem Unfug ein Ende machte. Die Frau des Hausknechts wurde verhaftet. Ein ähnlicher Fall hat sich im Dorf Belaja Zerkow bei Kiew zugetragen. Dort hatte ein Bettler die kleine Tochter eines echten Russen in einen Hinterhalt gelockt und sie ihres Mantels beraubt. Der Russe schlug Lärm und behauptete, daß die Juden sein Kind gestohlen hätten. In dem Dorf brach aus Furcht vor einem Pogrom eine Panik aus, die sich erst legte, als das kleine Mädchen weinend auftauchte und den wahren Sachverhalt des Vorganges erzählte. Rumänien Die Lage der rumänischen Juden (Von unserem Berichterstatter.) m.b.— Die Lage der Juden in Rumänien ist und bleibt verzweifelt. Die seit Jahr und Tag von jüdischen und nichtjüdischen Persönlichkeiten des Auslandes auf parlamentarischem wie auf publizistischem Wege unternommenen Schritte haben ebensowenig wie alle Anstrengungen im I n 1 a n d e irgendwelche Wendung zum Besseren herbeigeführt. Als voriges Jahr während des bulgarischen Feldzuges und unmittelbar danach die Judenfrage an der Tagesordnung war, da erklärte Take Jonescu gelegentlich eines Interviews, die Judenfrage sei in der Tat für die Lösung reif und dürfe nicht länger in der Schwebe bleiben, die Lösung könne aber nur unter Uebereinstimmung aller politischen Parteien zustande kommen. Diese Uebereinstimmung ist nun Tatsache geworden: alle politischen Parteien sind einverstanden — die Judenfrage totzuschweigen. Die Debatten im Pariament über die Verfassungsparagraphen, die von der nächsten einzuberufenden Konstituante geändert werden sollen, sind bald zu Ende, viele Redner aus den verschiedensten Parteien haben sich daran beteiligt, aber den § 7 hat, mit Ausnahme eines einzigen Deputierten, keiner auch nur mit einem Sterbenswörtchen erwähnt. Dieser einzige — der berüchtigte Professor N. J o r g a — gab seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß in bezug auf die Unabänderlichkeit dieses Paragraphen im Parlamente vollständige Einmütigkeit herrsche und daß somit die drohende Judengefahr abgewendet sei . . . Charakteristisch für die allgemeine Stimmung unter der jüdischen Bevölkerung ist, daß eine leitende Persönlichkeit der Emanzipationsbestrebungen kürzlich in einer öffentlichen Rede den Gedanken der Massenauswanderung propagierte. Ein jüdisch-rumänischer Publizist sagte vor kurzem, das einzige Mittel zur Lösung der Judenfrage in Rumänien sei der Massenselbstmord . . . Nun sind bei uns diese beiden Lösungsarten der Judenfrage nicht neu. Einerseits eine ungewöhnlich starke Auswanderung, die von Jahr zu Jahr größere Dimensionen annimmt; andererseits aber ein moralischer Massenselbstmord, eine „Ziviltaufe", wie sie Schmarja Levin treffend nennt, die sich sowohl in der Jugenderziehung in Schule und Haus wie auch in dem moralischen Tiefstand unserer Studenten (von wenigen Ausnahmen abgesehen) offenbart. * In einem Artikel der „Egalitatea" wurde neulich den maßgebenden Kreisen des „Verbandes der eingeborenen Juden“ nahegelegt, sie mögen nach dem Beispiele der Juden im Auslande, neben der Gegenwartsarbeit, dem Kampfe um die Gleichberechtigung, auch die Arbeit für die höheren Ideale des Judentums im zionistischen Sinne in ihr Programm aufnehmen. Alle tätigen Elemente im rumänischen Judentum würden dann, statt wie bisher in zwei feindliche Lager geteilt zu sein, nach diesen beiden Richtungen hin harmonisch Zusammenwirken, was auch der Gegenwartsarbeit nur förderlich sein könnte. Die Herren fanden es für ratsam, über diese innere Judenfrage zur Tagesordnung überzugehen — wie es die Rumänen mit der eigentlichen Judenfrage machen. Inzwischen erklärt das Komitee des „Verbandes der eingeborenen Juden" in seinem Organ „Infratirea", es werde trotz § 7 den Kampf „unverdrossen" fortsetzen. Man weiß wirklich nicht, was die Herren in diesem so ungleichen „Kampfe“ zu erreichen hoffen. Ihre Zeitungsartikel und literarischen Polemiken gegen die offiziellen und nichtoffiziellen Antisemiten bleiben unbeachtet; die Denkschriften, die das Komitee jahrein jahraus der Regierung und dem Parlamente präsentiert, werden ad acta gelegt und nicht einmal einer abschlägigen Antwort gewürdigt. Demgegenüber verdient der Umstand erwähnt zu werden, daß die türkische Bevölkerung der Dobrudscha — die sämtliche Bürgerrechte genießt — dem Parlamente kürzlich eine Denkschrift unterbreitete, worin sie ihre Forderungen zur Wahrung ihrer nationalen Sonderinteressen formulierte. Die Denkschrift wurde von einem rumänischen Deputierten befördert und befürwortet, vom Parlamente wohlwollend entgegengenommen und wird gewiß auch nach Wunsch erledigt werden. Nach all den Enttäuschungen ist es begreiflich, daß die Sympathien der jüdischen Bevölkerung, die in ihrem gesunden Sinne die Zeichen der Zeit besser zu würdigen versteht als ihre verblendeten „Führer“, dem von diesen ignorierten Zionismus gelten. Und so hat denn auch Herr Dr. M. Geyer in seiner zionistischen Propagandareise durch Rumänien einen glänzenden moralischen und materiellen Erfolg erzielt; ein Erfolg, der beweist, daß der Boden hier für eine größere Aktion, wie sie Dr. R u p p i n letztens in Rußland durchgeführt hat, hinreichend vorbereitet ist.

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