Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 16 (17.4.1914)
- Article
- Der Wandervogel - einerseits und andererseits
- Date
- 1914-04-17
- Page
- 384 (sequence 2)
- Language
- German
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384 Nr. 16 dlEZA zu der „aus dem Tiefsten des deutschen Wesens hervorgegangenen“ Wandervogelbewegung noch ausführlich zurückzukommen. Oesterreich »»»«WW» „Der jüdische Doktor Eisenbart“ (Von unserem Berichterstatter.) a.— Also nennt die Wiener antisemitische Presse den größten Biologen der Gegenwart und Entdecker des „Salvarsan“ Dr. Paul Ehrlich. Seine Heilmethode ist nach der christlichsozialen „Reichspost“ ein „barnumhafter Schwindel“, eine „totbringende Irreführung“. Der Name des ebenso genialen wie strengen Forschers wird dem Leser nur mit dem schmückenden Beiworte „der Erfinder des mörderischen Medikamentes“ übermittelt und die Methode Ehrlichs wird behandelt wie eine unsaubere und verbrecherische Spekulation auf die Taschen verzweifelter Kranker . . . Wer es vermag, der lächle erhaben. Wer aber näher zugesehen hat, wie mit raffinierter Skrupellosigkeit der von Haß und Unverstand verblendeten Menge eingeimpft wird, es handle sich um ein neuerliches „Attentat“ des „internationalen Judentums gegen das christliche Europa“, wer miterlebte, daß die unter höchster Patronanz stehende „Reichspost“ dieser Tage anläßlich eines Todesfalles nicht anders hetzte, wie die russischen „Schwarzen Hundert“, dem flammt die Empörung auf. Der Mann, vor dem sich anläßlich seines 60. Geburtstages die ganze gesittete Welt verneigte, hat es nicht notwendig, geschützt zu werden. Aber das System, welches dem schmutzigen Kesseltreiben der Wiener Judenhasser gegen Paul Ehrlich zugrunde liegt, muß man in diesen Blättern aufzeigen. Im Vorjahre haben die antisemitischen Aerzte Russisch- Polens anläßlich des Judenboykotts ganz ernstlich beschlossen, jedem Patienten die Hilfe zu verweigern, der sich vorher von einem jüdischen Arzte behandeln ließ und unter keiner Bedingung — also auch bei Lebensgefahr — ein Heilmittel zu verschreiben, das von Juden erzeugt oder vertrieben wird. Aus diesem Geiste ist die giftige Kampagne der Wiener Judenhasser zu verstehen. Es ist die Sucht, die Juden dort zu fassen, wo sie die größten Leistungen zu verzeichnen haben, es ist die wohlorganisierte Propaganda, die dafür zu sorgen hat, daß man die Juden weiterhin nur als die Schmarotzer und Aussauger betrachtet, und die deshalb jede große Leistung eines Juden mit den widerlichsten Lügen in eine gewinnsüchtige Spekulation umzudeuten bestrebt ist. Die Gerichtsverhandlungen gegen die „Waidhofener“ und ihre Wirkungen a.— Die Wiener Gerichtshöfe befaßten sich in den letzten Monaten wiederholt mit dem sogenannten „Waidhofener Prinzip“. Wir haben an dieser Stelle über die wichtigsten und bezeichnendsten Verhandlungen berichtet. Die Führung dieser , Prozesse . ist nicht nur nötig, weil die Betroffenen für den ihnen und ihrem Volke angetanen Schimpf Genugtuung erhalten. Es zeigt sich, daß die Publizierung der Vorgänge im Gerichtssaale die jüdische Öffentlichkeit aufrüttelt. Man übersah bisher, daß es sich um die infame, in ihren Konsequenzen unabsehbare Verunglimpfung unserer Volksehre handelt, wenn die deutsche Intelligenz in einem Geiste aufwächst, der jedermann für „der Ehre bar“ erklärt, den eine jüdische Mutter geboren hat und meinte achselzuckend, man dürfe Studentenhändel und Pöbeleien grüner Jungen nicht ernst nehmen. So standen unsere Studenten in ihrem Kampfe immer allein. Dieser beschämende Zustand ist überwunden, seitdem vor den Gerichtsschranken die „Waidhofener“, deren Erzieher und Förderer in den wichtigsten Staatsämtern sitzen und die den jüdischen Mitbürger zum ehrlosen, vogelfreien Heloten hinabdrücken möchten, immer wieder gebrandmarkt werden. ELT Aber diese Verhandlungen hatten auch eine andere, sehr bezeichnende Wirkung. Die antisemitischen Machthaber beginnen einen Druck auf den Richterstand auszuüben. Anläßlich eines konkreten Falles, in welchem der antisemitische Beleidiger empfindlich bestraft wurde, fordert das „Deutsche Volksblatt“ in einem Leitartikel auf, gegen die Richter Stellung zu nehmen und spricht von einer „beklagenswerten Verwirrung“, von „mangelnder richterlicher Objektivität“, wenn die Bekenner des „Waidhofener Standpunktes“ abgeurteilt werden. „Insbesondere muß man es bedauern,“ schließt der erwähnte Leitartikel, „daß man derartige juristische Ungereimtheiten begeht, um gewissen Empfindlichkeiten einer kleinen Minorität Rechnung zu tragen. Die .Mitbürger israelitischer Konfession' beklagen sich so gerne über den Mangel an Gleichberechtigung. Gerichtliche Urteile, wie das soeben erörterte, werden eher der deutscharischen Bevölkerung das Recht geben, übereine Bevorzugung des Judentums Beschwerde zu führen.“ Das jüdische Bürgertum möge aus dieser keineswegs vereinzelten Zeitungsstimme ersehen, daß die Herren Waidhofener Studenten einen tüchtigen Rückhalt haben, und möge sich schützend an die Seite unserer akademischen Jugend stellen. Jubiläum eines hebräischen Wochenblattes Das in Krakau erscheinende Wochenblatt. „H a m i z p e“, das von unserem Gesinnungsgenossen S. M. Laser vorzüglich redigiert wird, kann am 1. Mai d. J. auf sein zehnjähriges Bestehen zurückblicken. Seitdem die Zeitschrift „Haibri“ in Brody (1865—1890) ihr Erscheinen eingestellt hat, ist „Hamizpe“ die erste hebräische Zeitung in Oesterreich, die sich dauernd ohne jede materielle Förderung seitens irgendwelcher Körperschaft erhalten konnte. Das bedeutet angesichts der Ungunst der Verhältnisse in Oesterreich einen bedeutenden Erfolg. „Hamizpe“ hat sich in den zehn Jahren seines Bestehens stets selbstlos und treu in den Dienst der zionistischen und hebräischen Renaissancebestrebungen gestellt und hat für die nationale Erziehung der galizischen Judenheit wertvolle Arbeit geleistet. Der zionistische Verein „Beth Israel“ in Krakau hat beschlossen, den „Hamizpe“ anläßlich seines zehnjährigen Jubiläums ins Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds einzutragen. Italien Die Rabbinatsfrage in Tripolis (Von unserem Berichterstatter.) r. 1.— Wir hatten schon früher Gelegenheit gehabt, die traurige Lage der Juden in Tripolitanien und in der Cyrenaika zu streifen. Wir sahen, wie unsäglich viel unsere dortigen Brüder von dem arabischen Mob und von den Kolonialbehörden zu leiden hatten. Trotz dieser anormalen Verhältnisse, die hier in den „offiziellen“ Kreisen des italienischen Judentums wohl bekannt waren, nahm sich niemand die Mühe, etwas zur Linderung der Not unserer afrikanischen Brüder zu tun. Hätte man auf dem Jugendkongreß nicht den „Gemeindebund“ wegen seiner Nachlässigkeit heftig kritisiert — es würde noch jetzt keine Aktion eingeleitet worden sein. Das energische Eintreten der Jugend hat die Herren, die an der Spitze des „Bundes“ stehen, schließlich aus ihrer Untätigkeit aufgescheucht. Der erste Schritt, der getan werden muß, ist die Lösung der Rabbinatsfrage, die sich seit mehr als einem Jahre hinschleppt. Seit der Okkupation durch Italien fehlt es dem tripolitanischen Judentume an einem geistigen Oberhaupte, das besonders für die Verhandlungen mit den kolonialen Behörden unbedingt notwendig ist. Viele der Mißhandlungen, unter denen jetzt die jüdische Bevölkerung in Tripolis 010001002323000002024800 1450999999999999