Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 15 (10.4.1914)
- Article
- [Ohne Titel] / Aktionskomitee
- Date
- 1914-04-10
- Page
- 363 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316640--60123-3353455- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 15 DlE3§gELT 363 - “ . liiBiioianiani AUS DER BEWEGUNG lliiffliiiliiiiiiiiiiiiiiiiililll Wir bitten die zionistischen Ortsgruppen und Vereine noch einmal, die Zwischenfeiertage des Pessachfestes zu einer intensiven Schekelsammlung auszunutzen. Das Actions-Comit6. Zur Rede Dr. Max Nordaus In Nr. 14 der „Welt“ vom 3. April d. J. wurde über eine Rede berichtet, die Herr Dr. Nordau am 19. März in einer Versammlung in Paris gehalten hat und in der er u. a. über die Lage der Genossenschaft in Merchavvja sich wie folgt geäußert haben soll: . . . „Auf dem Hamburger Kongreß war die Parole: die Siedlungsgesellschaft. Die Begeisterung war ungeheuer. Nach dem Referate Oppenheimers wurde im Handumdrehen ein Betrag von 100 000 Frcs., der als nötig angegeben war, gespendet — auf dem Papier. Nachher wurden allerdings nur 25 003 Frcs. eingezahlt. Man unternahm dann eine eifrige Propagandaarbeit, man arbeitete und arbeitete, um die nötige Summe zusammenzubringen. Zwei Jahre hindurch war man so an der Arbeit und verkündete große Erfolge, als man zuerst SO 000, dann 100 OVO und schließlich 125 000 Frcs. gesammelt hatte. Man gab das Geld aus, wie es sich gehört, und wir hören zuerst, daß die Genossenschaft funktioniert, und dann — hören wir nichts mehr. Die offiziellen Berichte sind still geworden. Was wir sonst hören, ist wenig ermutigend. Das Unternehmen ist gescheitert. Man erwidert uns: „Ja, man mußte es unternehmen; wenn es gelungen wäre, hätte es die Grundlage geliefert für eine Kolonisation auf großem Fuße.“ Wir haben keinen Erfolg gehabt, hatten aber die Illusion, zu arbeiten. Unsere Opfer sind ohne Resultat.“ Wir können nicht annehmen, daß diese Aeußerungen authentisch sind, da wir von unserem' Altmeister Nordau gewohnt sind, daß er sich über die Dinge gründlich informiert, ehe er dieselben einer Kritik unterwirft, während die Leitung der Siedlungs-Gesellschaft bisher keine Gelegenheit hatte, mit Herrn Dr. Nordau über den gegenwärtigen Stand ihrer Entwicklung zu korrespondieren. Die oben wiedergegebene Kritik müßte uns um so mehr verwundern, als die genossenschaftliche Siedlungsmethode bereits auf dem V. Kongreß von Herzl selbst als Grundlage der künftigen Ko’onisationsarbeit verkündet worden ist. Nachdem die oben angeführten Aeußerungen in der jüdischen Presse die Runde machen, sehen wir uns im Interesse der Sache genötigt, folgendes festzustellen: Zunächst ist zu bemerken, daß die angeführten Zahlen mit den Tatsachen nicht übereinstimmen. Es ist nicht richtig, daß auf dem Hamburger Kongreß 100000 Frcs. gezeichnet wurden, von denen nachher nur 25 003 Frcs. eingezahlt worden seien, ln Wirklichkeit wurden ca. 43 030 Frcs. gezeichnet, die im Laufe des ersten Jahres bis aut verschwindende Ausnahmen auch eingezahlt wurden. Das durch die Werbeaktion aufgebrachte Gesamtkapital der Siedlungsgesellschaft betrug nach Abzug aller Propagandaausgaben nicht, wie es oben heißt, 125000 Frcs., sondern ca. 145 000 Frcs. Nach einer halbjährigen Vorbereitungsperiode, in der es erforderlich war, den Boden in sicheren Besitz zu nehmen, hat der normale Wirtschaftsbetrieb im Oktober 1911 begonnen. Der Vorwurf, daß die offiziellen Berichte still geworden seien, ist nicht stichhaltig. Die Bilanz für das erste Wirtschaftsjahr 1911/12 (5672) wurde ordnungs- und satzungsgemäß dem Aufsichtsrat und der Generalversammlung unterbreitet. Die Bilanz für das zweite Wirtschaftsjahr 1912/13 (5673) liegt bereits vor und wird der für Mai d. J. einzuberufenden Generalversammlung der Siedlungsgesellschaft zur Genehmigung vorgelegt werden. Den Inhabern von Anteil- und Genußscheinen, die Interesse für den Stand der Wirtschaft bekundeten, wurde von der Geschäftsführung der Siedlungsgesellschaft jederzeit bereitwillig Auskunft erteilt. Im Aufträge des Aufsichtsrates hat -Herr Dr. Franz Oppenheimer im Frühjahr 1913 eine Inspektionsreise nach Merchawja unternommen, und in einer ausführlichen Artikelserie in der „Welt“ über seinen Aufenthalt und die Verhältnisse in der Genossenschaft Merchawja öffentlich .Bericht erstattet. Seither ist im Januar d. J. die Broschüre „Merchawja“ von Franz Oppenheimer in englischer und jüdischer Sprache in New York erschienen und in den Blättern angekündigt worden. (Siehe auch den Aufsatz des Hauptbureaus des J. N. F. „Der Genossenschaftsfonds“ in Nr. 10 der „,Wclt“ vom b. März d. J.) Beide Wirtschaftsjahre haben mit einem Defizit abgeschlossen. Eine Erörterung der Gründe für die entstandenen Verluste wird der nächsten Generalversammlung von den Geschäftsführern erteilt und der Oeffenthchkeit zugänglich gemacht werden. Der Bericht wird dartun, daß die Behauptung, wonach das Unternehmen gescheitert sei, unbegründet ist. Es ist zwar richtig, daß wir Opfer an .Gut und Blut bringen mußten, dies wird aber begreiflich, wenn .man berücksichtigt, daß es sich in Merchawja um Neuland handelte, wo die Juden vorher nicht einen Fußbreit Boden besaßen. Unsere Arbeiter und Wächter hatten vor allem Pionierarbeit zu leisten und ungewöhnliche außerökonomische und ökonomisene Hindernisse zu überwinden. Zwei Ueberfälle von feindlichen Stämmen störten den normalen Wirtschaftsbetrieb in beiden Jahren. Dazu kam im letzten Wirtschaftsjahr eine verheerende Mäuseplage. Der Mangel an menschenwürdigen Wohnungen, einer gesundes Wasser liefernden Anlage und brauchbaren Wirtschaftsgebäuden hat Menschen und Tiere ungezählte Krankheitstage gekostet. Diese Begleiterscheinungen der Erschließung eines neuen Kolonisationsgebietes sind unvermeidlich .und können nicht auf Rechnung der genossenschaftlichen Bewirtschaftungsmethode gestellt werden. Neben diesen außerökonomischen Eingriffen, die den Wirtschaftsbetrieb in den beiden Jahren kaum als normal erscheinen lassen, ist hervorzuheben, daß ein moderner Großbetrieb wie Merchawja mit Verlusten in den ersten Jahren unbedingt rechnen muß. Bei aller Fruchtbarkeit der Ebene Jesreel ist der Boden durch primitive arabische Arbeitsmethoden durch Jahrhunderte ausgesaugt worden, ohne je Kraftzufuhr zu erhalten. Sogar ein Laie muß einsehen, daß drei bis fünf Jahre nötig sind, um einen derartigen Boden durch Zufuhr von notwendigem Dünger in einen „bewirtschaftungsfähigen Zustand‘‘ zu bringen. Um so erfreulicher ist es, daß der genossenschaftliche Betrieb in Merchawja nach dem Zeugnis erfahrener und objektiver Fachleute, zu den bestorganisierten und modernsten Großbetrieben in Palästina gehört und (daß die von dem Betriebsleiter in den beiden Wirtschaftsjahren aufgestellten Wirtschaftsbudgets genau eingehalten worden sind. Auch können wir entgegen der geäußerten pessimistischen Auffassung festste den, daß sowohl die Arbeiterschaft wie die Leitung des Betriebes der künftigen Entwicklung der Siedlungsgenossenschaft mit ungetrübter Zuversicht entgegensehen. Die seltene Hingabe des Leiters und der Arbeiterschaft für dieses Werk, der planmäßige organisatorische Ausbau aller Wirtschaftszweige — der Vieh- und Milchwirtschaft, der Pflanzungen und des Gemüsebaues — schließlich die günstige Verkehrsanlage Merchawjas am Knotenpunkt der Eisenbahnlinie Haifa—Damaskus und deren Abzweigung, die demnächst .Merchawja mit Jerusalem verbinden wird, rechtfertigen das Vertrauen, das die Gesellschafter der Siedlungsgeseilschaft „Erez Israel“ sowie der J.N.F. in dieses sozial bedeutsame Unternehmen setzen. Das veranlagte auch den Aufsichtsrat ,und den Urheber des Planes, Herrn Dr. Oppenheimer, die Propaganda zur Vermehrung des Gesellschaftskapitals, das ursprünglich zu niedrig bemessen worden war, mit aller Energie wieder aufzunehmen. Die Erfahrungen, welche mit der genossenschattlichen Bewirtschaftungsmethode, bei Urbarmachung von Neuland, den Versuchen, die Agrarfrage durch innere Kolonisation einer Lösung zuzuführen, in anderen Ländern und in Palästina gemacht wurden, geben uns Veranlassung, die Werbetätigkeit für den Genossenschaftsfonds und die Siedlungsgesellschaft energisch fortzusetzen. ln der genossenschaftlichen Siedlung Merchawjas erblicken wir nach wie vor ein Vorbild, dessen Gelingen uns die Umwandlung des der Landarbeit entwöhnten Städters zum Bauern, die Erprobung der neuesten Bewirtschaftungsmethoden, die systematische Vorbereitung des Bodens ermöglichen und somit „die Grundlage für eine Kolonisation auf großem Fuße“ liefern kann. gez. Justizrat Dr. M. I. Bodenheimer, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Erez Israel- Siedlungsgesellschaft.