Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 15 (10.4.1914)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1914-04-10
- Page
- 361 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 15 36t 0!E3^ELT nachgeben. Sie hätten es gutwillig tun können; denn schließlich pädagogische Unfehlbarkeit kömimt ihnen nicht zu. Sie haben es nicht gewollt! Man hat die Methode der Gewalt vorgezogen. Nichts, absolut nichts hätte dem Kuratorium im Wege gestanden, dem Hebräischen den bescheidenen Platz einzuräumen, den unsere Freunde anfangs verlangten, da man ihm ja seither unter . dem Druck der öffentlichen Meinung viel weitere Rechte zugestehen mußte . . . Unsere gerechten Forderungen sind also vollständig erfüllt worden. Ist es aber die vollständige und endgültige Lösung? Da ist zunächst die Frage der Schulen des Hilfsvereins, welche die Mehrzahl der Lehrer und ein Teil der Schüler verlassen hat. Um1 den neuen Bedürfnissen gerecht zu werden, ist ein ganzes Netz hebräischer Schulen gegründet worden, deren Finanzierung die zionistische Organisation auf sich genommen hat, — harte Notwendigkeit und schwere Verantwortung! Aber man muß zugestehen, daß die durch den Aufruf des Actions-Comites hervorgerufene Begeisterung einfach großartig war; in wenigen Wochen wurden 260 000 Frcs. gesammelt! Das ist sehr viel für uns, zu wenig allerdings, um die Zukunft unseres Schulwerks zu sichern .... Es muß übrigens bemerkt werden, daß ein Teil des Schulwerkes des Hilfsvereins von dem Kampf gar nicht berührt wurde: seine Kindergärten und Kolonieschulen haben weder einen Lehrer, noch einen Schüler verloren. Warum? Einfach, weil der Unterricht rein hebräisch ist! Schon daran kann man sehen, wie unbegründet die Behauptung war, daß dieser ganze „Streik" ein „Werk des Hasses“ sei, dem das Hebräische nur als Vorwand diente." WELTCHRONIK Einheitsbestrebungen der Juden in Frankreich (Von unserem Pariser Berichterstatter) b.— Frankreich ist das klassische Land für eine festgefügte, einheitliche Organisation der Juden. Die Konsistorialverfassung, die nach den Inspirationen Napoleons vom Sanhedrin angenommen wurde, ist die - älteste aller offiziellen jüdischen Organisationen in den modernen Staaten. Sie war darauf zugeschnitten, vom Zentrum aus bis in die entlegensten Winkel eine bewußte, teilweise sehr tendenziöse Einwirkung auf die Lebensweise und die Lebensbedingungen der Juden auszuüben. Im Laufe der Zeit aber fing die Oligarchie, der die Führung von jeher Vorbehalten war, an, sich mit dem bloßen Aufrechterhalten des offiziellen Gebäudes zu begnügen; von dem Programme des genialen Schöpfers, das alle Lebensgebiete umfaßte, blieb, abgesehen von den wohltätigen Gründungen, die man einfach weiterführte, nur noch der Kultus; der Ausgestaltung desselben zu Prachtdemonstrationen gleich denen der Nachbarn waren alle Kräfte gewidmet. Aber gleichzeitig leerten sich auch die Bet- und Schulhäuser, und der Verengerung des Programmes folgte die Erlahmung des Interesses. Als man nach dem Trennungsgesetze an die Rekonstitution des „Kultus" ging, fanden sich in Paris, das nach knapper Schätzung mindestens 100 000 Juden zählt, noch keine 4000 Mitglieder zusammen. Aber die Aufgabe des Sanhedrim ist noch nicht gelöst. Auch in Frankreich muß die Judenheit sich ihren Weg suchen. Der moderne Antisemitismus hatte hier ein leichtes Spiel, da die Bevölkerung zwar politisch radikal ist, doch eine lange klerikale, antijüdische Vergangenheit hinter sich hat. Auf der anderen Seite brachten die Scharen von O s t j u d e n, die sich bei dem besten Willen nicht sofort hätten assimilieren können, und die auch vorderhand gar nicht daran dachten, neue Probleme. Es ist daher nicht verwunderlich, daß gerade von den Ostjuden eine tätige Reaktion gegen das herrschende System ausging. Seit Jahren wird der Plan einer neuen großen Organisation aller Juden in Paris propagiert, die, wie die ersten Konsistorien, alle sozialen und geistigen Interessen der Juden in ihr Programm einbeziehen soll. Der Plan ist an dem Widerstand der französischen Juden gescheitert. Die offiziellen Körperschaften haben jede Mitarbeit versagt. Die „F ederation des Societes Juives de Pari s,“ die gleichwohl begründet wurde, setzt sich fast nur aus Vereinen von Ostjuden zusammen; die Aktionsfähigkeit und auch die Mittel des neuen Verbandes sind nur beschränkt, sein Wirken kann wohl nur Vorbereitungsarbeit sein; er will „einen Kontakt zwischen den einzelnen Vereinen schaffen, die materiellen und moralischen Lebensbedingungen der Juden in Paris studieren und eventuell neue Vereine für spezielle Zwecke begründen." Wie man sieht, fehlt noch sehr viel zu dem großzügigen Programm, das sich eine einheitliche Organisation stellen muß. Um ihr Fernbleiben von dieser Gründung nachträglich zu rechtfertigen, haben die französischen Juden unter der Aegide des Pariser Konsistoriums eine eigene Organisation ins Leben gerufen, ein „Office Central de Philanthropie israelit e." Aller Voraussicht nach werden hier die Mittel nicht fehlen. Dagegen scheint der Charakter des Unternehmens sehr wenig präzis, wie dies auch in der konstituierenden Versammlung bemängelt wurde; bei der Hast,; mit der man eben unter allen Umständen mit einer Gegengründung auf den Plan treten wollte, konnte es auch gar nicht anders sein. Eines steht fest: Wie der Name schon sagt, und wie alle gehaltenen Reden deutlich zum Ausdruck brachten, handelt es sich um Wohltätigkeit, also gerade das, was die erste Organisation vermeiden wollte. Die ersten Initiatoren wollten Selbsthilfe, gemeinsames Arbeiten der französischen und eingewanderten Juden, das neue „Office" dagegen „beschäftigt sich mit dem Problem der fremden Israeliten in Frankreich, den verschiedenen Fragen von Fürsorge, Hygiene, Vorsorge und Assimilation." Wenn auch eine tiefe Kluft zwischen diesem Programm und den Zielen der Begründer der Federation besteht, so bedeutet auch das „Office" einen großen Fortschritt. Es ist der Ausdruck der Solidarität, die endlich in den Kreisen der französischen Juden auch für die „Ausländer" wach wird. Was die beiden Organisationen trennt, kann schließlich überwunden werden durch die Arbeit. Wenn beide redlich ans Werk gehen, werden sie sich mehr als einmal zusammen- Ritualmordhetze in Frankreich (Von unserem Berichterstatter) b.— Als die Entente mit Rußland geschlossen wurde, wollten die fortschrittlichen Kreise darin nicht nur einen Pakt politischer Interessen sehen, sondern sie erhofften auch eine tiefgreifende Wirkung der französischen Zivilisation und freiheitlichen Gesinnung auf die russischen Verhältnisse. Diese Hoffnung hat sich zwar nicht erfüllt, dagegen ist nicht zu verkennen, daß umgekehrt russische Anschauungen in Frankreich Parteigänger in allen Lagern gefunden haben. Wie weit die Rücksichtnahme auf den Verbündeten geht, beweist der Umstand, daß während des Beilis-Prozesses auch große unpolitische Zeitungen kein offenes Wort gegen die bodenlose Verleumdung zu sprechen wagten. Die rechtsstehende Presse setzte natürlich ihren Lesern gut zugerichtete, von haarsträubenden Details strotzende Artikel vor, und als Beilis' schließlich vom! Volksgericht freigesprochen wurde, erzählten sie wieder von der ungeheuren Macht des verbündeten internationalen Judentums. In Frankreich selbst kam in der letzten Zeit ein Fall vor, den auch manche Skeptiker für unmöglich gehalten hätten. In einem Dorfe Korsikas, der schönen Insel, wo Mord und Totschlag seit jeher gang und gäbe sind, verschwand ein Kind. Ein Geistlicher, der beweisen wollte, daß er die Lektüre einer gewissen Literatur und Presse sich zunutze gemacht habe, konstruierte nach allen Regeln der Kunst einen Ritualmord. In der Gegend, die kaum je ein Jude betreten 99999999999999999999^1 0201009002000100010002010053010001010100