Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 15 (10.4.1914)
- Article
- Der zionistische Kulturrat für Böhmen
- Date
- 1914-04-10
- Page
- 355 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 15 355 E LT - ::.ltuitg zum Besten der Belebung des Gemeinschaftskörpers?chehe. Der böhmische Kulturrat hat als einen Hauptpunkt . hier Beratungen das zionistische Kultusgemeind c- .' r o g r a m m aufgestellt*). Es wird ein ausführliches Memorandum sorgfältig vorbereitet, das unter Zusammenstellung des Tatsachenmaterials : isere Vorstellung von den kulturellen Aufgaben der Ger.idnden ausdrücken soll; inzwischen sollen die einzelnen < icmeindemitglieder durch Flugschriften usw. über die begehenden Mißstände aufgeklärt werden. Statt aber nur zu klagen und anzuklagen, müssen wir die Wege suchen, um selbst das Schlechte gut machen zu können. Es ist dem aufmerksamen Beobachter klar, daß in den Kreisen der gegenwärtigen Führer des Diasporajudentums in einer Generation sicherlich alles Interesse für jüdische Angelegenheiten ausgestorben sein wird. Den Nachwuchs müssen w i r liefern. Daher dürfen wir nicht jenen, deren Prinzipien wir bekämpfen, tatsächlich die ganze Leitung der Erziehung des Nachwuchses in die Hand geben. Wir müssen dafür sorgen, daß wo es not vrt, die von der Gemeinde bestellten, in vielen Fällen nicht mir unfähigen, sondern auch innerlich verkrüppelten Erzieher durch tüchtige, aufrechte, charakterfeste und kundige Lehrer ersetzt werden. Der jüdische Lehrer, der heute von den Schülern oft als komische Figur betrachtet wird, darf nicht ein Minus, sondern muß ein Plus an Fähigkeit aufweisen; e r muß die Hauptverantwortung für die Jugend vor allen anderen Lehrern fühlen. Wir wollen eine scharfe Kontrolle der Leistungen der Rabbiner und Lehrer einführen, alle Mißstände in die Öffentlichkeit bringen; die Aspiranten müssen wieder das Bewußtsein bekommen, daß für die Besetzung \;on Stellen berufliche Tüchtigkeit, vor allem im Erziehungsfach, nicht aber Schöntuerei und Kriecherei . notwendig ist. Schließlich wird es aber auch unsere Sache sein, die geeigneten Leute selbst zur Stelle zu schaffen. Es geht nicht an, daß unsere besten und begabtesten Menschen fast ausnahmslos Berufe ergreifen, in denen sie für die jüdische Gemeinschaft nichts oder nicht viel leisten können (man denke nur an die riesige Zahl von Juristen). Hier muß die zionistische Organisation mit weit voraussehendem Blick eingreifen, sie muß auf den Bildungsgang der Einzelnen einen entscheidenden Einfluß ausüben. Es ist hiermit so wie mit unserer Arbeit in Palästina: Immer wieder heißt es, wenn eine neue Forderung an uns herantritt: „Wir haben keine Leute/* Wer ist schuld? Die zionistische Organisation, die nicht das Selbstvertrauen gehabt hat, Leute f ü r s i c h, für ihre vorausgesehenen Bedürfnisse, auszubilden. Diese ganze schwierige und verantwortungsvolle Politik müßte das mit großen Mitteln und einem guten Organisationsapparat und Beamtenstab ausgestattete zionistische Kultur-Ressort übernehmen. Dann hätte wirklich jeder Einzelne das heute noch so seltene Gefühl, daß es Ernst wird mit dem Zionismus. 11. Der böhmische Kulturrat ist entschlossen, sofort in die Arbeit einzutreten. Trotz der geringen Mittel, die uns zur Verfügung stehen, solange wir nicht die öffentlichen Gelder für die wesentlichsten Bedürfnisse unserer Gemeinschaft erhalten, versuchen wir doch auf dem Gebiete der Erziehung einiges zustande zu bringen. Die Schaffung einer Jugendzeitschrift wurde längst als Notwendigkeit empfunden; der Kukurrat bat mit dem Herausgeber der in Prag erscheinenden Zeitschrift „Jung-Juda“ eine Vereinbarung getroffen, wonach die Redaktion einem vom K. R. eingesetzten Komitee übertragen wird. Allerdings wird die Möglichkeit der von uns gewünschten Ausgestaltung eine Frage der materiellen Fundierung sein; wir rechnen hierbei in jeder Beziehung auf unsere deutschsprechenden Gesinnungsgenossen in anderen Ländern, die das Blatt abonnieren und uns auch durch redaktionelle Mitarbeit und in der Propaganda unterstützen sollen. Was den jüdischen Unterricht betrifft, so ist die größte Schwierigkeit der gänzliche Mangel an guten Lehrbüchern. Wir wollen versuchen, geeignete Bücher zu schaffen. Doch ist dies eine immerhin längere Zeit dauernde *) Bei der ersten Sitzung ($. Dezember hielt das Referat über diesen Gegenstand Dr. Oskar Epstein (Budweis), bei der zweiten (15. Februar) Rabb. Dr. Krengcl (B. Leipa). Die Referate erschienen in der Prager „Selbst wehr“. Arbeit. Inzwischen müssen wir trachten, die Mangelhaftigkeit des Schulunterrichtes anderweitig zu paralysieren. Wir gehen daran, wo es geht, .Geschieht.*?- und Hebräischkurse für Schüler einzurichten. In Prag wurde eine solche Hilfsschule in vier Kursen, die von Mitgliedern des K. R. geleitet werden, vor kurzem eröffnet; sie wurde mit Hilfe des „Jüdischen Schulvereins für Böhmen“ errichtet. Die jüdischen Gegenstände sollen als lebendiges Wissen vermittelt werden. Lebenspendende Kraft ist natürlich vor allem von einer Verbindung mit Palästina zu erwarten. Der K. R. hat sich auf eine Anregung des Herrn Prof. Engel an die Direktion des Jaffaer Gymnasiums wegen Vermittlung von Schüler- Briefwechseln zwischen hier und Palästina gewandt und bereits eine zustimmende Antwort erhalten. Die einlaufenden hebräischen Briefe werden den Schülern übersetzt werden und werden auch ihre Freude an der Erlernung der hebräischen Sprache steigern. Dies ist allerdings nur in kleinerem Maßstab durchzuführen. Eine gewisse positive Wirkung ist aber auch aus der Kenntnis der jüdischen Vergangenheit zu erwarten; dadurch wird das Gefühl der Zusammengehörigkeit und des verpflichtenden Adels wachgerufen. Der K. R. hat sich daher an alle Kultusgemeinden Böhmens mit der Aufforderung gewandt, im Frühling Schüler-Exkursionen nach Prag zu veranstalten, wo den Kindern die weltberühmten jüdischen Altertümer, der alte Friedhof, die Altneuschul usw., dann aber auch ein Turnen des jüdischen Turnvereins u. a. gezeigt werden soll. Für die nach Prag zum Studium kommenden Schüler will der K. R. vor allem durch Ausgestaltung des bereits bestehenden „Jüdische n Internates“ sorgen, das mit Hilfe eines pädagogischen Rates reorganisiert und erweitert werden soll. — Alles Gelingen wird natürlich von der Unterstützung der Öffentlichkeit abhängen, die die Bedeutung unserer Forderungen noch nicht begreift. Die Apathie in Erziehungssachen (auch bei Zionisten!) ist überaus traurig. Der K. R. sucht das Interesse zu wecken und veranstaltet in den Städten Böhmens Elternabende mit dem Thema: Die Erziehung der jüdischen Jugend. Es muß mit besonderem Nachdruck darauf hingewiesen werden, daß es sich uns nicht um Aneignung von Wissensstoffen handelt, sondern in letzter Linie um harmonische Ausbildung des Charakters, der im jüdischen Selbstbewußtsein richtunggebende Kraft findet. — Es sei schließlich noch erwähnt, daß der „Klub jüdischer Frauen und Mädchen“ in Prag den Anfang mit der Einrichtung eines jüdischen Kindergartens gemacht hat: zunächst ein Versuch kleinen Umfangs, der aber große Entwicklungsmöglichkeiten in sich trägt. Hier sei auch bemerkt, daß wir große Hoffnungen auf die zionistische Frauenbewegung setzen, die bei uns um sich greift und die wir mit allen Mitteln fördern. Niemand wird so stark auf das jüdische Leben ein wirken können, wie eine Generation charakterfester, ihrer Aufgabe bewußter zionistischer Frauen. Die jetzt in vielen Städten begründeten Mädchenklubs, die sich durch ihre ernste Arbeit von allen ähnlichen Gründungen früherer Zeit unterscheiden, zeigen uns, daß ein Anfang und ein Wille da ist. ln Angelegenheiten der hebräischen Sprache erteilt der K. R. auf alle Anfragen Auskünfte und sucht auch Lehrer für kleinere Städte zu vermitteln. In zwei Städte fahren wöchentlich Lehrer von Prag aus. Ein brieflicher Unterricht wird versucht, solange wir kein Lehrbuch zum Selbstunterricht haben. Der K. R. besorgt auch die Korrektur von Uebersetzungen. Der Ernst aller dieser Aufgaben verlangt eine Schar ernster und verständnisvoller Mitarbeiter. Wir müssen mit allem. Phrasentum brechen; wenn unsere Gegner durch ihr ewiges Operieren mit sinnlosen Schlagworten das Niveau unserer Diskussionen oft herabziehen, so dürfen wir uns doch dadurch nicht infizieren lassen und müssen auf Sachlichkeit und Ernst in unsern Reihen, insbesondere bei den aktiven und leitenden Zionisten, bedacht sein. Der K. R. wollte auch hier einen Anfang machen, indem er den einzelnen Vereinen Böhmens die Anweisung gab, in einer Art Seminar, das nach Vorschlag des K. R. sieben Abende umfassen sollte, eine möglichst genaue Uehersicht über das Werden des Zionismus, seine historische Begründung aus dem Zusammen-, hang der Geschichte, sein Wesen und seine Grundideen, seineäußere und innere Geschichte, die Ideenentwicklung, die Probleme und Aufgaben zu geben. Es wurde ein Scheina aufge-