Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 13 (27.3.1914)
- Article
- Die türkischen Kammerwahlen
- Date
- 1914-03-27
- Page
- 313 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 13 blEXSELT 313 ir.iiiiuiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiinin WELTCHRONIK Die türkischen Kammerwahlen Die Wahlen in die Deputiertenkammer sind in der Hauptstadt zu Ende. In der zweiten Wahlkurie wurde der frühere Vertreter von Saloniki, Emanuel Carasso Effendi, fast einstimmig zum (Abgeordneten von Konstantinopel gewählt. Nach einem Telegramm aus Smyrna ist dort die Wiederwahl Nissim Mazliach Effendis gesichert. Außer diesen beiden jüdischen Abgeordneten dürfte die neue Kammer nur noch e i n jüdisches Mitglied zählen, nämlich einen Vertreter der jüdischen Bevölkerung in Bagdad, dessen Name jedoch noch nicht feststeht. Ursprünglich hatte man angenommen, daß auch Syrien einen jüdischen Vertreter in die Kammer entsenden werde, doch läßt der dort geltende Wahlzensus die Wahl eines jüdischen Kandidaten als sehr zweifelhaft erscheinen. INWMIMIWNNL Oesterreich »»»«»»«« Die Wiener Gemeinderatswahlen a.— Die Wiener Kleinbürger des dritten Wahlkörpers hatten 48 Gemeinderatsmandate zu besetzen: Es wurden 48 christlichsoziale Antisemiten ge - wähl t. Die „vereinigten freiheitlichen bürgerlichen Parteien Wiens“ hatten den Christlichsozialen in 14 von 21 Gemeindebezirken überhaupt keine Gegenkandidaten entgegengestellt. ln keinem „fortschrittlichen“ Wahlaufrufe, in keiner „freiheitlichen“ Kandidatenrede wurde der „Judenpunkt“ aufrichtig und ehrlich behandelt, ja in keiner der sogenannten freiheitlichen Tageszeitungen wurden die maßlosen Angriffe der antisemitischen Blätter und Kandidaten, die bübischen, verlogenen Verunglimpfungen der jüdischen Volksehre während der Wahlkampagne auch nur mit der kleinsten Notiz zurückgewiesen. Dies in dürren Worten das erhebende Ergebnis der letzten Wiener Gemeinderatswahlen im dritten Wahlkörper. Es ist nötig, die zum Ueberdruß oft gestellte Frage nochmals zu wiederholen: Was haben die Juden im „Donauklub“ und im „Deutschsozialen Verein“, bei den „Deutschdemokraten“ und bei den „Deutschen Wirtschaftlern“ zu suchen und zu finden? Wäre es nicht klüger, gesünder, und vor allem würdiger, wenn sie sich als Juden organisierten? Das gegenwärtige unaufrichtige Verhältnis v e r z ö g e r 1 nur den so dringend nötigen Gesundungsprozeß, die Befreiung Wiens und Oesterreichs von der volks- und bildungsfeindlichen christlichsozialen Reaktion und drückt die jüdischen Wähler zu Werkzeugen einzelner Klüngel herab, denen sie als „Stimmvieh“ dienen. Als nationale geschlossene Gruppe aber würden sie — eine gewiß nicht zu unterschätzende Macht — bündnisfähig werden, könnten fordern, könnten mit den wahrhaft Freisinnigen der anderen Staatsvölker für Programme kämpfen, anstatt mit derart jämmerlichen Resultaten Augenblickschancen nachzujagen, könnten im besten Sinne des Wortes ihrem Volke und dem Staate dienen — anstatt nach jedem Wahlgange zu allem Schaden auch noch tief verletzenden Spott zu ernten . . . Wenn schon alle Mittel versagten, die Juden Wiens und Oesterreichs aufzuklären, so mögen ihnen diese Wahlen die Augen öffnen. Zu verlieren haben sie nichts, zu gewinnen aber Selbstachtung, ein offenes und würdiges Verhältnis zu den freisinnigen Mitbürgern und nicht zuletzt die Erringung der nationalen, politischen Gleichberechtigung im Staate. Ungarn Gründung eines hebräischen Sprachvereins In Budapest ist dieser Tage ein Landesverband zur Pflege der hebräischen Sprache und Literatur ins Leben gerufen worden. Der Verband hat am 16. d. M. den ersten hebräischen Sprachkursus in Budapest eröffnet, der vom Religionslehrer M. Wachsberger geleitet wird. Der Unterricht erfolgt nach dem Berlitz-System (Ibrith B’Ibrith), und zwar wird das Hebräische nach sephardischer Aussprache gelehrt. Die Leitung des Verbandes gedenkt auch in mehreren Provinzstädten hebräische Sprachkurse einzurichten. Die Aufgaben eines jüdischen Literaturvereins Aus Budapest wird uns berichtet: Die „Israelitisch-Ungarische Literaturgesellschaft“ wählte vor kurzem den Staatssekretär im Justizministerium Dr. Leopold V a d ä s z zu ihrem Präsidenten. Der neue Präsident führte in seiner Antrittsrede unter anderem folgendes aus: „Die wirklich edlen Ziele, meine Herren, sind immer universell. Universell ist auch die Aufgabe und das Wirken dieser Gesellschaft, da sie doch den großen und edlen Interessen unserer Konfession, des Ungartums und der Literatur zugleich dient. Und wenn unsere geliebte magyarische Sprache uns allen ein kräftiges, aber auch biegsames, ein mächtiges, aber auch zartes Instrument liefert, mit dem wir zum Ausdruck bringen können, was in der Seele des Juden lebt, so tragen wir auch stolz und glücklich alle Schätze unserer jüdischen Seele, dieser durch eine jahrtausendalte Kultur differenzierten, durch die Kämpfe einer leidvollen Vergangenheit für alles menschliche Elend empfindlich gewordenen Seele in den großen Strom, der die magyarische Kultur vorwärts trägt. Diese magyarische Kultur pflegen wir jn unserer „Israelitisch- Magyarischen Literarischen Gesellschaft“ . . . Kann denn der magyarische Jude ein größeres Interesse und einen heißeren Wunsch haben, als den, daß hier in unserem Vaterlande die Bildung, die den großen menschlichen Zielen mit denen der Nation gleichzeitig dient, die Kultur, das Wissen und als Blüte all dessen, die Literatur, die magyarische Literatur, sich entwickeln und erstarken mögen?“ Ein Kommentar zu diesen mit lebhaftem Beifall der Versammelten aufgenommenen Worten scheint uns wirklich überflüssig. Rußland |iiiiiiiiiiiiiiiilliiiiiiiiiniiiiiliiiiillli Die Ritualmordaffäre von Fastow Der Vater des ermordeten Knaben Jossel Pa sch ko w und sein Geselle G u t h a r z , die beide des Ritualmords beschuldigt wurden, sind bekanntlich vor kurzem freigelassen worden. Die Affäre selbst hat jedoch bei weitem noch nicht ihr Ende erreicht. Es hat fast den Anschein, als ob die neueste Ritualmordbeschuldigung auch weiter dazu dienen soll, um die jüdische Bevölkerung in Furcht zu halten. Die privaten Judenfeinde mit G o 1 u b e w und Rosmit a 1 s k i an der Spitze hören nicht auf, sogenanntes Ritualmordmaterial herbeizuschaffen, und immer von neuem bemächtigt sich der geängstigten jüdischen Bevölkerung starke Aufregung. Dazu trägt nicht wenig der Umstand bei, daß die sogenannte Untersuchung gegen Paschkow und Gutharz fortdauert, daß der Staatsanwalt Sapenin und der Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angelegenheiten Purik sich ständig auf der Tour zwischen Kiew und Fastow befinden und zahllose Zeugen verhören, und daß der aus dem Beilis-Prozeß bekannte Polist s e h u k überall die Leute anstachelt, ihr Ritualmordgeschwätz vors Gericht zu bringen. Trotzdem sich gegen den Bauern Gontscharuk erdrückendes Belastungsmaterial angehäuft hat, neigt man doch hier zu dem Glauben, daß dieser gedungene Mörder bald seine Freiheit wiedererlangen wird. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, daß die Fastower Ritualmord- 0201020002020201000101000002 4511555454999961