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Die Welt · 1914-03-27 · 13 (27.3.1914) · p. 302

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
13 (27.3.1914)
Article
Schekel / N. S.
Date
1914-03-27
Page
302 (sequence 2)
Language
German
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302 DIEXyELT Nr. 13 macht. Einen solchen Moment haben wir ja in unseren Bemühungen für die Erhaltung unserer nationalen Sprache in Palästina erlebt. Diesen Moment müssen wir — nicht gegen diese oder jene Richtung, sondern für unsere eigene Richtung festhalten. Wir müssen immer größere Kreise zionistisch organisieren und den Schekel zu dem machen, was er in Alt- Israel war: zu einer Volkssteuer. Wie soll man dieses Ziel erreichen? Durch „stilles“ Arbeiten ganz gewiß nicht. Damit macht man keine öffentliche Meinung. Die Redenden nur hört sie, die Rufenden. Möge man überall Schekeltage veranstalten, überall Bekenner werben. Alles mündet in die eine Lehre: wir werden allen Gegnern beikommen, alle Hindernisse siegreich überwinden, wenn wir treu, unverdrossen und opferbereit zu unserem Ideal stehen. Es gibt noch Hunderttausende, die die Schekelsteuer leisten werden, wenn wir wollen, ernstlich wollen ... N. S. NATIONALE TENDENZEN IM DEUTSCHEN JUDENTUM Von Moses Calvary In meinem vorigen Aufsatz (Nr. 12 der „Welt“) habe ich zu zeigen versucht, warum der religiöse Inhalt des gegenwärtigen deutschen Judentums nicht ausreicht, das Gemeinschaftsbewußtsein der deutschen Juden zu erklären. Herr Dr. Guttmann erblickte gerade in der Religion den Einheitsfaktor des Judentums und bekämpfte die nationale Deutung. Von seinen Ausführungen aus soll hier diese Deutung im einzelnen interpretiert werden. Es sei Guttmann ohne weiteres zugestanden, daß das Judentum seit der Zerstörung Jerusalems sich als Religion, daß der einzelne sich an die göttliche Lehre, nicht an die jüdische Gemeinschaft unmittelbar gebunden fühlte*). Davon ausgehend, zeigt er in überaus behutsamen Zergliederungen, wie doch eben diese Religionsgemeinschaft sich als Erbin des jüdischen Volkes empfand, wie aus der Religionsgemeinschaft eine weit über das religiöse Leben hinausführende Rechts- und Bildungsgemeinschaft wurde, wie die Juden in dem religiös bedingten Mittelalter einen jüdischen Kulturkreis neben dem christlichen und dem mohammedanischen bildeten, wie aber seit der Zerstörung der ständischen Ordnung und der Verweltlichung der Kultur das Gemeinschaftsleben der Juden sich gegenwärtig wieder auf das religiöse Gebiet beschränke. Und nun entsteht ihm das eigentliche Kernproblem. Auch der nichtreligiöse Jude spürt im Judentum „die Selbstverständlichkeit einer Schicksals- und Lebensgemeinschaft, in die der einzelne nur hineinzuwachsen braucht, statt sie sich erst durch persönliche Fähigkeiten und Leistungen erringen zu müssen". Welche Momente sind für dieses Gemeinschaftsbewußtsein bestimmend? Ganz seltsam nimmt sich Guttmanns Formulierung aus, auch für „den, der bis jetzt halb zustimmend folgen konnte: „Was früher nur ein Element des religiösen Gemeinschaftsbewußtseins war, hat sich hier zu eigener Bedeutung verselbständigt." Man traut seinen Augen nicht recht. Das jüdische Gemeinschaftsbewußtsein .überhaupt oder meinetwegen der außerreligiöse Bestandteil des jüdischen Gemeinschaftsbewußtseins sei e i n Element des religiösen Gemeinschaftsbewußtseins? Das mag stilistische Entgleisung sein. Anderswo heißt es: „In dem Gemeinschaftsgefühl verbindet sich mit dem religiösen Element auch das der Stammeseinheit“, und vorher lesen wir, im Mittelalter habe sich die religiöse Einheit zu einer Bildungsgemeinschaft erweitert. Es *) Auch ich habe das, im Gegensatz zu andern Zionisten, schon des öfteren ausgesprochen. Aber ich muß zugeben: wirklich geklärt ist das Verhältnis, das zwischen dem religiösen und dem nationalen Bewußtsein in der Seele des Juden bestand, noch längst nicht, bedarf vielmehr eingehender Untersuchung. So kommt mir gerade während der Korrektur dieses Aufsatzes das Religionsgespräch zur Hand, das Rabbi Josef Statthagen im Jahre 1704 führte und aufzeichnete, und das A. Berliner soeben auf Veranlassung von Aron Hirsch herausgegeben hat. Hier heißt cs (S. XIV): „Warum solt die Beschneidung abkumen? Es ist jo gut, daß man sicht, wenn einer vun andere Nationen ein Jud werd, daß er beschneiden sich laßt. Wenn aber ein Jehudi sich an andere Emunoh gibt, behalt er doch das jüdische Zeichen an sich." Man darf nun auch diese Antithese von Nation und Emunoh (Glauben), die deutliche Unterscheidung von Jud und Jehudi nicht zu scharf nehmen; so bewußt, wie sie in Berliners hochdeutscher Uebertragung erscheint, war sie Rabbi Josef schwerlich, — aber daß die Ausdrücke nicht ohne Grund wechseln, dürfte wohl klar sein. wird klar, .wie die scheinbar ganz sachlichen Auseinandersetzungen doch eben auf einer ersten willkürlichen, völlig unbeweisbaren Voraussetzung beruhen: dem Primat der religiösen Bestandteile im Judentum. Warum sonst beginnt der Verfasser mit dem Jahre 70? Wenn denn wirklich die geschichtliche Kontinuität so viel beweisen soll, vvarum dann nicht tausend Jahre vorher beginnen, wodurch die Religion als ein Element des Volkstums sich darböte? Oder führt wirklich keine Brücke zurück von der Diaspora zum jüdischen Staate? Diese ganze Betrachtung des mittelalterlichen Judentums ist eben, soviel Feinheiten sie im einzelnen enthält, eine begriffliche Anatomie, die dem geschichtlichen Leben nicht gerecht wird. Der Philosoph, er tritt herein und beweist euch, es müßt so sein: das erst wär so, das zweite so und drum das dritt und vierte so, und wenn das erst und zweit nicht wär, das dritt und viert wär nimmermehr, — so hält er die Teile in seiner Hand, — aber diese Teile, die Stück für Stück so unendlich einfach, elementar aussehen, wenn sie klar ausgebreitet vor uns liegen, Religionsgemeinschaft, Rechtsgemeinschaft, Wirtschaftsgemeinschaft, Kulturgemeinschaft usw., sie sind ja gar nicht, sie werden und sind geworden, unvergleichbar von Geschlecht zu Geschlecht. Die Religion, auf die sich jetzt das orthodoxe deutsche Judentum zu konzentrieren pflegt, bat zwar Namen, Formen und vielleicht auch Glaubenssätze gemeinsam Mit der Religion, die im Mittelalter die ganze Welt des Juden erhellte, aber eben der Lebensnerv ist ihr genommen, kraft dessen sie einst den ganzen Menschen in Anspruch nahm. Darf man da wirklich behaupten, daß dies eine Element mittelalterlichen Judentums heute als einziges zurückgeblieben sei, wenn doch gerade eben dieses sich in einem wesentlichen Punkte, in seiner lebendigen Ausstrahlungsfähigkeit, grundsätzlich verändert hat? So berechtigt es ist, wenn Guttmann in der Verweltlichung der Kultur den Grund dafür sieht, daß die auf religiöser Basis errichtete Kulturgemeinschaft des Mittelalters zerfallen oder im Zerfall begriffen ist, .— so hätte er von dieser Zerfallsbewegung am wenigsten die Religion ausnehmen dürfen. Er spricht von der religiös zusammengehaltenen Mehrheit des Judentums und denkt dabei, wie es scheint, — er erwähnt die „auf religiösem Grunde sich erhebenden Organisationen" —, auch an Einrichtungen wie die Loge, den Zentralverein usw., die doch zweifellos, ob sie sich auch hundertmal äußerlich an den jüdischen Glauben binden, doch auf der bloßen Personalgemeinschaft der Juden gegründet sind und sich nicht im geringsten mit wirklich religiösen Vereinigungen vergleichen lassen. Was hier eben von der Religionsgemeinschaft gezeigt ist, von der Unvergleichbarkeit des religiösen Elementes im 15. und im 20. Jahrhundert, gilt in noch viel stärkerem Maße von der Nationsgemeinschaft. Guttmann sieht den methodischen Wert seiner Arbeit gerade darin, den Begriff der Nation, den er ja untersuchen will, als solchen auszuschalten und unabhängig von ihm das Judentum in seine Elemente zu zerlegen. Aber seine eigene Auffassung ist wohl infolge der seit Jahren fortgesetzten, vielfach unfruchtbaren Kontroverse: hie Religion, hie Nation, eigentümlich befangen; denn er bleibt in dem inhaltlichen Gegensatz von „religiösen" und „außerreligiösen" oder „stammesgemeinschaftlichen" Elementen stecken. Auch hier wird sein Urteil durch die rein zerlegende Art der Betrachtung, die die Bestandteile der Wirklichkeit unabhängig von

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