Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 12 (20.3.1914)
- Article
- Berthold Auerbach
- Date
- 1914-03-20
- Page
- 294 (sequence 2)
- Language
- German
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294 Nr. 12 DIE^ELT Mißtrauische, wußte es. Auerbach, der Arglose, ließ sich einlullen. Für Auerbach war es ein Glück, daß man ihm erst im Alter den Star stach. Wäre er früher sehend geworden, so hätte er die Lust zur Arbeit verloren und wäre an sich selbst irre geworden. Davor hat ihn ein gnädiges Schicksal bewahrt. So erfüllte er denn mit manchmal redselig übei fließender Schaffensfreude und ernstem Pflichteifer die Aufgabe, die er sich erwählt hatte. Mögen auch die Modernen über sein Werk die Nase rümpfen. Auerbach bleibt nicht nur der Begründer der Dorfgeschichte und ein volkserzieherischer Erzähler im besten Sinne des Wortes, sondern er war auch, trotz mancher Unzulänglichkeiten, ein Dichter, dem einige Gestalten so gelungen sind, daß sie neben den bekanntesten in der deutschen Literatur bestehen können. Man denke nur an Diethelm von Buchenberg. Hätte Auerbach die in der erwähnten Novelle bis zur Meisterschaft durchgeführte Technik der Komposition auch in den Romanen geübt, so hätte niemand gewagt, zu behaupten, er sei stellenweise veraltet. Diese Behauptung kam zuerst in einer Zeit auf, als sich infolge des jähen politischen Aufschwungs eine mächtige, das Stammestümliche schroff betonende Strömung in Deutschland durchsetzte, aus der bald wie Inseln die einer eigentümlichen Heimatkunst geweihten Provinzaltäre hervortraten. Jede Landschaft entdeckte ihren besonderen Erdgeruch und ihre ureigene Poesie. Aufs Schild gehoben wurden die echt nationalen, bodenständigen Schriftsteller wie Jeremias Gotthelf, Peter Rosegger und Gustav Frenssen. In Auerbach sah man den Fremden, der nach der Ansicht der Bartelsgemeinde nichts anderes vermochte, als spinozistische Rabbiner in Bauemkostüme zu stecken, und bestenfalls ein paar sentimentale Salonbauern erfunden hat. Aber Helmut M i e 1 k e nimmt in seiner bei Reißner erschienenen Geschichte des deutschen Romans sogar für Auerbachs Romane entschieden Stellung und auch Bartels, der größte Judenfresser unter den deutschen Literaten, muß zugeben daß Auerbachs Diethelm von Buchenberg eine hochentwickelte Einfühlungsgabe und ein dichterisches Talent offenbare. Auch kann er nicht umhin, lobend anzuerkennen, daß Auerbach ein überzeugungstreuer Jude blieb. Eine ähnliche Ansicht findet sich in der objektiv geschriebenen und selbständig urteilenden, sehr inhaltsreichen Deutschen Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts von Friedrich Kummer, die bei Carl Reißner in Dresden erschienen ist. „Auerbach war der erste jüdische Dichter in Deutschland, der höchst ehrenwerterweise zwar als Mensch Jude blieb, aber als Dichter erfolgreich im Süddeutschen aufzugehen strebte und mehr als irgendein anderer jüdischer Dichter tatsächlich darin aufging. Diese kulturgeschichtliche Bedeutung Auerbachs zeigt ihn Heine sowohl wie Börne überlegen und wird wohl Auerbachs literarischen Ruhm in der deutschen Geistesgeschichte überdauern.“ Welchen Wert hatte nun dieses angebliche Aufgehen des Dichters in der süddeutschen Art für den Menschen Auerbach? Wohl hob es seine edle Persönlichkeit, wie jedes ideale Streben, wohl erfüllte es ihn, der nicht ohne Eitelkeit war, mit Stolz, aber man kann nicht behaupten, daß es ihn beglückt hätte. Wer sich in seine Briefe an Jakob Auerbach vertieft, erkennt bald, wie es um sein Inneres eigentlich bestellt war. Auch er, der biedere, gutmütige und kindlich vertrauende, von Freundschaft und Ruhm umgebene deutsche Dichter, hatte an der seelischen Judennot schwer genug zu tragen. Was ihm das Judentum war und wie er darüber dachte, ist auch aus seinem Erstling ,.Das Judentum und die neueste Literatur“ zu ersehen. Treue zur Tradition und Anhänglichkeit ans Elternhaus, mit lieben, nachhaltigen, gern gepflegten Kindheitserinnerungen vermengt, das sind die Elemente seiner , Jüdischkeit“. Er war weder religiös noch national — und doch begann er sein literarisches Wirken mit .Ghettoromanen — nur „Spinoza“ und „Dichter und Kaufmann“ wurden vollendet — und litt gegen Ende seines Lebens an den rohen Angriffen gegen sein Volk. Oft zweifelte er daran, ob es ihm, dem anerkannten deutschen Volksschriftsteller wirklich gelungen sei, als Deutscher für voll gewertet zu werden, und schließlich mußte er verzweifelt Zusehen, wie man seinen Brüdern, die sich an das Deutschtum liebevoll klammerten, abweisend kalt den Boden unter den Füßen abgrub, daß sie wankten und versanken. Hilflos stand er vor diesem Abgrund und wehrte sich mit blutendem Herzen dagegen, daß Männer, wie Treitschke und Billroth, die das Judentum in Bausch und Bogen verdammten, nur ihn allein, teils als aufrichtige Verehrer seiner Kunst und seines Charakters, teils als wohlmeinende Freunde, für einen Ausnahmejuden ausriefen. Unbegreiflich war ihm der Ausbruch des Antisemitismus. Er, der stets Versöhnlichkeit gepredigt hatte, wußte es sich nicht zu erklären, daß das deutsche Volk so undankbar sein konnte. Undankbar! Ja, das war es. Wenn er sich die selbstlose Hingabe und leidenschaftlich heiße Vaterlandsliebe eines Gabriel Rießer, Eduard Lasker, Ludwig Bamberger und seine eigene vergegenwärtigte, so stieg es bitter in ihm auf und er erkannte das Volk Lessings und Goethes nicht wieder. So erlebte dieser schlichte, in einer Wolke von Liebe wandernde Mensch an sich selbst den Zusammenbruch der Assimilation. Und das gerade ist es, was seine Gestalt für uns Zionisten mit geradezu kulturhistorischer Bedeutung umgibt. Der Zwiespalt zwischen deutschem und jüdischem Wesen erwies sich am Ende in ihm doch als ungelöst. Uns bleibt dieser tragische Widerspruch Er hatte auch andere Schwächen als Mensch und Künstler. Vieles jedoch können wir von ihm lernen. Vor allem dies: beharrlich an sich selbst und seiner Vervollkommnung arbeiten, die Grenzen seiner Begabung erkennend, sich konzentrieren, einem bewußt gesetzten Ziele unermüdlich zustreben. Und dann noch: ohne Nachahmungstrieb treu und gütig sein, anregend, fördernd wirken und Freunde werben. Vergessen wir auch nicht, daß der sprudelnde, gemütvolle Geschichtenerzähler Auerbach, der mehr als einen deutschen Dichter beeinflußt hat, auch uns, die wir um das jüdische Schrifttum in fremden Sprachen uns mühen, in so mancher Richtung künstlerisch und gedanklich aneiferndes Vorbild sein kann. Lesen wir ihn! Vor kurzem sind seine Werke frei geworden, und der verdienstvolle Klassikerverlag Max Hesse in Leipzig, der Leopold Komperts Schriften herausgebracht hat, gesellt diesen eine wohlfeile Auerbach-Ausgabe zu. Die Auswahl besorgte Dr. Anton Bettelheim, dem die Literatur eine gründliche, warmherzige und dabei kritische Biographie Auerbachs verdankt, die im Verlag J. G. Cottas Nachfolger in Stuttgart erschienen ist. Diesem seinem umfangreichen, auf dem besten Quellenmaterial beruhenden biographischen Werke entnahm Bettelheim die Grundzüge für das Vorwort, das die stattliche Volksausgabe einleitet. In den vier handlichen Bänden sind so ziemlich alle w ertvolleren Schriften Auerbachs enthalten; es fehlen nur das langatmige Zeitbild „Das Landhaus am Rhein“, der Judenroman „Dichter und Kaufmann“, sowie die literarisch-kritischen und autobiographischen Aufsätze, die zum großen Teile im Cottaschen Verlage erschienen sind. Für den Herausgeber war eben vor allem die Frage maßgebend : War Auerbach nur ein Modeschriftsteller und sind seine Werke überhaupt noch lebensfähig? Und die Antwort wird hoffentlich befriedigend ausfallcn: denn man wird zumal die Schwarzwälder Dorfgeschichten in den billigen Einzelausgaben des Hesse-Verlags kaufen und lesen.