Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 12 (20.3.1914)
- Article
- Jahresversammlung der jüdischen Hochschüler in Lemberg
- Date
- 1914-03-20
- Page
- 291 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 12 D1E3KKELT 201 Der abtretenden Repräsentationskommission wurde einstimmig das Vertrauen ausgesprochen und sodann die Wahl einer neuen Kommission vorgenommen. Dr. Nathan Birnbaums Jubiläum in Galizien (Von unserem galizischen Berichterstatter) w.— Die abgelaufene Woche stand unter dem Zeichen der Birnbaum-Feiern. Unter anderen wurden Jubiläumsabende in Stanislau, Stryj, Zloczöw, Lemberg abgehalten. Ueberall waren die Juden massenhaft erschienen, der Verlauf war ein glänzender, die Vorträge Birnbaums fanden die freundlichste Aufnahme. Bei den Festbanketten, die sich anschlossen, ergriffen Vertreter der verschiedenen Richtungen im Judentum das Wort, um den Jubilar zu beglückwünschen. in Lemberg sprachen der Präsident des Zentralkomitees, Adolf Stand, Präsident des hebräischen Schulvereins Dr. David Schreiber, Präsident des Lembcrger Misrachi Dr. Samuel Rappaport und im - Namen der Poale-Zion Redakteur Ungarn!!!:i!i!llli!lllilli!l!!!ill!iilli!li!!![[llilllll!l| Die Gleichberechtigung der jüdischen Religion in Kroatien Aus Budapest wird uns berichtet: ln den jüdischen Kreisen Kroatiens ist jetzt eine Bewegung im Zuge, welche die Erreichung der rechtlichen Gleichstellung der jüdischen Konfession mit den christlichen Bekenntnissen anstrebt. Das interkonfessionelle Landesgesetz vom Jahre 1905 verbietet nämlich den Uebertritt von einer anderen Konfession zur jüdischen. Es ist dies die einzige Ausnahme im Gesetze, welches im allgemeinen den Uebertritt von einem Bekenntnis zum anderen gestattet. Obgleich das Proselvtenmachen im Judentum bekanntlich verpönt ist, empfinden die Juden in Kroatien diese Ausnahme mit Recht als eine Kränkung, und sehen darin das Prinzip der vollen Gleichberechtigung der Konfessionen zuungunsten der Juden durchbrochen, ln der ursprünglichen Fassung des Gesetzes fehlten diese die Juden mit Recht kränkenden Sonderbestimmungen, bei der Verhandlung der Vorlage im kroatischen Landtage erhob jedoch der Erzbischof von Agram Dr. Pos i 1 o w i c/. im Namen der gesamten kroatischen Geistlichkeit Einspruch dagegen, dal! das jüdische Bekenntnis mit den christlichen Konfessionen vollständig gleichgestellt wird. So kam es, dal! bezüglich der Juden die erwähnten Ausnahmebestimmungen in die Vorlage eingefügt wurden. Die mißlichen politischen Verhältnisse machten es bisher den Juden unmöglich, eine Aktion zur Revision dieser gesetzlichen Ausnahmebestimmungen einzuleiten, da aber seit kurzem der politische Friede wiederhergestellt ist, hat eine Bewegung in diesem Sinne eingesetzt, an deren Spitze der Rabbiner in Körös (Krusevaz), Dr. Engel, steht. Er berief dieser Tage eine Delegiertenversammlung der kroatischen Juden ein, in welcher über die weiteren Schritte, welche unternommen werden sollen, beraten wurde. Rumänien Boykottbewegung gegen die Juden Aus Bukarest schreibt uns unser Berichterstatter: Nachdem die Nationalisten im Dezember v. J. zweimal hintereinander versucht hatten, gegen die jüdische Bevölkerung Pogrome nach russischem Muster ins Werk zu setzen, haben sie es neuerdings den raffinierteren Polen des Königreiches und Galiziens abgeguckt und bedienen sich in ihrem Vernichtungskampfe gegen die Juden dieser „zivilisierteren" Methoden, wobei sie sicher sind, in ihrer Tätigkeit von den Behörden nicht gestört zu werden. ln einem Aufrufe, der dieser Tage in Jassy gedruckt und m einer Massenauflage verbreitet wurde, werden die Rumänen jeden Standes und Alters, darunter die Schüler her Volks- und Mittelschulen, aufgefordert, die Juden auf der ganzen Linie zu boykottieren. Die sozialistische Bewegung im Lande sei das Werk der Juden, an der Armut des rumänischen Volkes seien die Juden schuld usw. „Jedes Krümchen Brot aus der Hand eines Rumänen muH wieder in den Mund eines Rumänen gelangen, da wir sonst ein Volk nähren, das uns wie eine böse Schlange zu verschlingen droht." Rumänische Justiz Vor dem Geschworenengerichte zu Bukarest hatten sich Ende Februar d. J. zwei Bauern, die einen jüdischen Reisenden, namens Rosenberg, beraubt und ermordet hatten, zu verantworten. Ihr Verteidiger, der rumänische Parlamentarier Advokat Th. F 1 o r c s c u , griff nun zu einem landläufigen und wirkungsvollen Mittel, um die Geschworenen für seine Schützlinge günstig zu stimmen. Er begann seine Verteidigungsrede mit den Worten: „Vor 1914 Jahren haben die Juden Christum ermordet. Jetzt haben Christen einen Juden ermordet." In diesem Tone fortfahrend, sprach er von zwei einander gegenüberstehenden feindlichen Lagern: einerseits die die Bauern ausbeutenden und bedrückenden Juden, die nun einen der ihrigen zu rächen suchen, auf der anderen Seite aber zwei treuherzige, gequälte Bauern . . . Hierauf sprachen die Geschworenen ihr „Nichtschuldig" aus, und die Mörder wurden unter dem Jubel des Publikums freigesprochen. Rußland liiiiiiiiiiiillliiiiiiiiiiiiliiiiiiliillii Ausschließung der Juden vom Militärdienst? Der Kongreß des allrussischen Adels ist in Petersburg am 13. März eröffnet worden. Er wird sich hauptsächlich mit der Frage der Rechtsbeschränkung der Juden beschäftigen. U. a. wurde auf dem Kongreß bekanntgegeben, daß dem Ministerrat demnächst eine Vorlage des Ministers des Innern über völlig e Ausschließung der Juden vom Militärdienst zugehen wird. Der Kongreß wünscht diese Vorlage durch einen Vorschlag zu ergänzen, nach dem statt der Wehrpflicht eine d r e i j ä h r i g' e Staatsfron oder eine Personalsten e r für die Juden iiiniiiiitiiiiiniiiiiniiiHiüiiiiiiiiiiüiiiüi; Italien Der dritte Kongreß der jüdischen Jugend Italiens (Schluß.) 1.— In der zweiten Sitzung spricht Herr Heinrich Eisern ann aus Frankfurt a. M. über die „A g u d a s J i s r o e i". Nach längeren Ausführungen über die Reformbewegung und ihre Begleiterscheinungen, die zur Massentaufe geführt habe, und über die darauf einsetzende Reaktion der deutschen Orthodoxie unter Führung von Hildesheimer und Hirsch, geht er zur Frage der „jüdischen Politik4über. Alle großen jüdischen Organisationen, von der „Alliance44 bis zur zionistischen Organisation, werden einer scharfen Kritik unterzogen. Besonders am Zionismus hat er viel auszusetzen, da dieser von „Gottesleugnern" geschaffen sei und geleitet werde. Ein gesetzestreuer Jude könne folglich der zionistischen Organisation nicht angehören. Gegenüber den mächtigen Organisationen, die zum Schaden der Orthodoxie wirken, mußte eine starke Organisation der Gesetzestreuen aller Länder geschaffen werden, die vor einigen Jahren gegründete ,,Agudäs-Jisroel". In der sich an das Referat anschließenden Debatte lehnten fast alle Diskussionsredner den Standpunkt des Referenten ab. Es wird schließlich beschlossen, die Erörterung der religiösen Frage in der Nachmittagssitzung nach dem Referat von Dr. Krinkin wieder aufzunehmen. Dr. David Krinkin (Rom) spricht „U eher die aktuellen Fragen des Judentums"'. An der Hand der letzten Ereignisse zeigt er mit klaren schwungvollen Worten, daß noch heute der Jude als ein vogelfreies Wesen betrachtet wird, gegen das alle Mittel erlaubt sind. Noch heute ist der Jude, besonders im Osten, ein Paria, ein Wesen ohne Schutz und ohne Organisation. Diese Frage des Judenschicksals geht nicht nur den russischen Juden an: wir Juden bilden ein Ganzes und haben alle Schmerzen und Freuden gemein. Die gegenwärtige Epoche der jüdischen Geschsichte wird die Epoche der großen Zerstreuung genannt werden. Auch in Italien muß die Frage klar gestellt werden: Assimilation oder Er- 0202000101010201000200000201