Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 12 (20.3.1914)
- Article
- Die Tätigkeit der preußischen Ansiedlungskomission
- Date
- 1914-03-20
- Page
- 290 (sequence 1)
- Language
- German
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290 DIEXgELT Nr. 12 lllllilllillllllllllllllilllllliilllllll Deutschland Die Tätigkeit der preußischen Ansiedlungs* kommission Man schreibt uns: Unsere Ansiedlungstätigkeit in Palästina ist schon oft in Vergleich gezogen worden mit der der preußischen Regierung in den Provinzen Posen und Westpreußen. Da dürften einige Zahlen aus der eben erschienenen „Ansiedlungsdenkschrift für das Jahr 1913“ von Interesse sein: Seit 1SS6, dem Beginn der Tätigkeit, bis Ende 1913 sind im ganzen 21 372 Familien mit 128 232 Köpfen angesiedelt worden. Ausgegeben wurden dabei 913 872 000 M., zum Fonds eingenommen 292 556 000 M. Der Ueberschuß der Ausgaben über die Einnahmen beträgt sonach 621 316 000 M. Jede angesiedelte Familie kostet also dem preußischen Staat rund 30000 M. . . . Unsere Ansiedlungskommission heißt P. L. D. C. Sie verfügt noch nicht über 300 000 M. und damit soll etwas geschaffen werden? Ein schlimmes Zeichen mangelnden Verständnisses gegenüber unseren wichtigsten Aufgaben von seiten unserer Gesinnungsgenossen! Ein Sportplatz für die jüdische Jugend Berlins Bei den Bemühungen, die neuerdings von den verschiedensten Seiten gemacht werden, die Jugend zu körperlicher Uebung bei Sport und Spiel anzuhalten, stößt man immer wieder auf Schwierigkeiten, sobald es sich darum! handelt, ein geeignetes Gelände im Weichbilde der Stadt oder in ihrer unmittelbaren Nähe ausfindig zu machen. Die Spielplatzfrage wird besonders für die Vereine Groß-Berlins von Jahr zu Jahr dringlicher, da von einer Bodenpolitik, die dieser Entwicklung entgegenwirken könnte, bisher keine Rede sein konnte. Dem Jüdischen Turnverein Bar Kochba, Berlin, ist es nun nach langem Bemühen gelungen, sich in Lichtenberg-Friedrichsfelde ein geeignetes Terrain zu sichern und so die Entwicklung seiner Sportabteilung und des volkstümlichen Turnens in seinen Reihen sicherzustellen. Der Platz, der schon im Frühjahr dieses Jahres durch ein groß angelegtes Turn - und Sportfest eingeweiht werden soll, wird aber auch in weitherziger Weise den anderen jüdischen Jugendvereinen Berlins zur Verfügung gestellt werden. Während nun die Pachtsumme für den Platz aus den laufenden Einnahmen der Vereine gedeckt werden kann, bedarf es zu einer sportgerechten Einrichtung noch recht erheblicher Ausgaben, die durch einen besonderen Sportplatzfonds aufgebracht werden sollen. Der Bar Kochba, dessen Verdienste um die Jugendpflege allgemeine Anerkennung finden, wendet sich nun an die jüdische Öffentlichkeit mit der Bitte, ihn durch finanzielle Beihilfe zu diesem Fonds in seinen Bestrebungen zu unterstützen. Größtenteils aus den Reihen der Mitglieder des Vereins sind bisher etwa 3000 M. für diesen Zweck aufgebracht worden, so daß selbst für eine bescheidene Ausstattung noch etwa der gleiche Betrag benötigt wird. Spenden richte man an die Verwaltung des Sportplatz- Fonds, Herrn Carl Sobersky, Berlin SW 68, Hollmannstraße 18, Postscheckkonto Carl Sobersky, Berlin 18 282. Oesierrcidi »»»>>»»«» Die Vorgänge im Wiener Kultusvorstande a.— ln der am 16. März abgehaltenen Generalversammlung des Wiener zionistischen Zentralvereins kamen die jüngsten aufsehenerregenden Vorgänge im Wiener Kultusvorstande zur Sprache. Die anwesenden zionistischen Kultusvorstände gaben einen Ueberblick über ihre bisherige Tätigkeit, worauf Herr Ob.-Ing. Stricker den Verlauf der letzten Sitzung schilderte. Herr Dr. Jakob Ehrlich hatte in dieser Sitzung eine ^tijaurige Skandalaffäre zur Sprache gebracht, die nicht nur die Zionisten, sondern sehr weite Kreise der Wiener jüdischen Öffentlichkeit seit längerer Zeit beschäftigt und auf Grund authentischen Materials die endliche Einleitung eines ordnungsmäßigen Verfahrens gegen einen bestimmten Gemeindeangestellten gefordert. Der Kultuspräsident Dr. Stern drohte wieder einmal mit seiner Demission, wenn der Antrag Dr. Ehrlichs durchdringe. Aber trotzdem Herr Dr. Stern sich unmittelbar zuvor das Vertrauen der Majorität hatte ausdrücken lassen, stimmte fast die Hälfte des Plenums für den Antrag Dr. Ehrlichs. Darüber geriet Herr Dr. Stern derart in Zorn, daß er auf Gesinnungsgenossen Dr. Ehrlich förmlich losstürzte und ihn gröblich insultierte. Herr Ob.-Ing. Stricker verfehlte nicht, das Vorgehen des Kultuspräsidenten, der nur jene Vorgänge der geheimen Sitzungen promulgiert, die ihm passen, entsprechend zu beleuchten, und betonte, daß erst dann der absoluten Herrschaft Dr. Sterns und seinem unerhörten Verhalten gegen die zionistische Opposition ein Ziel gesetzt sein wird, wenn die von den Zionisten angestrebte öffentliche Abhaltung der Sitzungen erreicht ist. Die Versammlung akzeptierte hierauf einstimmig folgende vom Obmanne des innerösterreichischen Distriktskomitees, Herrn Dr. Friedmann, eingebrachte Reso- „Indem die am 16. Märt 1914 tagende Generalversammlung des Wiener zionistischen Zentralvereins ihre tiefste Entrüstung über das persönliche und automatische Regime des Präsidenten der Wiener israelititischen Kultusgemeinde, Herrn Dr. Alfred Stern, ausdrückt und seine Beschimpfungen der zionistischen Mandatare im Kultusvorstande auf das Entschiedenste zurückweist, dankt sie den zionistischen Vertretern im Kultusvorstande für ihre bisherige Haltung und Tätigkeit, erklärt sich mit ihnen vollkommen solidarisch und verspricht ihnen die tatkräftigste Unterstützung.“ Israelitisches Kultuskomitee für Südtirol In Meran hat sich ein israelitisches Kultuskomitee für Südtirol konstituiert, welches die alleinige und ausschließliche Ausübung des Kultus übernommen hat. Die Wahl des Komitees ist der Erfolg eines lange geführten Kampfes, in welchem sich gegen die Aktionen der „Königswarter-Stiftung“ der Wille der überwältigenden Mehrheit, gerichtet auf die Gründung einer selbständigen Kultusgemeinde, durchgesetzt hat. Das Kultuskomitee besteht aus den Herren Leop. Mantel aus Trient, Dr. Max Bärmann, Dr. Oskar Goldstein, Dr. Maxim. Wassermann, Dr. Hugo Zuck ermann aus Meran als Ausschuß-, Nandor Rieß und Hermann—^ippet, Meran, als Ersatzmitgliedern. Das Kultuskomitee hat bereits Tempel und Friedhof übernommen und übt allein und autonom den Kultus aus. Die Uebemahme des Tempels erfolgte in feierlicher Weise durch eine Weiherede Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiner Dr. Koppstein aus Beuthen, die auf die den Tempel gedrängt füllenden Zuhörer einen tiefen Eindruck machte. Die junge Gemeinde, welche die Kultusstätten unter schweren Opfern von ihren mühsam niedergerungenen Gegnern übernehmen mußte, verdient die Förderung aller jüdisch Denkenden. * Jahresversammlung der jüdischen Hochschüler in Lemberg (Von unserem galizischen Berichterstatter) w.— Am 7. März wurde in Lemberg im Saale des „Jüdischen Akademischen Hauses“ die Jahresversammlung der jüdischen Hochschuljugend abgehalten. Den Bericht über die Tätigkeit der zurücktretenden „Repräsentationskommission der Gesamtheit der jüdischen Hochschüler in Lemberg“ erstattete Schriftführer E n i s. Der Anschlag auf das Recht, die jüdische Sprache als Muttersprache anzugeben, wurde abgewehrt und in Verhandlungen mit dem Senat die vorläufige Anerkennung der Repräsentationskommission als der offiziellen Vertretung der jüdischen Hörer erlangt. Der Redner schlug die Begründung eines allgemeinen jüdischen akademischen Vereins vor, da nur Vereine vom Senat der Universität bestätigt werden. Der Antrag wurde zum Beschluß erhoben. Die jüdischen Sozialisten und die Poale-Zion erklärten aber, daß ihnen ihre Weltanschauung den Beitritt zu einem gemeinsamen Verein mit „bürgerlichen“ Kollegen nicht gestatte und verließen die Beratungen.