Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 12 (20.3.1914)
- Article
- An die Arbeit°
- Date
- 1914-03-20
- Page
- 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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278 D1E&EL7 isir. 12 die ganze Mauer um unsere Burg schon geschlossen dasteht. Nein, es ist erst ein ganz kurzer Teil der Nacht vergangen, und erst ein ganz kleiner Teil der lebendigen Mauer ist bisher erstanden. Denn das hebräische Schulwerk im Lande Israel, das diese lebendige Mauer bildet, ist zwar begonnen worden, aber natürlich fehlt es noch an der endgültigen Sicherstellung des ganzen Werkes. Wir dürfen uns nicht mehr und nie wieder der trügerischen Hoffnung hingeben, daß andere für uns das hebräische Schulwerk schaffen und fördern werden. Das ist und bleibt allein unsere Arbeit. Bei andern werden stets die kleinen Interessen aus der Heimat nach Palästina hinübergetragen werden. Nicht aus bösem Willen, sondern weil sie ebensowenig aus ihrer Weltanschauung herauskönnen wie wir. Und wer hier dem Judentum völlig entfremdet ist, der kann nicht plötzlich in Palästina ein nationales jüdisches Werk schaffen. Wer hier kein Interesse für Judentum und Hebräisch hat, von dem kann man unmöglich verlangen, daß er an einem hebräisch sprechenden Judentum mit echter eingeborener jüdischer Kultur im Lande Israel schafft. Deshalb werden wir immer einmal ein Stück Weges friedlich mit andern Organisationen Zusammengehen können, aber wir müssen lernen, auf eigenen Fül>en zu stehen, um stets friedlich unsere eigenen Wege wandeln zu können. Ueber Nacht ist aus der wachsenden Kraft des Judenstammes heraus im Lande unserer alten Heimat ein hebräisches Schulwerk entstanden. Der Sprachenkampf im Technikum und mit dem Hilfsverein waren nur der äußere Anlaß. Hervorgegangen ist es in Wahrheit aus dem inneren Wachstum jüdischen Kulturgeistes, den kein Hilfsverein pflanzen und keine Alliance hemmen kann. Das ist das urwüchsige jüdische Leben, das Lechzen nach innerer Freiheit, das dem Juden selbstverständlich ist, der wieder anfängt, den Rücken zu strecken und aufrecht zu gehen. Wir merken, daß kein Mittelalter und kein Pogromschrecknis imstande war, dauernd unser Rückgrat zu verkrümmen, und stolz und dankbar heben wir wieder das Haupt zum Himmel. Wir verstehen wieder unsere Menschenwürde und empfinden wieder unsere Judenwürde. Und dieses Gefühl für die Judenehre und für die eigene Würde des Judentums ist in uns und in unsern palästinischen Brüdern gewachsen, und sie haben das hebräische Schulwerk geschaffen, das, äußerlich genommen, zwar das Werk einer einzigen Nacht ist, aber nicht ein Wundergebilde wie der Kikajon des Jona, der deshalb auch in einer einzigen Nacht wieder starb und verdarb. Es ist ein organisches Gebilde und organisch erwachsen. Und unsere Sache ist es, dieses Geschöpf des jüdischen Kulturgeistes zu hegen und zu pflegen. So hoch wir den Opfermut unserer Freunde und lieben Gesinnungsgenossen einzuschätzen wissen, so müssen wir doch teststellen, daß wir auch hier erst am allerersten Anfänge stehen. Und wenn es leicht ist, in erster und echter Aufwallung des Gefühls materielle Opfer zu bringen und Gelder zu sammeln, so fängt erst jetzt der eigentliche Kampf an. Schulen zu schaffen und nachher sie eingehen zu lassen, das wäre weit schlimmer, als wenn wir überhaupt nichts, gar nichts begonnen hätten. Das wäre die schlimmste Niederlage, die wir uns selber beibringen würden, und von der sich der Zionismus und das von ihm vertretene jüdische Volk in Jahrhunderten nicht erholen würden. Jetzt erst beginnt der Kampf, jetzt erst die Arbeit und die eigentliche große Verantwortlichkeit, die wir tragen. Das Werk muß gesichert werden. Der Teil der über Nacht entstandenen Mauer ist noch klein, er hat auch selbst noch Lücken und schwache Stellen, und wir verstehen, daß wir eben erst begonnen haben. Gerade jetzt dürfen wir am allerwenigsten erlahmen. Gerade jetzt gilt es, alle Hände zu regen, um das lebendige Mauerwerk zu vollenden und dauernd zu sichern, das unsere stolze Kulturburg umschließen soll. Die 200 000 M., die in der Begeisterung von unsern zum Teil recht unbemittelten Parteigenossen aufgebracht sind, und die uns als die reichste Partei im Judentum erscheinen lassen, sind doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und wir dürfen nicht vergessen, daß wir keinen Staat und kein Gemeinwesen haben, das Steuern erheben kann, um unsere Kulturinstitutionen zu schaffen und zfu erhalten. Gegenüber den ungezählten Millionen, die andere Völker durch Steuern für ihre Kulturbedürfnisse, für die Pflege ihrer Sprache und ihres Kulturgeistes aufbringen, sind die Summen ein Nichts, die unsere Opferfreudigkeit auf dem Altäre der Liebe zu unserm Volkstume darbringt. Darum wollen und dürfen wir nie vergessen, daß wir auch das leisten müssen, was andere Völker als Steuer aufzubringen gewöhnt sind. So groß die Leistung ist, die soeben von unserer Organisation vollführt wurde, so gering sind die aufgebrachten Summen gegenüber dem wirklichen Zwecke: niemandem zum Trutz, uns selber aber und unserm Volksgeiste zum Schutz ein hebräisches Schulwerk im Lande der Ahnen für die Zukunft unseres Volkstums zu errichten. Jetzt erst muß die ernste dauernde Arbeit beginnen und darf nicht erlahmen. Wir dürfen nicht ruhen, für den hebräischen Schulfonds zu arbeiten und zu sammeln, zu spenden und zu opfern, bis das hebräische Schulwerk sicher ist, daß es nicht dem Schicksale des Kikajon verfallen kann, als Sohn einer Nacht entstanden zu sein und deshalb als Sohn einer Nacht wieder zu verschwinden. Helft die Mauer zu bauen um die stolze Burg unserer Kultur, helft den Schulfonds zu schaffen, der unser Werk für die Ewigkeit sichert. Heinrich Loewe. 7lur bei rechtzeitiger 'Erneuerung des Abonnements werden unliebsame Störungen in der Zustellung des Blattes vermieden. 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