Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1914-03-13 · 11 (13.3.1914) · p. 264

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
11 (13.3.1914)
Article
Protest der galizisch-jüdischen Akademiker Wiens gegen die Vorgänge in Galizien
Date
1914-03-13
Page
264 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316625-3316636--59647-3352759
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 11 2S4 blEl^ELT Protest der galizisch-judischen Akademiker Wiens gegen die Vorgänge in Galizien Am 26. Februar fand eine große Versammlung der in Wien studierenden bewußt-jüdischen Hochschüler aus Galizien statt, die sich zu einer würdigen Demonstration gegen die tieftraurigen, für die jüdische Bevölkerung geradezu unhaltbaren Zustände in Galizien gestaltete. Namens der Zionisten, Poale-Zionisten und jüdisch-galizischen Sozialdemokraten erstatteten die Herren Eisenstein, Gelber, Juris, Rieger und Sohn Referate in deutscher, jüdischer und polnischer Sprache. Unter stürmischer Erregung wurde vor allem die widerliche, von assimilatorischen Verrätern angezettelte Agitation gegen Nah um S o k o 1 o w anläßlich seiner galizischen Vortragstournee gebrandmarkt. Diese denunziatorischen Renegaten hatten sich verrechnet. Sie wollten die Bekämpfung des Zionismus bewirken und haben nur eine Verschärfung des polnischen Antisemitismus heraufbeschworen, den zunächst die Herren Assimilanten selbst spüren werden. Sämtliche Redner betonten die Notwendigkeit einer energischen und zielbewußten Abwehr gegen die verheerende Wirkung des antijüdischen wirtschaftlichen Boykotts, der von Russisch-Polen nach Galizien übergegriffen hat und die galizische Judenheit mit einer Katastrophe bedroht. Wenn sich alle bewußt jüdischen Elemente zusammenschließen, werde es nicht gelingen, die jüdische Nation in Galizien, die 11 Prozent der Bevölkerung ausmacht, aus ihren erbgesessenen, mit Schweiß und Blut errungenen Positionen zu verdrängen. Es wurde nachstehender Protest beschlossen: „Die am 26. Februar 1914 versammelten bewußt-jüdischen galizischen Hochschüler aller politischen Richtungen erheben den schärfsten Einspruch gegen die von einem Teile der polnischen Gesellschaft und Presse mit brutalem Terrorismus betriebene Verdrängung des jüdischen Volkes aus allen Gebieten des ökonomischen, politischen und kulturellen Lebens. Sie bedauern das provokatorische Treiben eines Teiles der polnischen Studentenschaft gegenüber den jüdischen nationalen Bestrebungen und stellen fest, daß die polnische Oeffentlichkeit sich ihre Informationen über das jüdische Volkstum bei vom jüdischen Volke abgefallenen Individuen holt. Sie sprechen der Studentengruppe „Zjednoczenie'* in Lemberg wegen ihres das eigene Volk schädigenden verräterischen und denunziatorischen Treibens ihre tiefste Verachtung aus und wissen sich in diesem Gefühle in Uebereinstimmung mit allen anständigen und honorigen Menschen, welche auf Reinlichkeit im politischen Leben halten." An der Versammlung, zu welcher alle galizischen Abgeordneten mit Ausnahme Dr. v. Löwensteins geladen waren, nahm auch eine Abordnung polnischer Studenten teil. Die Not der Hausierer und ihre Berater Die Wiener Christlichsozialen führen einen ebenso rohen wie lächerlichen Kampf gegen die jüdischen Hausierer. Mit der Ausmerzung dieser Hungerexistenzen ist niemand gedient, aber die Parole „hinaus mit den Fremdlingen, die den Wiener kleinen Mann ruinieren" ist ein bewährtes Schlagwort, das bei Wahlen neue Mandate verschafft. Den Wiener Machthabern genügt es nicht, daß der Wiener Hausierhandel in den letzten zehn Jahren um fünfzig Prozent abgenommen hat. Mit unglaublicher Härte wird der Vernichtungskrieg gegen die „Geschäftsverderber" fortgesetzt und jetzt, da die Gemeinderatswahlen vor der Türe stehen, besonders forciert. Eine Aktion ist im Gange, die allen Gastwirten und Kaffeesiedern willkommenen Anlaß geben soll, keinen Hausierer fürderhin in ihr Lokal zu lassen. Schon wurden von einzelnen der antisemitischen Bezirksvertretungen Beschlüsse gefaßt, deren Durchführung den Ruin des Hausiererstandes bedeuten und massenhaft sind die Abstrafungen „wegen unbefugten Stehenbleibens auf der Straße". Da ein Unglück selten allein kommt, gab das Schicksal den notleidenden Hausierern eine Garde von wirklich auserlesenen „Ratgebern". Jüngst trat in einer sehr erregten Versammlung der Hausierer und Wanderhändler das jüdische Mitglied des reichsrätlichen Polenklubs, Abgeordneter Stern, auf und legte den bedrängten Versammlungsteilnehmern nahe — eine Deputation zum christlichsozialen Bürgermeister zu entsenden und an das gute Herz Dr. Weißkirchners zu appellieren. Moschkomoral . . . Natürlich ging man über diesen sauberen Ratschlag zur Tagesordnung über. Nathan Birnbaums Jubiläum in Galizien (Von unserem galizischen Berichterstatter.) Dr. Nathan Birnbaum stand immer in engster Beziehung zu der Judenschaft Galiziens, auf die schon seine vorherzlische zionistische Tätigkeit einen starken Einfluß hatte. Als im Jahre 1907 die Juden Galiziens in den Wahlkampf um die eigene Vertretung im Reichsrate zogen, stand Birnbaum in den ersten Reihen der Kämpfer und kam in eine sichere Stichwahl; nur ein echt galizischer Wahlraub hat den „Jüdischen Klub" um ein so hervorragendes Mitglied ärmer gemacht. Das Ostjudentum und besonders die polnischen Juden hatten in ihm den treuesten Vorkämpfer. Für das herannahende Jubiläum Birnbaums werden daher hier besondere Vorbereitungen getroffen. Ein Komitee hat sich gebildet, das überall Birnbaumfeiern organisieren will. Schon hat der erste Abend in Chrzanöw in Westgalizien stattgefunden, an dem Birnbaum Abschnitte seiner Memoiren zur Vorlesung brachte. — Die Adresse des galizischen Dr. Nathan Bimbaum-Jubiläumskomitees ist: Dr. David Taubes, Lemberg, Szajnochyllllllllllllllllllllllllüllllllllllllllllllllllllll Ungarn Zionismus und Ito in Ungarn Eine Denkschrift der ungarländischen zionistischen Organisation (Von unserem Budapester Berichterstatter.) Ungarn, das klassische Land des Scheinliberalismus, gehört zu den wenigen Ländern, in denen die Statuten unserer Organisation bisher noch immer nicht legalisiert sind. Vom Ministerium des Innern wurden die Statuten der zionistischen Landesorganisation u. a. auch der (neologen) Israelitischen Landeskanzlei zur Begutachtung übermittelt und diese jüdische Behörde sprach sich aus „patriotischen“ Gründen gegen die Legalisierung aus. Es ist daher, nicht verwunderlich, daß das Ministerium des Innern in puncto Patriotismus nicht hinter der (neologen) Israelitischen Landeskanzlei zurückstehen wollte und die Sache bis heute ruhen ließ. So liegen denn diese Statuten, ohne direkt zurückgewiesen zu sein, seit mehr als zehn Jahren im Archiv des Ministeriums, und unsere Landesorganisation arbeitet auf Grund einer Verordnungsklausel, wonach Vereinigungen, deren Statuten binnen 40 Tagen, von der Einreichung gerechnet, nicht ausdrücklich zurückgewiesen werden, ihre Tätigkeit fortsetzen können. Seither wurde die Legalisierung öfter angestrebt, es wurden Deputationen entsandt (denen, wie es hier schon üblich ist, alles versprochen wurde), den Ministern und den Mitgliedern der Gesetzgebung Memoranden unterbreitet usw. Vor kurzem wurden die Statuten der von den ungarländischen Assimilanten zur Bekämpfung des Zionismus gegründeten „magyarischen" Ito der Regierung zur Genehmigung vorgelegt, und diesen Anlaß wollte und konnte unsere Landesorganisation nicht vorübergehen lassen, ohne zugleich auch die Legalisierung ihrer Statuten zu verlangen. Die Geschäftsführer der „magyarischen" Ito ernteten aber die Früchte ihrer langjährigen Verhetzungsarbeit: auch ihre Statuten wurden nicht legalisiert, — trotzdem dies auch von der Landeskanzlei empfohlen worden war —, sondern den nachgeordneten Behörden mit dem Auftrag zugewiesen, von neuem, und zwar diesmal mit Bezugnahme auf das neue Memorandum unserer Landesorganisation, ihr Gutachten abzugeben. Selbstverständlich ergeht sich jetzt das magyarisch-itoistische Assimilantenblatt in Beschimpfungen gegen den verhaßten Zionismus. Es scheut sich nicht, zu behaupten, die Zionisten hätten die Regierung aufmerksam gemacht, daß die Statuten der Ito nicht legalisiert werden dürfen, da auch ihre 'Statuten nicht legalisiert sind. Unser Bruderblatt „Zsidö Szemle" veröffentlicht nun das umfangreiche Memorandum der zionistischen Landesorganisation

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.