Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 11 (13.3.1914)
- Article
- Paul Ehrlich
- Date
- 1914-03-13
- Page
- 263 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 11 DIE^ELT 263 iiiimiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiig WELTCHRONIK imiimmmimiiiuumiiiimimiimmimmiK? Paul Ehrlich Am 14. März wird Ehrlich sechzig Jahre. Das ist ein Fest der Wissenschaft. Und die Menschheit, die leidende wie die kulturell interessierte, wird diesem Manne in Dankbarkeit Glück auf den weiteren Lebensweg wünschen. Kein Mediziner unserer Zeit hat wie Ehrlich das wissenschaftliche Denken bestimmt. Jede seiner Arbeiten stieg aus dem Wurzelreich der Fachliteratur empor in die Region einer prinzipiellen Betrachtung. Die pathologische Anatomie, von Virchow bis ins feinste Detail ausgebaut, blieb tot, wie das Material, dem ihre Studien galten. Sie mußte füglich vor der dauernden Beschäftigung mit der Zertrümmerung, die Krankheit und Alter setzten, zu einem therapeutischen Nihilismus führen. Ehrlichs Bedeutung beruht darauf, daß er den Sinn der Forscher wieder auf die Vorgänge des lebenden Organismus geleitet hat. Die pathologische Anatomie sieht nur — so sagte er einmal — die Lappen und zertretenen Papierfetzen nach dem Freiheitsfeste. Die Biologie sieht die Wimpel und Girlanden am Freudentage. Die Lust an der Farbigkeit alles Lebendigen hat seine Arbeit bestimmt. Seine genialen Färbetechniken erschlossen einen Einblick in die Geheimnisse des organischen Werdens und Vergehens. Sie haben wieder dem Blut und den Stoffen, die in ihm kreisen, die zentrale Stellung gegeben. „Blut ist das Leben/*' Dieser alte biblische Satz hat in Neubildung der humoralpathologischen Auffassung die Herrschaft der Zellularpathologie erschüttert oder doch zu Konzessionen gezwungen. Es ist fast ein lyrisch-phantastischer Zug in der . Konzeption von Ehrlichs Gedanken. Eine plastische Intuition, die Unsichtbares nicht nur sieht, sondern auch analysiert, leitet seine Forschung, die in unverdrossener Sachlichkeit die Hypothesen stützt und zur Wahrheit macht. Es mußte so sein, daß Ehrlichs Studien die Enge der Laboratorien sprengten. Das Lebendige erforschen, um dem Leben zu dienen! Auf Ehrlichs Hypothesen, in Ehrlichs Methoden steht die moderne Serologie. Seine Vitalfärbung hat erst aussichtenreiche Wege der Krebsbekämpfung gezeigt. Sein Salvarsan hat die Frambösie, eine durch himbeerähnliche Ausschläge bezeichnet Tropenkrankheit unschädlich gemacht und gegen andere Spirochäten Wirkungen, vor allem die Syphilis, eine wuchtige Waffe geliefert. Und alle diese fundamentalen Forschungen und Eroberungen hat Ehrlich gemacht —: ohne die Unterstützung des Staates! Nie hat eine Fakultät ihm den Eintritt gestattet. Daß er in schöpferischer Naivität der erste, der genialste Biologe wurde, hat der Staat, dessen Ruhm er ist, freilich nicht verhindern können. Im Steglitzer Armenhaus stand ihm ein kleiner Raum zur Verfügung. Von dort ging reicher Segen aus. Für seine Arsenikalienstudien opferte er den Nobelpreis, den er 1908 erhielt, nahm er die Hilfe des Rennstallbesitzers Weinberg in Anspruch; das von Franziska Speier geschaffene Georg-Speierhaus in Frankfurt a. M. gab ihm erst die Arbeitsbedingungen. Es ist vielleicht das größte Unrecht, daß dieser originelle Seher von aller klinischen Tätigkeit verbannt blieb. Aber — Ehrlich ist Jude! Er hat nie geschwankt in der Treue zu seinem Volke. Einer alten jüdischen Familie in der schlesischen Kleinstadt Strehlen entstammend, hat er das Bewußtsein seiner Stammeszugehörigkeit gepflegt und seinen Stolz darein gesetzt, daß das jüdische Volk nicht mit dem Fluche beladen ist, nur Mittler zu sein — auch in der Wissenschaft! In ihm ist die schöpferische Kraft unseres Volkes für die Menschheit fruchtbar geworden. Und wir wollen heut nicht vergessen, daß er mannhaft auf dem internationalen Aerztekongreß in London (1913) gegen das Blutmärchen mobil gemacht hat, daß er sich mit besonderer Liebe den Bestrebungen zur Verfügung gestellt hat, die sanitären Verhältnisse in Palästina zu bessern. So dürfen auch wir Zionisten in Dankbarkeit Paul Ehrlich zu seinem sechzigsten Geburtstage Glück und Segen wünschen. S a h u w i. Oesterreich iiiiinniiiiiiiiiiiiiilliliiiilililiiiilii! Wiener Gemeinderatswahlen a. — ln diesem Monate der Gemeinderatswahlen bietet Wien das nämliche Bild, wie vor zwei Jahren. Die Christlichsozialen haben längst heraus, daß außer d-en sozialdemokratischen Arbeitern kein ernster Gegner auf den Plan tritt und daß es sich für sie erübrigt, Programme zu entwickeln, zu Verwaltungsfragen Stellung zu nehmen. Die beste Wahlparole in diesem Kampfe ist — sie haben es herrlich erprobt, als es galt, den entdeckten „Gott nimm** vergessen zu machen — recht eindringlich und in allen Tonarten „Gegen die Juden!“ zu rufen. Abwehr ist nicht unsere Sache. Nur um immer wieder zu zeigen, in welcher Atmosphäre der Wiener Jude lebt, seine Kinder erzieht, sei auf die Formen dieses Wahlkampfes hingewiesen und an Stichproben gezeigt, daß keine Verleumdung zu niedrig ist, um den Wähler gegen die Juden aufzustacheln, kein Einschüchterungsmittel zu skrupellos, den jüdischen Mitbürger niederzuhalten, falls er es versuchen sollte, sich gegen Schimpf und Gemeinheit aufzubäumen. Die „Reichspost“ hat die Wahlkampagne nicht mit einer programmatischen Proklamation, sondern mit einem „wissenschaftlichen“ Artikel eröffnet, der die Ueberschrift „Antisemitismus“ trägt und auf sieben Spalten mit abgefeimter Milde, mit wohlfrisierter Niedertracht „nachweist“, daß es sich in dieser Wahlschlacht um nichts Geringeres handle, als in Wien dazu beizutragen, die Welt von den Juden zu erretten. In der Stadt, in welcher nur allzu häufig der beileibe nichtjüdische „Strizzi“ oder Plattenbruder seinem Mädchen das Messer in den Leib rennt, wenn es nicht zur Dime wird und ihn mit Schandlohn aushält, wagt der Leitartikler der „Reichspost“ die jüdische Moral mit folgendem Satze zu charakterisieren: „Ob ich mit Kleidern oder Mädchen handle, das geht den Gerichtshof nichts an.. .“ Ein katholischer Priester, Professor Bong, versammelt die christliche Jugend um sich, aus welcher die Manipel der Wahlagitatoren gebildet werden, und befleckt sein Priesterkleid mit der Lüge, daß das Judentum nie etwas für sein österreichisches Vaterland getan habe, daß niemals junge jüdische Männer für Oesterreichs Freiheit gekämpft hätten, daß Oesterreich durch die Juden zugrunde gehen werde. In der ersten christlichsozialen Paradeversammlung der Leopoldstadt hatte der Abgeordnete Dr. Mataja die bodenlose Frechheit, die Juden Wiens mit Zeiten zu bedrohen, in welchen es ein Jude nicht werde wagen dürfen, auf die Gasse zu gehen. — Kein einziges der zahlreichen, sogenannten freiheitlichen Wiener Preßorgane tritt diesem Kesseltreiben auch nur mit einer Zeile entgegen. Ja, die Arbeiterzeitung müht sich mit einladenden Seitenblicken auf die Wählerschaft nachzuweisen, daß die Christlichsozialen ihren Antisemitismus längst verwässert haben und ihn nur zum Scheine praktizieren. Und die Oppositionsparteien ... Es ist das traurigste Kapitel von den programmlosen, in sich zerspaltenen und einander befehdenden Kaffeehausklüngeln, die nicht die Kraft und den Mut haben, mit offenem Visier zu kämpfen. Und so wird wohl diese Stadt bleiben, was sie seit Dr. Karl Lueger ist: Der Hort der Reaktion gegen die Entwicklung, die Herrenburg des sattgegessenen Hausherrentums' -- —■ die Musterkarte jüdischen Elends. 020200010201000103000101010201010201020201 234848234802014823902323530202000253484802