Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 11 (13.3.1914)
- Article
- Achad Haam
- Date
- 1914-03-13
- Page
- 255 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 11 Und Achad Haam hat zahlreiche Schüler. Wohl alle, die im letzten Vierteljahrhundert in die hebräische Literatur eintraten, sind seine Schüler, haben von ihm inhaltlich und formell viel gelernt. Formell haben sie von ihm gelernt, hebräisch so schreiben, wie man in jeder ausgebildeten europäischen Sprache schreibt: klar und präzis. Der hebräische Ausdruck, als orientalisch, ist häufig zu Voll und verführt zu Uebertreibung, zu Ueberschwang, mindestens: zu Ungenauigkeit. Achad Haam Läßt sich nicht vom Wort beherrschen^ sondern er beherrscht das Wort. Ebenso das Zitat. Wir schreiben nämlich hebräisch — in Zitaten. Kein Wunder. Es ist ja bis vor kurzem nur eine geschriebene und gelesene Sprache gewesen, nicht eine gesprochene. Da prägen sich häufig ganze Sätze mit dem einzelnen Worte ein. Nun geschieht es häufig, — früher geschah es fast immer! — daß das Zitat an Stelle des eigenen Ausdruckes tritt und den Gedanken verrenkt. Achad Haam aber hat das Zitat in seiner Macht. Bei ihm ist es, was es sein kann und soll, bloß Illustration, stilistische und gedankliche Ornamentik. Er spricht immer seine tiefsten Gedanken mit der klarsten Präzision aus. Das hat man von ihm in der hebräischen Literatur gelernt. Das heißt: das lernt man von ihm allmählich. Immer mehr und mehr. Auch an positiven, geradezu zentralen Gedanken haben wir viel von ihm gelernt. Manche neue, grundlegende Anschauung, besonders kritischer und analytischer Art, über aktuelle und historische Probleme des Judentums, Anschauungen, die nachgerade durchschlagende Geltung erlangt haben, stammen von ihm. So ist Achad Haam ein großer Lehrer geworden, der viele verehrende, liebende und dankbare Schüler hat. Aber keine Schule. Ich verstehe darunter einen Kreis von Menschen, für die die geschlossene Lehre des Meisters das unverrückbare Fundament alles weiteren Denkens und Handelns ist. Einen solchen Kreis hat Achad Haam nicht um sich. Zweifellos — alles, was Achad Haam in seinen vier Bänden „Al-Paraschath-d’rakhim", „Am Scheidewege“ geschrieben hat, hat Wert, vieles großen Wert, manches allergrößten Wert. Aber eine die ganze Seele in ihrem Erkennen, Wollen und Handeln ausfüllende Weltanschauung ist alles zusammen noch lange nicht. Sagen wir es so: Achad Haam ist ein heller Strahl, ein Glanz im modernen Judentum. Freuen wir uns, daß wir ihn haben. Aber einen „Achad-Haamismus“ gibt es nicht und soll es nicht geben. Der Dampf des kochenden Lebens müßte ihn sofort sprengen, weil er zu eng ist. Da ist sein zentraler Gedanke vom „Merkas-haruach" — vom Zentrum des jüdischen Geistes, das der Zionismus in Palästina zu schaffen berufen und verpflichtet ist. Diese Theorie, die Achad Haam bis ins Einzelne ausgebaut und erläutert hat, ist in der Tat ein nicht genug zu wertendes Gegengewicht gegen alles Banausentum und alle krämerische Trockenheit im Zionismus. Man müßte rein verzweifeln, wenn sich der Zionismus wirklich nur in kleinlichen Rentabilitätsberechnungen, in „Soll und Haben" auflösen würde. Er wäre eine von allen Geistern verlassene, zum Erstarren öde Geschäftigkeit, bei der es bald nur einige kleine Menschen mit großen Geldbeuteln aushalten könnten, wenn er nicht den hellen Ausblick auf die Weckung und Aufrichtung eines großen, schöpferischen Volksgeistes eröffnen würde. Diesen Ausblick eröffnet aber der Gedanke vom „Merkas-ha-ruach". Aber er allein genügt nicht als kraftvoller Motor für das Räderwerk einer großen Volksbewegung. Eine Volksbewegung kann nicht in den engen Raum eines auserlesenen Kulturvereins eingefangen und eingefaßt werden. Das ganze 255 88888888N8888888N8888888 Geldsendungen aus Oesterreich für das zionistische Zentralbureau sind in Zukunft auf unser neueingerichtetes Scheckkonto bei dem Postsparkassenamt Wien Nr. 145340 unter folgender Adresse zu leisten: Professor Dr. Otto Warburg für das Zionistische Zentralbureau Berlin-Wilmersdorf 888888888888888888888888 pulsierende Volksleben mit all seinen geistigen, ökonomischen, sozialen und politischen Interessen und Zwecken muß die treibende Kraft sein. Für diesen ganzen Komplex aber hatte Achad Haam nie ein Auge, nie das nötige Verständnis. Darum hat er auch den Sprung von der „Chibbath-Zion" zum politischen Zionismus nicht mitmachen können und er blieb außerhalb der Organisation. Er blieb in seiner ganzen Art, mit der ganzen Fülle seiner tiefen Gedanken, mit dem ganzen Reichtum seiner strahlenden Seele ein Einzelner. Allerdings auch ein Einziger. Als einem solchen Einzigen, als dem Schöpfer grundlegender zionistischer Ideen, als dem Erneuerer der hebräischen Literatur, als dem tiefen jüdischen Denker, senden wir ihm am Tage seines fünfundzwanzigjährigen Schriftstellerjubiläums von dieser Stätte aus, die der Arbeit der zionistischen Organisation geweiht ist, in seine Einsamkeit unseren liebevollen und ehrerbietigen Gruß! David Frischmann (Zu seinem 30 jährigen Schriftsteller jubiläu m.) Von Josef Lin Dichter, Kritiker, Feuilletonist, Novellist, Uebersetzer: das alles ist Frischmann; dazu aber und auf allen '.diesen Gebieten — ein echtes, großes Talent. Dies bildet die Einheit in seinem vielseitigen Schaffen. In bezug auf sprachliche Form ist Frischmann weder zu den sogenannten „Melizim" zu zählen, die der schwungvollen Phraseologie nach biblischen Mustern huldigen, noch zu den realistischen Neuerem, deren gesuchte Einfachheit und Nüchternheit häufig das spezifische Kolorit der Sprache beeinträchtigt. Frischmanns Hebräisch will uns durch keine gesuchten Effekte verblüffen. In epischer Ruhe fließt es gemächlich dahin, von einer verhaltenen Kraft getragen, Dinge und Erscheinungen von ungefähr berührend und dabei doch den Kernpunkt treffend. Die Normierung der Grenze zwischen Kunst und Künstelei, zwischen echtem. Schaffen und falschem Pathos ist Frischmanns rastloses Streben. Seit drei Jahrzehnten steht er in der vordersten Reihe der Kämpfer gegen alles Outrierte und Gemachte, gegen alles Geschmacklose und Häßliche. Mit beißender Satire tritt er den Marktschreiern und Scharlatanen entgegen, ln Frischmann schlägt das künstlerische Gewissen der gegenwärtigen hebräischen Literatur. Gewiß weiß er nicht weniger als irgend ein anderer das wirklich Wertvolle und Bedeutsame, das wir in der hebräischen Moderne besitzen, zur würdigen. Dürfen wir aber, so meint er, darüber besonders jubeln? Was bedeutet all dies für den Genius eines Volkes, das vor Jahrtausenden der Welt die Bibel gegeben hat? Und sind uns denn nicht selbst kleinere und jüngere Völker, die keinen Schimmer von dem strahlenden Glanz unserer Vergangenheit ihr eigen nennen, an nationalen Kulturschöpfungen weit voran? Was bedeuten manche unserer „Größen" gegenüber den wahrhaft Großen der Weltliteratur? — Diese unerbittlich strengen Fragen wird Frischmann nicht t>IE3§XELT