Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 9 (27.2.1914)
- Article
- Innerösterreichischer Distriktstag
- Date
- 1914-02-27
- Page
- 223 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316634-3352340--59452-3352437- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 9 DIE^ELT 223 Oesterreich I nnerösterreichischer D istriktstag a. — Am 15. Februar fand der diesjährige ordentliche innerösterreichische Distriktstag statt. Der bisherige Leiter des Distrikts, Herr Ludwig B a t ö , eröffnetc die Tagung mit einer längeren Ansprache, in welcher er die letzten Phasen des gegenwärtigen Kulturkampfes in Palästina besprach und zu eifrigster Propagandatätigkeit für das hebräische Schuhverk aufforderte. (Die Vereine zeichneten nebst den bereits abgeführten Beträgen im Laufe des Tages neuerliche Summen, die sie sich bis zum 1. März abzuliefern verpflichteten.) In das Präsidium wurden die Herren Dr. Isidor Margulies und Dr. Otto A b e 1 e s, ferner als Schriftführer die Herren O r n s t e i n und Schweig gewählt. Dem Rechenschaftsberichte des Herrn Ing. K ö p p 1 entnehmen wir den Zuwachs von drei neuen Vereinen im Distrikte, nämlich der „Freien zionistischen Vereinigung“ (zionistische Gruppe des Handlungsgehilfenverbandes), des akademischen Frauenverbandes und des zionistischen Jugendbundes. Der Referent spricht unter lebhaftem Beifalle Herrn Dr. Schmarja L e v i n und Herrn Kurt Blumenfeld für ihr segensreiches Wirken in Wien den Dank des Distriktes aus und gedenkt der hervorragenden Wirksamkeit der Wiener jüdischen Turnvereine, des Sportklubs „H akoah“ und des Wanderbundes „Bl au - Wei 6" für die körperliche Regeneration. Der Nationalfondskommissär Herr Dr. Weiner konstatiert ein erfreuliches Anwachsen der Eingänge, das er mit einer vergleichenden Statistik beleuchtet. An Jemenitenspenden wurden im Berichtsjahre 15 0 0 0 Kronen aufgebracht. An der Generaldebatte beteiligten sich die Delegierten Ge witsch, Frl. Waltuch, Glanz, Landau, Gers u n y, Dr. Weisengrün, Dr. Zweig, Schweig, Brüll, Advokat und das A. C.-Mitglied Ob.-Ing. ^S_tx4-e-k-ejr. Es wurden allseitig, auch von der Oppositionsgruppe, die letzten Arbeitserfolge der Distriktsleitung anerkannt. Unter den gefaßten Beschlüssen ist insbesondere die Einführung des Hebräischen als der offiziellen Amtssprache der Distriktsleitung (neben der deutschen Sprache) hervorzuheben. Dem abtretenden Distriktskomitee wurde einstimmig das Absolutorium erteilt und gedankt. In der Nachmittagssitzung hielt Herr Dr. Egon Zweig sein Referat über die Mischehe. Unter den Ursachen des Niederganges unseres Volkes in der Diaspora sei neben der Apostasie und dem auffallenden Geburtenrückgänge die zunehmende Zahl der Mischehen besonders schwerwiegend. Unsere Nation lebe im Kriegszustand, und mehr denn je müsse der Grundsatz gelten: Volksrecht bricht Individualrecht. Dr. Zweig gibt einen historischen Ueberblick über das Verbot der Mischehe bei den Juden und stellt den Antrag, jeder Zionist, der künftig eine Mischehe eingehe, sei aus der Distriktsorganisation auszuschließen. Dieser Antrag wird mit allen gegen 6 Stimmen abgelehnt und eine Resolution angenommen, in welcher auf die Nachteile der Mischehen hingewiesen, jedoch betont wird, daß sich die Organisation nicht berechtigt fühlt, dem einzelnen Zionisten bindende Vorschriften zu machen. An der sehr lebhaften und interessanten Debatte beteiligten sich die Herren Dr. Margulies, Ob.-Ing. Stricker, Dr. Weiner, Dr. Steckler und Dt. A b e 1 e s. ln der Abendsitzung referierte Herr Prof. Dr. Willy Stein eingehend über die Kulturfragen. Seine Anträge, die durchaus akzeptiert wurden, stehen in Uebereinstimmung mit den Beschlüssen der letzten Prager und I gl au er Tagungen, sowie der bekannten und gewürdigten Ausführungen der Gesinnungsgenossen Dr. Hugo Bergmann und Dt. Sigmund Werner. Nach einer anregenden Diskussion erfolgten die Wahlen in die neue Kulturkommission, die aus den Herren Adolf Böhm, Dr. R. S k u t e t z k v, Dr. Walter Werner, Dr. Ernst Müller, Dr. Jakob Ehrlich, Dr. Willy Stein und Frl. W a 11 u c h besteht. In das neue Distriktskomitee wurden berufen: die Herren B a t ö, Dr. Friedmann, Ing. K ö p p 1, Redakteur Löwy, Dr. Menasze, Nebenzahl, Popper, Dr. R e i k, Dr. Stein, Waltuch und Frl. Gisela Kohn. Durch entsprechende geeignete Beschlußfassungen wurde die Schaffung eines Distriktsfonds für Agitationszwecke vorbereitet. Der Distriktstag wurde in später Nachtstunde geschlossen. Vom jüdischen Handlungsgehilfenverband Der jüdische Handlungsgehilfenverband, dessen Zentrale sich in Wien befindet, nimmt unter zielbewußter Leitung eine erfreuliche Entwicklung. Neben den bereits bestehenden 21 Ortsgruppen sind in jüngster Zeit drei neue Vereine in Brünn, Graz und T eschen entstanden. Der Verband, der ein eigenes Organ „Der jüdische Handelsangestellte“ herausgibt, vertritt ein streng gewerkschaftliches Programm, ist aber nationaljüdisch im besten Sinne des Wortes, und leistet in seinen ständigen Kursen und Veranstaltungen bewußtjüdische Erziehungsarbeit. Besonders hervorzuheben ist, daß die Wiener Ortsgruppe im Judenbezirke, der Leopoldstadt, einen jüdischen Turnverein ins Leben rief. Unter den öffentlichen Abenden ist insbesondere die Vorlesung Felix S a 11 e n s hervorzuheben, die am 22. Februar im Festsaale des Hotel Continental stattfand und ausgezeichnet besucht war. Salten las fünf seiner trefflichen Skizzen und erntete reichen Beifall. — Anläßlich der bevorstehenden Gremialwahlen greift der Verband mit einer eigenen Kandidatenliste ein und nominiert sowohl für den Gehilfenausschuß, als auch für die Leitung der Krankenkasse der Gehilfenschaft des Gremiums der Wiener Kaufleute seine eigenen Männer. Die jüdischen Handlungsgehilfen fordern die Einführung der Proportionalwahlen in die fachliche Vertretung, Veröffentlichung des Wählerkatasters und Dezentralisation der Wahlen. Von dem zum großen Teile aus assimilatorischen Juden bestehenden sozialdemokratischen „Zentralvereine“ wird der jüdische Handlungsgehilfenverband mit häßlichen Mitteln bekämpft. Bezeichnend ist, daß der gegenwärtige Gehilfenobmann Pick den Vertretern der jüdischen Gehilfen die Einsichtnahme in die Wählerliste verweigerte. Der Verband hat seine Wahlaktion mit zwei großen Versammlungen eröffnet und wird sich durch keinerlei Verdächtigungen und Repressalien beirren lassen. Die Forderungen, die er im Wahlkampfe vertritt, dienen der Allgemeinheit und müssen sich allmählich durchringen. Erst wenn das absolute Regime des „Zentralvereins“ gebrochen ist und die Minoritäten im Gehilfenausschusse vertreten sind, werden die Handlungsgehilfen ihre gerechten Forderungen der Regierung gegenüber durchsetzen können. Bielitz. Herr Dr. Schmarja L e v i n hielt hier am 7. Februar vor mehr als 600 Personen einen Vortrag über „D i e Tragödie des Judentum s“. Seine fesselnden Darlegungen übten einen nachhaltigen Eindruck auf alle Zuhörer. Eine Sammlung für das hebräische Schulwerk ergab bisher 170 Kr. Iglau (Mähren). Es ist uns gelungen, eine Ortsgruppe des Wanderbundes „Blau W e i ß“ zu begründen. Bisher haben sich 35 Mitglieder angemeldet; mit den Wanderungen wird demnächst begonnen werden. Galizien (Von unserem galizischen Berichterstatter.) Eine Versammlung jüdischer Frauen in Lemberg Der zionistische Frauenverein „Kolo kobiet zydowskich“ in Lemberg hatte für den 16. Februar eine öffentliche Frauenversammlung in dem Sitzungssaal des Kultusrats einberufen, die sich sehr starker Beteiligung erfreute. Das Referat über die zunächst zu unternehmenden Arbeiten erstattete die bekannte unermüdliche Vorkämpferin der Betätigung der jüdischen Frau in der zionistischen Bewegung, Frau Rosa Pommeranz-Melzer. Nach einem Hinweis auf das bisher bereits geleistete, insbesondere auf die Gründung eines Internats für jüdische Mädchen, besprach sie die Notwendigkeit eines jüdischen Erziehungs- Institutes für Knaben, einer jüdischen Wirtschaftsschule für arme Mädchen, eines jüdischen Eltern Vereins und einer jüdisch en Mädchenmittelschule. Besonders soll die Palästinaarbeit berücksichtigt werden, was der Verein durch Anmeldung aller seiner Mitglieder zum Frauenverband für kulturelle Arbeit in Palästina in die Wege leiten wird. Die Vorschläge der Referentin wurden zu Beschlüssen erhoben und so als Arbeits-