Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 9 (27.2.1914)
- Article
- Ungarische Handelsinteressen in Palästina
- Date
- 1914-02-27
- Page
- 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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218 »Nr. 0 : DIE3SEELT hinweisen, die Handels- und Industriekreise ihrer Heimatländer auf die großen Entwicklungsmöglichkeiten des Landes aufmerksam machen und für einen regeren kaufmännischen Verkehr ihrer Volksgenossen mit Palästina ein treten. Die „Nachrichten für den Außenhandel des Kgl. Ungarischen Handelsmuseums“ schließen sich nun der Reihe dieser Veröffentlichungen an. In einer der letzten Nummern werden die Möglichkeiten des Außenhandels nach Palästina und Syrien mit Bezugnahme auf das jüdische Siedlungswerk besprochen. Nach der Skizzierung der Tätigkeit der zionistischen Institutionen, des Palästinaamtes, der „Anglo Palestine Company“, der „Anglo Levantine Banking Company“, des „Jewish Colonial Trust“ und des' „Jüdischen Nationalfonds“, wird darauf hingewiesen, daß für landwirtschaftliche Maschinen und Geräte überhaupt, speziell aber für Geräte und Maschinen, welche bei Orangen- und Mandelpflanzungen benötigt werden, sowie für Gasmotore der landwirtschaftlichen und industriellen Anlagen, Ausfuhrmöglichkeiten aus Ungarn bestehen. Es wird die Errichtung eines. Musterlagers in Jaffa empfohlen, welches viele kaufmännische Beziehungen anregen könnte. Es wird ferner vorgeschlagen, die Kapitalisten Ungarns und Oesterreichs möchten ihr Augenmerk auf Palästina und Syrien richten, da dort vielfache Möglichkeiten zu günstigen Kapitalsanlagen vor- Desgleichen plaidiert unser Gesinnungsgenosse Herr Fabriksdirektor Ernst V e r m e s in einem längeren Artikel des „Temesväri H i r 1 a p“ für die Anknüpfung von Handelsbeziehungen zu Palästina. England * Die Debatte im Kuratorium des Jews’ College kann bis jetzt nur als ein Vorgefecht betrachtet werden. Von entscheidender Bedeutung ist aber die nun anerkannte Tatsache, daß es so nicht länger gehen kann. Ein Vorschlag, der viele Anhänger gefunden hat, verdient besondere Erwähnung, nämlich, daß allen Uebeln abgeholfen werden kann, indem man das Seminar von London nach Oxford oder Cambridge verlegt. Es ist wahr, daß die Herren, die diesen Vorschlag gemacht haben, das Ansehen sowie die Ansprüche der Anstalt zu heben gedenken, wenn sie es nach einer dieser berühmten Universitätsstädte verlegen wollten. Es ist aber dabei auch nicht zu verkennen, daß sie das Hauptgewicht darauf legen wollen, daß die künftigen Rabbiner besonders zu englischen „Gent- Iemen“ herangebildet werden sollten. Dieser Standpunkt ist für diese Herren charakteristisch, aber es ist kaum anzunehmen, daß sich die englisch-jüdische Gemeinschaft dazu hergeben wird, ihre einzige höhere Anstalt für die Erziehung ihrer zukünftigen religiösen Führer nach einem Zentrum des anglikanischen Klerikalismus zu verlegen. Das Londoner Rabbiner-Seminar (Von unserem Berichterstatter) Ein interessantes Streiflicht auf englisch-jüdische Verhältnisse ist durch eine lange Debatte, die im Kuratorium des Jews’ College diese Woche stattfand, geworfen worden. Mehr als irgendeine Anstalt spiegelt Jews’ College, das Londoner Rabbiner-Seminar, die geistlichen und geistigen Interessen der englischen Juden. Vor mehr als 50 Jahren wurde diese Anstalt vom Chief Rabbi Dr. N. M. Adle r, Sir Moses Montefiore u. a. zur Erziehung von „Ministers“ gegründet. In den damals wenig zahlreichen und kleinen Gemeinden in England (wobei unter den damaligen Verhältnissen nur London eine gewisse Rolle spielte) war es äußerst schlecht um die geistlichen Führer bestellt. Es gab fast gar keine geschulten Kräfte, und die meisten „Rabbiner“, die sich den Namen sowie die Tracht von den „Ministers“ der Dissidenten beilegten, waren unfähig, wo nicht unwürdig, ihr Amt zu verwalten. Die Jugenderziehung lag sehr im Argen, und in den Zweiggemeinden der Provinz, wo sich der jüdische „Minister“ mit dem Hausieren als Hauptgeschäft beschäftigen mußte, waren die Zustände unerträglich. Durch die würdige Erziehung von Kultusbeamten im Jews’ College sollte diesen Uebeln gründlich abgeholfen werden. Seit dem letzten halben Jahrhundert sind die geistigen Ansprüche der englischen Juden mit ihrer Zahl und ihrem Einflüsse bedeutend gewachsen. Die Unzufriedenheit mit der mangelhaften profanen wie religiösen Bildung der „Ministers“, die im Jews’ College ihre Erziehung genossen haben, hat besonders während der letzten 10—15 Jahre mehr und mehr zugenommen. Obwohl zu Lebzeiten Dr. Hermann Adlers, der als Chief Rabbi auch Präsident des Jews’ College war, keine grundlegenden Aenderungen in dieser Anstalt vorgenommen wurden, erfuhr das System der „Ministers“, das unter ihm sowie unter dem Regime seines Vaters großgezogen wurde, gewisse Modifikationen. Die Ansprüche, die das Jews’ College unter der Leitung von Dr. B ü c h 1 e r jetzt an seine Zöglinge stellt, sind bedeutend höher als früher; statt sich mit einer oberflächlichen jüdischen Bildung zu begnügen, ist es der Ehrgeiz seiner Schüler, sich die Kenntnisse sowie den Titel eines Rabbiners anzueignen. Mit der Wahl eines neuen Chief Rabbi, der weder die Macht noch die Traditionen der Adlerschen Dynastie besitzt, ist diese Erscheinung mehr denn je in den Vordergrund getreten und bedeutet eine der bemerkenswertesten, hoffnungsvollsten Erscheinungen im religiösen und kulturellen Leben der englisch sprechenden Juden. Rumänien Zur Lage der rumänischen Juden Aus Budapest schreibt uns unser Berichterstatter: Die bekannte Zeitung „A z E s t“ sandte einen Spezialberichterstatter nach Rumänien, der jetzt auch bezüglich der Judenfrage in Rumänien interessante Berichte veröffentlicht. Auf Grund eines ihm übergebenen Memorandums skizziert er alle Ausnahmegesetze und Verordnungen, die der jüdischen Oeffentlichkeit leider zur Genüge bekannt sind. Zwischen der österreichisch-ungarischen Monarchie und Rumänien wurde noch zur Zeit, als Graf Julius Andrässy Minister des Aeußeren war, eine Konvention’' abgeschlossen, wonach Rumänien in der Frage der ungarländischen Rumänen die vollste Neutralität bewahrt. Dafür läßt aber die Monarchie bezüglich der Judenfrage Rumänien vollkommen freie Hand. Seitens Rumäniens wurde auch diese Vereinbarung nicht eingehalten. Der Minister des Aeußeren Graf Berchtold erklärte aber trotzdem in der letzten Delegationssession ganz offen, daß er für die Juden Rumäniens nicht eintreten werde. Aus dem Memorandum seien hier folgende Stellen wiedergegeben : „Wenn wir, durch unsere bedrängte Lage erbittert, manchmal zu einer Besprechung zusammentreten, greift uns entweder die Polizei an, oder die Bande der schwarzen Hooligans, und wir müssen mit einem blutenden Kopfe den Schauplatz der Versammlung verlassen, um sogleich vor dem Polizeipräfekten zu erscheinen, der uns, die schuldlos Angegriffenen, noch zu einer Geld- oder Arreststrafe verurteilt. Und es gibt keinen Ausweg aus unserem Elend. Vor einigen Jahren begannen wir auszuwandern. In Lumpen; gehüllt. verließen wir zu Fuß unsere Wohnstätten, um ins Ausland zu gelangen. Kaum begann sich jedoch die europäische Presse mit unserem Exodus und dessen Gründen zu befassen, verbot plötzlich die rumänische Regierung die Auswanderung, was sie um so leichter tun konnte, da wir, als Fremde in unserer Heimat, keinen Schritt ohne Paß machen können. Hier haßt man uns und will uns nicht leben lassen, trotzdem verhindert man aber unsere Auswanderung . . . Für uns gibt es nur eine Art der Flucht: heimlich, auf Schleichwegen und unter tausend Aengsten das Land zu verlassen. Selbstverständlich ist dies aber sehr schwierig, denn wer möchte ohne Familie fliehen und wer ginge allein, seine Familie dem Elend und der Vergeltung der Behörden preisgebend . . .“ Der Berichterstatter hatte auch eine Unterredung mit dem Bukarester Rabbiner Dr. Beck, der sich bezeichnenderweise folgendermaßen äußerte: „Den rumänischen Juden kann es nur zum Schaden gereichen, wenn das Ausland sich mit ihrer Lage beschäftigt.“ Dr. Beck bat auch den Journalisten, über das Memorandum nichts zu veröffentlichen, dieser hatte jedoch die Denkschrift bereits der Oeffentlichkeit übergeben. In einem weiteren Artikel wird über ein anderes Beispiel rumänischer Willkür berichtet. „Die intellektuellen Berufe sind den Juden in Rumänien verschlossen, nur e i n Beruf steht ihnen offen, der viel Talent, viel Arbeit und Intelligenz erfordert: 53000102020248010100004801 0201020201000201230002011007