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Die Welt · 1914-02-20 · 8 (20.2.1914) · p. 196

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
8 (20.2.1914)
Article
Schmarja Levin in Budapest
Date
1914-02-20
Page
196 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 8 197 diex^elt das Märchen, das lange Zeit als ein merkwürdiges Geschehnis für kleine Kinder galt, das aber dann als das Gefäß einer tiefen, tragischen Empfindung erkannt wurde und heute von vielen mit Recht als ein Meisterwerk dichterischen Könnens und genialer Intuition gewertet wird; es ist die Erzählung „Peter Schlemihl“. Nachdem der Vortragende in einigen knappen, prägnanten Worten die Qualität des Künstlers: die Intuition, als größte und wundervollste Gabe des Dichters hervorgehoben, wies er auf die merkwürdige Arbeit hin, die das Erkennen durch innere Anschauung den Dichter Chamisso die Geschichte seines Peter Schlemihl formen ließ. Als Resultat hingebenden Studiums dieses Werkes gab der Redner eine wunderschöne Analyse der tiefen Bedeutung dieser Geschichte des armen Mannes, der einmal — war es ein Zufall? — mit dem unheimlichen hageren Manne im grauen Rock zusammenkam, der ihm für einen unerschöpflichen Goldbeutel seinen Schatten abkauft, dieses scheinbar überflüssige Etwas, das kein spezifisches Gewicht hat, keinen merkbaren Nutzen und keinen besonderen Wert. Der arme Mann geht auf den Handel ein, und er, der einen zur Hälfte arischen (Peter), zur Hälfte semitisch gefärbten Namen (Schlemihl) hat, muß nun erfahren, was es heißt, in dieser Welt, wenn auch unerschöpflich reich, aber ohne Schatten herumzugehen, wie bitter es ist, von Frauen auf der Straße bemitleidet, von Straßenjungen mit Steinen beworfen, vom biederen bürgerlichen Vater eines zärtlich geliebten Mädchens entrüstet zurückgewiesen zu werden, und ruhelos, gequält, ohne Heimat, ohne Herd und Hof muß er mit seinem unerschöpflichen Geldbeutel wandern, ruhelos wandern, wie der ewige Jude ... Wie der Jude? Hat dieses Märchen etwas mit dem Juden zu tun? Eine geistvolle Deutung gibt der Vortragende als Antwort auf diese Frage, schon als er den Namen „Schlemihl“ deutet. Hätte Peter, der Abendländer, seinen Schatten verkauft, dann hätte er sich eines nicht besonders kostbaren Besitzes entäußert, denn da, wo die Sonne karger scheint, wird der Schatten nicht besonders geschätzt und Nachteile werden auch Schattenseiten genannt. Diese semitische Färbung des Namens weist nach dem Orient, der fast immer in glühender Sonne liegt, und darum ist da der Schatten ein kostbarer Besitz, ein Segen! Peter Schlemihl wußte nicht, was er verkauft hatte, als er verblüfft sah, wie der hagere Mann im grauen Rock seinen Schatten abschneidet und aufrollt wie ein Stück Zeug, und den Schatten in seiner merkwürdig tiefen Tasche verschwinden läßt. Der Vortragende führt es geistvoll und treffend aus, indem er verschiedene Momente der üppigen Erzählung zerlegt, daß der unheimliche graue Mann der Seelenkäufer war, und was er dem armen Manne abgekauft hat, das war die Vergangenheit Peter Schlemihls, die Vergangenheit, die ihn seiner Gegenwart beraubte und ihm seine Zukunft nahm und ihn zwang, unstet in dieser Welt herumzuirren, wie der ewige Jude, bis er vom Dichter Chamisso an der syrischen Küste Abschied nimmt und verschwindet. Dr. Levin verwahrt sich entschieden und mit Recht dagegen, daß das Judentum mit Peter Schlemihl identifiziert werde. Denn das Judentum hat nie seine Vergangenheit verkauft, es hängt selbst in Rußland, wo der hagere Mann im grauen Rocke die schrecklichsten Mittel zur Verfügung hat, um das Geschäft des Schattenkaufes zu erzwingen, mit hartnäckiger Liebe an seiner Vergangenheit. Die sieben Millionen geplagter, geknechteter Juden geben eine unerschöpfliche Reihe heldenhafter Beispiele, wie sehr sie an ihrem Schatten hängen, und alle strafen das Wort Lüge, daß der Jude für die Vergangenheit nichts übrig habe. Um der ungläubigen Welt zu beweisen, daß das Judentum mit seiner Vergangenheit in einem organisch unlösbaren Zusammenhänge lebt, ersteht mit unsäglichen Kämpfen, Sorgen und Mühen in Palästina, in der uralten Heimat dieses Volkes, eine neue Heimat, die jüdische Sprache erweist sich heute noch immer als eine reiche, prachtvolle, lebendige Sprache einer gewaltigen Kultur, und der fälschlich Peter Schlemihl gedeutete Jude wird seinen scheinbar verlorenen Schatten, nicht für sich, sondern für die große Welt sichtbar, an der syrischen Küste aufs neue schaffen! Dr. Schmarja Levin, ein mit allen sympathischen Zügen eines hervorragenden Redners begnadeter Lehrer, der mühelos eine Zeitspanne von anderthalb Stunden überwindet, hat seinen an Gedanken, Wendungen und Empfindungen reichen Vortrag — dem dieser kleine Bericht in keiner Hinsicht gerecht werden kann — mit der überlegenen Bescheidenheit eines Könners gehalten, der, da er die Schätze seiner Gefühle und Gedanken vor all den unbekannten, ihm gleichmäßig lieben Zuhörern ausbreitet, einer heiligen Pflicht entspricht und einer heiligen Sache dient.“ Galizien Zaleszczyki. Am 3. Februar fand eine ordentliche Generalversammlung des Vereins „Zion“ zur Wahl eines Ausschusses statt. Zum Vorsitzenden wurde Herr Seide Rosenblatt sen. gewählt. Zloczow. Nach den Gemeinderatswahlen, bei denen die Zionisten, wie wir gemeldet haben, einen entschiedenen Erfolg errangen, hat die zionistische Arbeit von neuem intensiv eingesetzt. Herr Dr. M. G e y e r aus Lemberg hielt sich einige Tage hier auf und sprach in vier ausgezeichnet besuchten Versammlungen, darunter einmal in der großen Synagoge über den Sprachenkampf in Palästina. Rußland Nahum Sokolow über die Zukunft der hebräischen Sprache Am 14. d. M. hielt Herr Nahum Sokolow im Saale der Gesellschaft „Chowewe S e p h a t h Ewer“' in Warschau einen Vortrag über „Die Zukunft der hebräischen Sprache“. Der Redner beleuchtete in überaus fesselnder Weise die Sonderart des Hebräischen im Vergleich zu dem jüdischen Idiom und zu den europäischen Sprachen. Viele Jahrhunderte hindurch ist Hebräisch im wesentlichen eine Literatursprache geblieben, die allerdings auch den breiteren Volksschichten vertraut war, aber im Alltagsleben, im häuslichen Kreise nicht gepflegt und namentlich von Frauen und Kindern nicht verstanden wurde. Daher rührt ein gewisser Mangel an Intimität, an frischer Unmittelbarkeit und schlichter Volkstümlichkeit — Vorzüge, die das Jüdische so sehr auszeichnen. Allein diesen Mangel teilt das Hebräische mit allen entwickelten Kultursprachen; auch die deutsche Dichtung z. B. muh zu den Dialekten ihre Zuflucht nehmen, wenn sie wahrhaft volkstümlich sein will. Immerhin besteht nach dieser Richtung hin ein gewisses Manko, das die moderne hebräische Sprachbewegung auszugleichen haben wird. Der Kampf, den die hebräische Sprache gegenwärtig in Palästina um ihre Vorherrschaft in Schule und Haus auszufechten hat, zeigt auch deutlich, daß es verhängnisvoll werden kann, wenn die hebräische Literatur nicht mit aller Macht danach strebt, im weitesten Sinne universell zu sein, und ihre Aufgaben etwa nach dem Wunsche mancher ihrer Freunde auf die Pflege jüdischer Stoffkreise konzentrieren wollte. Die moderne Literatur müsse auch wieder entgegen gewissen extrem „junghebräischen“ Tendenzen zu den alten Quellen zurückkehren und Anschluß an das klassische Schrifttum suchen. Ein Kampf gegen das jüdische Idiom sei sinnlos. Andererseits können wir unsere Tätigkeit zur Verbreitung der gesprochenen hebräischen Sprache selbstverständlich nicht nach dem Wunsche der „Jüdischisten“ auf Palästina beschränken. Ein Unterschied zwischen Palästina und den Ländern des Galuth könne nur insofern gemacht werden, daß wir für Palästina die absolute Geltung des Hebräischen als allgemeine Umgangssprache fordern müssen, während wir in der Diaspora einstweilen nicht hoffen können, dieses nationale Postulat restlos zu verwirklichen. Der Redner schilderte hierauf auf Grund eigener Anschauung die machtvolle Ausbreitung der hebräischen Sprachbewegung in den verschiedensten Ländern und schloß mit einem begeisterten Appell, unverzagt an dem Werke der Neubelebungunserer nationalen Sprache und ihrer Kulturgüter weiterzuarbeiten. Der gedankenvolle und anregende Vortrag fand rauschenden Beifall bei der zahlreichen Zuhörerschaft. Italien Propaganda-Tournee Dr. Krinkins Die Leitung der „Federation der italienischen Zionisten“ hat beschlossen, in alle jüdischen Zentren Italiens einen guten Propagandisten zu senden, der die Idee der jüdischen Renaissance verbreiten soll. Für diese Aufgabe gewann die Federation den Advokaten Dr. David Krinkin, der sich besonders auf dem Turiner Jugendkongreß mit seiner feurigen und gehaltvollen Rede über Neu-Palästina hervorgetan hat. Herr Dr. Krinkin, der die italienische Sprache vollkommen beherrscht, ist ein bewährter Redner und begeisterter Zionist und hat sich auch längere Zeit in Palästina aufgehalten. Als er von seiner Palästinareise zurückkam, wurde er von dem „Komitee der II. Tagung der jüdischen Jugend“ eingeladen, ein Referat über das Neue Palästina zu halten. Seine Rede hatte auf der Tagung einen großen Eindruck

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