Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 8 (20.2.1914)
- Article
- Eine neue Ritualmordhetze
- Date
- 1914-02-20
- Page
- 196 (sequence 2)
- Language
- German
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196 Nr . 8 DIE2q£ELT es sich um einen Ritualmord handle. Obwohl nun auch die Polizeibeamten in Pastow und der dortige Kreisarzt die Leiche als die des jüdischen Knaben Paschkow bestimmt erkannt hatten, ordnete die Kiewer Staatsanwaltschaft die Exhumierung der Leiche an und verhaftete den Vater des Ermordeten und dessen jüdischen Kommis unter dem Verdachte des Ritualmordes. Der Chef der Kiewer Detektivpolizei D u b j a g o, der die Untersuchung leitet, beschuldigt den alten Paschkow, er habe einen christlichen Knaben zum Zwecke des „Ritualmordes" an Kindesstatt angenommen und das Verbrechen jetzt vollführt. Eine Frau Sokolowskaja aus Schitomir will nach einer Photographie in dem Ermordeten ihren seit dem Herbst vorigen Jahres verschwundenen Neffen erkennen. Der Leichnam wurde zur genauen Obduktion nach Kiew gebracht. Die Fastower Polizeibehörden, die beschuldigt werden, von den Juden bestochen zu sein, sind aus der Voruntersuchung ausgeschaltet worden. Die Untersuchung wird zum Teil von denselben Kiewer Beamten geführt wie beim Beilisprozeß. Unter der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung von Kiew herrscht ungeheure Erregung. Die neue judenfeindliche Zeitung „Kiew“, die von behördlichen Kreisen protegiert wird, hetzt in blutrünstigen Artikeln gegen die Juden. /imcriKa Zur Einwanderungsfrage Der amerikanische Gelehrte Professor S. L. G u 1 i c k hat dem Präsidenten Wilson und dem Staatssekretär Bryan einen neuen Vorschlag zur Beschränkung der Einwanderung unterbreitet, der den Vorteil besitzt, daß er einerseits die Interessen der Vereinigten Staaten wahrt, andererseits Differenzen mit fremden Mächten verhütet, indem er auf Rassenunterschiede keinen Bezug nimmt. Prof. Gulick schlägt nämlich vor, die Einwanderung numerisch derart zu beschränken, daß alljährlich nur 5 °o der Zahl der bereits naturalisierten Einwanderer und ihrer in Amerika geborenen Kinder zur Einwanderung neu zugelassen werden sollen. Er erklärt, daß auf diese Weise alle Einwanderer aus Nordeuropa zugelassen werden könnten, während die Einwanderung aus Süd- und Osteuropa geringer würde, diejenige von Asien her ganz unbedeutend. Durch diese 5 °/o - Rate würde Amerika nicht mehr Fremde aufzunehmen brauchen, als es assimilieren kann, und die japanische Frage würde mit Leichtigkeit gelöst werden. Palästina Beilis in Palästina Mendel Beilis, der am 6. Februar auf einem Dampfer des Oesterreichischen Lloyd Triest verlassen hat, traf schon am 12. Februar in Jaffa ein und wurde am Hafen von einer großen Menschenmenge erwartet, die ihm einen herzlichen Empfang bereitete. Entgegen anders lautenden Meldungen bestätigt es sich, daß Baron Edmund Rothschild die Familie Beilis in einer der von ihm gegründeten jüdischen Kolonien ansiedeln wird. Als Protest gegen das neue Einwanderungsgesetz hat eine vom Jüdischen Institut in New York zusammenberufene Versammlung die folgende Resolution angenommen: Dem Kongreß liegt augenblicklich das sogenannte Bumett- Einwanderungsgesetz vor. Dieses Gesetz enthält eine Klausel, durch welche die Fähigkeit des Lesens und Schreibens zu einer Bedingung für die Zulassung der Einwanderer gemacht wird. Da uns dieses Gesetz engherzig, intolerant und dem amerikanischen freiheitlichen Geiste widersprechend zu sein scheint, protestiert die hier anwesende Versammlung von Juden und amerikanischen Bürgern gegen die Beschränkungspolitik und die falsche Einschätzung menschlichen Wertes, auf denen dieses Gesetz aufgebaut ist. AUS DER BEWEGUNG -nmiiiinimiminiiilmniiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiniiiiumniniiiiiuiiiiiiiiinliiiiiiiiiiiiiiiiiituiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiimiiinnimi Vom Jüdischen Verlag Wir verweisen unsere Leser auf den der heutigen Nummer beiliegenden Prospekt des „Jüdischen Verlages“, der den ersten Band des Werkes „A m Scheidewege“ von A c h a d H a a m anzeigt. Der zweite Band dieses grundlegenden Werkes ist in Vorbereitung. Deutschland Sachsen. Der Sekretär des Actions-Comites, Herr Leo Herrmann, hielt in der letzten Zeit, anschließend an den sächsischen Gruppen verbandstag, bei dem er die Z i onistische Vereinigung für Deutschland vertrat, Vorträge in Mitt weida, Chemnitz, Zwickau und Dresden. Den Vorträgen folgte überall eine lebhafte Aussprache über den Sprachenkampf in Palästina. Ungarn Schmarja Levin in Budapest Aus Budapest wird uns berichtet: Wir hatten nach einer Zwischenzeit von fast 1\U Jahren wieder Gelegenheit, Herrn Dr. Levin in unserer Mitte begrüßen und seinen Worten lauschen zu können. Auf die bloße Nachricht hin, daß der illustre Redner nach Budapest kommt, gab sich in zionistischen wie nichtzionistischen Kreisen ein überaus reges Interesse kund. Herr Dr. Levin wurde bei seiner Ankunft vom Landeskomitee und von den Mitgliedern der jüdischen Hochschülervereinigungen empfangen. Auf sein Ersuchen wurde zuerst eine Zusammenkunft der führenden Zionisten einberufen und hierbei vertrauliche Besprechungen gepflogen. Am Abend 'des 15. d. M. fand im großen Sitzungssaale des alten Parlamentsgebäudes, der mit sämtlichen Galerien von einem überaus zahlreichen Publikum überfüllt war, eine große Versammlung statt. Sie wurde vom Präsidenten der Landesorganisation, Herrn Ingenieur Benjamin Be reg i, eröffnet, der nach den einleitenden Worten sogleich den Sprachenkampf in Palästina erörterte. Er unterbreitete folgenden Beschlußantrag : „Die am 15. Februar zu Budapest in den Räumen des alten Parlamentsgebäudes tagende jüdische Großversammlung weist den Angriff des Hilfsvereins der Deutschen Juden gegen die palästinensische Judenschaft, durch den der Hilfsverein die schwer wiedererrungene hebräische Kultur ersticken will, mit Entrüstung zurück. Sie betrachtet diesen Angriff als ein Attentat gegen das Wesen des Judentums und beschließt, die im Interesse der hebräischen Sprache und Kultur eingeleitete Bewegung mit voller Kraft zu unterstützen." Der Beschlußantrag wurde einstimmig mit großer Begeisterung angenommen. Es folgte nun der Vortrag Dr. Levins, der bei seinem Erscheinen mit rauschenden Ovationen empfangen wurde, über „Die Tragödie des Judentums", die ergreifende Tragödie der Heimatlosigkeit. Die Zuhörerschaft lauschte den Worten des Redners mit einer Spannung, die nur ein Meister der Beredsamkeit wie unser . Levin hervorzurufen vermag. Der Vortragende hatte große Mühe, den immer wieder sich erneuernden Beifallssturm zu besänftigen, der dann am Ende seiner Ausführungen mit elementarer Gewalt losbrach. Als vorläufiges Ergebnis der Aktion für das hebräische Schulwerk verzeichnen wir einen Bareingang von 1600 Kr. und Zeichnungen in ansehnlicher Höhe. Der „Pester Lloyd“ gibt den Inhalt des L e v i n sehen Vortrages wie folgt wieder: „Als Unterlage seines Vortrages hatte der Redner das klassische, unvergänglich schöne Märchen des deutschen Dichters französischer Abstammung Adalbert v. Chamisso gewählt, ^8938084827 ^729141901903449 A06/53/.46B 23234853534853234848534848535353