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Die Welt · 1914-02-20 · 8 (20.2.1914) · p. 195

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
8 (20.2.1914)
Article
Henri Bergson in der "Académie Francaise"
Date
1914-02-20
Page
195 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 8 195 D!E3ggELT treiben, in der Person eines Dichters, dessen Ruhm eigentlich lieh noch nicht weit über die Salons des Faubourg St. Oermain hinausgedrungen ist. Um dieser Kandidatur Leben einzuflößen, bediente man sich nicht nur der in solchen Fällen üblichen Intrigen, sondern man trug allem Brauche entgegen den Kampf in die Presse, um auf die „gut denkenden“ Akademiker, die ja die übergroße Mehrzahl bilden, einen Druck auszuüben, damit sie „die Ruhmesstätte Frankreichs nicht der Judenschaft ausliefern“. Es war jedoch vergeblich, die Akademiker wollten sich nicht in Gegensatz zu der „vox populi“ setzen, besonders wenn dieselbe aus den mondänsten Kreisen heraus ertönt, und im ersten Wahlgang wurde Herr Bergs o n mit 19 Stimmen gegen 9, die seinem Gegner zufielen, gewählt. Der Präsident der Republik, Herr Poincare, der bekanntlich der Academie angehört, nahm gleichfalls an der Abstimmung teil. Der Ruhm Bergsons in Frankreich selbst ist verhältnismäßig jungen Datums. Vor einigen Jahren noch waren seine Vorlesungen nur sehr schwach besucht. Inzwischen nahmen aber seine Werke, deren hauptsächliche der „Essai sur les donnees immediates de la conscience“, „Matiere et Memoire“ und namentlich „L’Evolution creatrice“ sind, ihren Weg durch die ganze Welt und machten ihren Verfasser berühmt. Eine Reihe von Vorlesungen an der Columbia-Universität in New York hatten einen gewaltigen Erfolg, und seit seiner Rückkehr von Amerika genießt Herr Bergson alle Früchte einer wachsenden Popularität. Seine Vorlesungen sind ein mondänes Ereignis, stundenlang vor deren Beginn besetzen seine Verehrer, unter denen das weibliche Geschlecht die Mehrzahl bildet, den Hörsaal, und in dem alten engen Gebäude des College spielen sich manch tragikomische Szenen ab. Die erste Vorlesung nach der Wahl wurde von einer großen Anzahl von Hörern, die im Saale keinen Platz finden konnten, vom Hofe aus verfolgt! Die Ursache dieses ungeheuren Erfolges liegt vor allem in der hervorragenden Vortragskunst, dem Feuer und der Feinheit seiner Sprache, der unerreichbaren Meisterschaft seiner Diktion, welche die Zuhörerschaft förmlich unter einem Banne hält. Vor einem Publikum, das kaum für so hohe Fragen vorgebildet ist, behandelt Bergson mit Eleganz und Tiefe die unergründlichsten Probleme des menschlichen Geistes. Allerdings, die Philosophie, die er lehrt, ist ganz danach angetan, den Zeitgeist und die Mode zu beherrschen. In Frankreich ist heute die von aufmerksamen Beobachtern längst vorausgesagte Reaktionsbewegung zur Herrschaft gelangt. Wenn auch auf politischem Gebiete der alte Geist noch die Oberhand hat, so ist die reaktionäre Strömung fast die Alleinherrscherin in der guten Gesellschaft und, was ernster ist, unter der Jugend. Und dieser Richtung, die gegen den Fortschritt, gegen die Wissenschaft kämpft, dient Herr Bergson als Wortführer, als wissenschaftlicher Theoretiker. Seine Lehre ist kein System, und er will auch keine Schule begründen. Sein Wirken ist darum nicht weniger folgenreich. An der Grenze zweier Epochen stehend, sucht er mit seinem feurigen Wort und mit der Schärfe seines Geistes die Wissenschaft in die Schranken zurückzudrängen, die sie in den letzten hundert Jahren durchbrochen hat; er stellt die Intelligenz hinter die „Intuition“, begründet somit eine Art romantischer Philosophie, unter deren Fittichen alle Kräfte des Rückschritts sich vereinigen und triumphieren. Ist es nicht eine grausame Ironie des Schicksals, daß wir Juden, das als rationalistisch und revolutionär verschriene Volk, den antirationalen und antiwissenschaftlichen Strömungen den beredtesten Wortführer liefern? [iiuiiiiiitifiiinniiHiiiiuuiiiniiiiiüiiuiii Italien [iiiliiiltiiiiliiliiiiiiiiiiiiiiiiiilllliiiiiiiiiiii Die Juden in Rhodus Italienischer Antisemitismus in Tripolis? — Beteiligung der Jüdisch-Nationalen an den Florentiner Gemeinde wählen Ueber die Juden in Rhodus gibt uns ein jüdischer Offizier, der an der Okkupation teilnahm, eine interessante Schilderung in der letzten „S e 11 i m a n a I s r a e 1 i t i c a“. Die Juden von Rhodus sind alle Sephardim; ihre Umgangssprache ist das Ladino, das von den meisten türkischen Juden gesprochen wird. Da die Juden im Gegensatz zu den Griechen keine „Politik“ treiben, so werden sie von den italienischen Behörden sogar begünstigt. Die Juden, die tätig, intelligent, und ordnungsliebende Leute sind, haben sich die Sympathie des Generals Ameglio vollständig erworben. Er hat ihnen u. a. ein Terrain zum Bau einer neuen Synagogeunentgeltlich zur Verfügung gestellt. In Tripolis liegen die Verhältnisse weniger günstig. In den ersten Zeiten der Okkupation haben sowohl die zivilen als militärischen Behörden der jüdischen Bevölkerung ein besonderes Entgegenkommen gezeigt. Man hat ihnen versprochen, das rabbinische Tribunal aufrechtzuerhalten und zur Unterhaltung des tripolitanischen Rabbinats aus Staatsmitteln beizusteuern. Alle diese Versprechungen sind aber Versprechungen geblieben, und niemand nimmt sich die Mühe, die italienische Zentralregierung an ihre Erfüllung zu erinnern. Und doch hatte Dr. M a r g u 1 i e s, nach der Rückkehr von seiner Reise, in verschiedenen Interviews erklärt, daß er von der Regierung kategorische Versicherungen bekommen habe. Wie steht es mit dieser Sache? Es ist bereits ein Jahr seitdem verstrichen, und es ist alles beim alten geblieben! Dagegen kommen seit einiger Zeit traurige Nachrichten aus den afrikanischen Kolonien. Sie sprechen von Zurücksetzungen, Beleidigungen, Verunglimpfungen und sogar von Gewalttaten. Besonders die niederen Beamten der Polizei sollen sich in Feindseligkeiten gegen die Juden auszeichnen. Ausführliche Schilderungen von diesen Mißständen gelangen an die jüdischen Zeitungen, die sie aber — wir begreifen nicht warum — verschweigen. Wo bleiben hier die Organisationen des italienischen Judentums? Warum greift der Gemeindebund nicht ein? Ein Zeichen für das Aufleben des jüdisch-nationalen Bewußtseins sind die florentinischen Gemeindewahlen, an dem unsere jungen Gesinnungsgenossen leidenschaftlichen Anteil nehmen. Es ist wohl das erstemal in Italien, daß Zionisten eigene Kandidaten mit ausgeprägtem nationalistischem Programm aufstellen und für diese energisch Propaganda machen. Die Forderungen, die die florentinischen Zionisten aufstellen, sind folgende: „Volle Gleichberechtigung aller Juden unserer Gemeinde ohne Unterschied der Sprache und der Staatszugehörigkeit; Erweiterung aller Institute der hebräischen Kultur, besonders derjenigen für das Studium der Geschichte und der Sprache; Gleichstellung der jüdischen mit den staatlichen Schulen; Reform des Wahlreglements mit Anerkennung der Rechte der Minoritäten; Oeffentlichkeit der Gemeinderatssitzungen; eine lebendige Anteilnahme der jüdischen Gemeinde an allen Manifestationen des jüdischen Lebens“ usw. Unter den neuen Kandidaten befinden sich unsere Gesinnungsgenossen adv. Senigaglia, Servadio, ing. Casteifranc o, Moses B e n a i m, die fast alle Aussicht haben, gewählt zu werden. Dieser Geist, der Herrn Bergson die Gunst der oberen Zehntausend erworben, hat schließlich auch vor seinen antisemitischen Gegnern Gnade gefunden. Natürlich wurde seine Wahl mit dem üblichen Geschrei und mit Beschimpfungen seitens der nationalistischen Presse aufgenommen. Immerhin rechnet es ihm die „Libre Parole“ als mildernden Umstand an, daß er um die Wiedererweckung des nationalistischen Geistes so große Verdienste hat. Wir müssen diese Betrachtungsweise immer noch geschmackvoller finden als die Taktik des vornehmen „Echo de Paris“, das, merkwürdigerweise in Gemeinschaft mit einer großen nichtpolitischen Tageszeitung, Herrn Bergso i, der nun einmal nicht französischer Abstammung ist, als Iren (!) bezeichnet. [iiiiiiiiiiiiiiiiutniiiiiuiimiißiiuiiiuiiui Rußland (iiiiiiiiiiiiüiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii Eine neue Ritualmordhetze Vor einigen Wochen wurde in F a s t o w (Gouvernement Kiew) die Leiche eines ermordeten Knaben aufgefunden, die dreizehn Stichwunden aufwies. Die Leiche wurde als die des jüdischen Knaben Jossel Paschkow rekognosziert und auf dem jüdischen Friedhof beerdigt. Der Mordtat verdächtig war ein verkommener Bauer namens Gontscharuk, der von den lokalen Behörden verhaftet wurde. Inzwischen hatten aber die Antisemiten in Kiew das Gerücht verbreitet, daß der Ermordete gar kein jüdischer Knabe gewesen sei und daß

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