Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 8 (20.2.1914)
- Article
- Die galizische Wahlreform
- Date
- 1914-02-20
- Page
- 194 (sequence 2)
- Language
- German
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194 Nr. 8 DIE LT ~ einzige jüdische Mitglied der Wahlrechtskommission, der von den Bluttagen von Drohobycz her eine traurige Berühmtheit genießt, hat in der Kommission stets die Stellung eingenommen, die der Berücksichtigung der jüdischen Rechte am meisten entgegen war. Sol;<:ge das Zustandekommen der Einigung noch fraglich war und die Polen glaubten, auf die Juden Rücksicht nehmen zu müssen, die nach der bisherigen Wahlordnung einen ziemlichen Einfluß besaßen, traten sie mit ihren Plänen nicht offen hervor. Kaum aber war am 30. Januar die Einigung zwischen Polen und Ruthenen zustande gekommen, da fanden sie den Mut, ohne jeden Rückhalt gegen die Juden vorzugehen. Der Unterausschuß, der die Wahlkreiseinteilung zu bestimmen hat, vereinigte bereits am 31. Januar die bisher als jüdisch geltenden städtischen Wahlkreise Brody, Brzezany, Drohobycz, Kolomea, Stanislau und Tamopol mit einer Reihe von polnischen Dorfgemeinden, wobei darauf Rücksicht genommen wurde, das in den neu entstehenden Wahlkreisen keine jüdische Majorität mehr blieb. Für diese Vergewaltigung der Juden stimmten auch die Aßpolen, die früher für eigene jüdische Wahlkreise eingetreten waren. Da die genannten Wahlbezirke das einzige waren, was die galizischen Juden an politischen Rechten in Wirklichkeit besaßen, bedeutete der Beschluß der Kommission die gänzliche Entrechtung dieser Bevölkerung. Ohne Rücksicht auf ihre wahren Bedürfnisse wurden städtische Wähler mit ländlichen zusammengespannt, nur, um das erstrebte Ziel zu erreichen. Wie wir bereits in der letzten Nummer mitgeteilt haben, haben sich alle jüdischen Parteien unter dem Druck der unmittelbaren Gefahr auf Anregung der Zionisten zusammengetan, um eine Rettungsaktion einzuleiten. Sie wandten sich vor allem an die Ruthenen, die zwar während der Ausgleichsverhandlungen für jüdische Fragen wenig übrig gehabt hatten, jetzt aber mehr Verständnis zu zeigen scheinen und an die polnischen Demokraten, die bei einer Wählerschaft, in der Bauern den Ausschlag gäben, gegenüber den Allpolen unterliegen müßten. Tatsächlich ist es auch gelungen, eine teilweise Zurücknahme der Beschlüsse durchzusetzen und die gänzliche Entrechtung zu verhindern. Der Fall zeigt wiederum deutlich, wohin es mit den Juden kommt, wenn sie ihre Politik nach den Wünschen und Bedürfnissen anderer einrichten. Die einzige Hilfe liegt im Zusammenschluß aller jüdischen Kräfte unter bewußt jüdischer Führung. Das werden die Juden überall lernen müssen. liiiuniiuiiiiiiiiiiiiiunuiitiiiiiiiiiHHi Rumänien Verfassungsrevision und Judenfrage (Von unserem Berichterstatter) Die Parlamentswahlen in Rumänien sind gegenwärtig im vollen Gange. Da in der bevorstehenden Session eine Revision der Verfassung durchgeführt werden soll, so haben die Antisemiten bereits eine wüste Agitation im ganzen Lande eingeleitet, um zu verhindern, daß die Kammer zugleich mit der Reform der Wahlordnung usw. auch eine Abänderung des 8 7 der Verfassung beschließe, wonach den „Fremden“ — worunter bekanntlich hauptsächlich die Juden verstanden werden — das Bürgerrecht nur individuell durch Parlamentsbeschluß erteilt werden darf. Jeder Kandidat muß seine Stellung zu dieser Frage unzweideutig präzisieren und die „Verdächtigen“ ein förmliches Versprechen abgeben, an dem geheiligten § 7 nicht rütteln zu lassen. Dabei kommt es vor, daß bekannte „Judenfreunde“, vor die Qual der Wahl gestellt, ihre freisinnigen Bekenntnisse förmlich desavouieren: ein Sitz im Senate oder in der Kammer gilt eben mehr als die Freundschaft der Juden. An eine auch nur einigermaßen befriedigende Lösung der Judenfrage denkt übrigens, wie schon jetzt feststeht, keiner der maßgebenden politischen Faktoren. Daher die schon jetzt sich bemerkbar machende, für das Frühjahr geplante Massenemigration in Jassy und anderen Städten der Moldau. Nur der Vorstand der „Vereinigung der eingeborenen Juden“ gibt sich noch trügerischen Hoffnungen hin. Er hat diese Woche in den Bukarester Tageszeitungen ein Communique publiziert, worin er eine besondere Aktion ankündigt, um die Regierungsparteien für eine Lösung der Frage der eingeborenen Juden zu gewinnen. Zu diesem Zwecke soll der Regierung und den gesetzgebenden Körperschaften eine Denkschrift überreicht, öffentliche Versammlungen in Bukarest und der Provinz einberufen, Propaganda-Broschüren verbreitet und eine Massenpetition der eingeborenen Juden dem Parlament überreicht werden. Auch plant die Vereinigung die Einberufung eines neuen außerordentlichen gilt eben mehr als die Freundschaft der Juden. In allen Kreisen, die mit den politischen Verhältnissen und Stimmungen des Landes vertraut sind, hält man alle diese Aktionen für völlig aussichtslos. UIIIIIlillWWIIW Frankreich lllilüllllllllüllüllllllllilllilliülllll Die Behandlung französischer Juden in Rußland Die russische Regierung behandelt bekanntlich auch ausländische Juden, die geschäftlich oder in anderen Angelegenheiten nach Rußland reisen müssen, unwürdig wie ihre eigenen bedauernswerten Untertanen und schikaniert sie in jeder möglichen Weise. Diese Behandlung ausländischer Juden in Rußland, die bekanntlich zu einem Paßkonflikt mit den Vereinigten Staaten geführt hat, gab auch in Frankreich wiederholt zu Beschwerden Anlaß. Im Jahre 1909 interpellierte der damalige Abgeordnete Francis de Pressense die Regierung in dieser Angelegenheit. Die Kammer genehmigte zu jener Zeit im Einvernehmen mit dem Minister des Aeußeren, Herrn P i c h o n, eine Tagesordnung, in der die Regierung aufgefordert wurde, mit dem Petersburger Kabinett Unterhandlungen darüber anzuknüpfen, daß allen Franzosen ohne Unterschied der Konfession der Aufenthalt in Rußland gestattet werde. Noch kurz vor seinem Tode hatte Francis de Pressense als Vorsitzender der Liga für die Verteidigung der Menschenrechte an den Ministerpräsidenten und Minister des Aeußeren, Herrn Doumergue, in dieser Angelegenheit ein neues Schreiben gerichtet, das dieser nunmehr in einer Zuschrift an den Generalsekretär der Liga, Herrn G u e r n u t, beant- In dem Schreiben des Ministerpräsidenten wird u. a. „Ich wäre sehr glücklich, Ihrem Wunsche zu entsprechen, allein die Umstände scheinen gegenwärtig meinem Departement nicht zu gestatten, seine Ansicht über diesen Puni.L zu ändern. Meine Vorgänger hatten gleich mir keineswegs das Interesse verkannt, das diese Frage bietet, allein die von einer anderen Macht unternommenen diplomatischen Schritte gestatten uns nicht, den Erfolg einer Intervention zu erhoffen. Rußland erachtet, daß diese Frage seinem inneren öffentlichen Rechte untersteht, und könnte einer verbündeten Macht nicht Genugtuung geben, ohne dieselben Vorteile anderen Nationen zu gewähren, denen sie diese eben abgeschlagen hat.“ Henri Bergson in der „Acaddmie Franqaise“ (Von unserem Pariser Berichterstatter) C. — Seit langem wurde kein so erbitterter Kampf an* einen Sitz unter den „Unsterblichen“ geführt wie diesmal. Es handelte sich auch in der Tatum eine kleine Revolution. Die „Academie Fran^aise“ ist in Frankreich der stärkste Hort der Reaktion und des Klerikalismus. Nie hatten die Juden, denen sonst alle Ehrenämter offen stehen, hier einen Platz finden können. Und nun wagte es ein Jude, Professor am „College de France“, zu dessen Vorlesungen sich ganz Paris drängt, Anspruch auf einen Sitz unter der Kuppel zu erheben! Das war zu stark. Sämtliche nationalistischen und antisemitischen Blätter eröffneten eine heftige Kampagne gegen diese Entweihung der vaterländischen Halle durch einen „Fremden“, einen Juden. Die Lage gestaltete sich von vornherein ungünstig für die Herren Nationalisten, da kein Kandidat, der einige Aussicht auf Erfolg hatte, sich Herrn Bergson, den die Zeitungen den „populärsten Mann des Tages“ nennen, entgegenstellen wollte. Schließlich gelang es der Ueberredungsgabe des bekannten nationalistischen Schriftstellers und Abgeordneten Maurice Barras, einen Gegenkandidaten aufzu-