Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 8 (20.2.1914)
- Article
- Dr. Nathan und die jüdischen Arbeiter in Palästina
- Date
- 1914-02-20
- Page
- 188 (sequence 2)
- Language
- German
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- Haifa 1× ep/1047930
- Irkutsk 1× ep/2294887
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ISS DIESqKELT Herr Dr. Nathan weist schließlich den Poale-Zion auch in dem nunmehr tobenden Kampfe um die Vorherrschaft der hebräischen Unterrichtssprache einen besonders ehrenvollen Platz zu. Er erzählt, daß die Vertreter der Poale-Zion „übrigens auch die ersten Streikverhandlungen zwischen unseren Lehrern in Jaffa und den Herren des Gymnasiums bereits im Sommer 1913 führten“. (Sperrdruck in der Broschüre.) Die Poale- Zion hätten keinen Grund, wenn diese Behauptung wahr wäre, ihren Weitblick zu verleugnen. Allein die ganze Schauermär gehört zu dem in der Broschüre Dr. Nathans fleißig zusammengetragenen Reporterklatsch, den er als Geschichtsschreibung ausgibt. Jedenfalls widerruft Dr. Nathan hierdurch seine eigenen wiederholten Behauptungen, daß „seine Lehrer“ sich nie mit umstürzlerischen Streikplänen trugen und erst durch die Parole des Zionistenkongresses und der ausgetretenen Mitglieder des Kuratoriums zu „Unruhen“ und „Vertragsbruch“ verleitet wurden. Schwerer wiegt, daß Herr Dr. Nathan nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiete uns als Araberfeinde hinzustellen den Mut hat, sondern daß er auch in der Schul- und Sprachenfrage sich der Bundesgenossenschaft des judenfeindlich gestimmten Teiles der arabischen Öffentlichkeit zu versichern sucht. Er berichtet von einer mohammedanischen Deputation, die sich bei ihm in Haifa danach erkundigte, „ob denn auch Mohammedaner Aufnahme in die von uns begründeten Institute in Haifa finden würden“', und von einer Eingabe mohammedanischer Persönlichkeiten an die Regierung in Konstantinopel, darüber zu wachen, daß die Schulen in Haifa den Mohammedanern keinen Schaden bringen. Dr. Nathan ist über diese Eingabe erstaunt und führt dieses Mißtrauen auf die Begründung des von zionistischer Seite beantragten Lehrplans zurück, „auf die jeder nationale Chauvinist und also auch jeder Antisemit stolz sein kann. Es ist selbstverständlich“, fügt Dr. Nathan hinzu, „daß diese tiefgründigen politischen Anschauungen in Haifa nicht unbekannt geblieben sind.“ Es mag dahingestellt bleiben, wer die Haifaer „mohammedanischen Kreise“, die dem christlichen Hetzblatt „Karmel“ sehr nahe zu stehen scheinen, über die zionistische Begründung des Lehrplans so eingehend informiert hat, während sie außerhalb des Kuratoriums bis nun unbekannt geblieben ist. Herr Dr. Nathan will durch all diese Andeutungen den Eindruck erwecken, daß die hebräische Unterrichtssprache als Mittel gedacht sei, um die Araber aus den jüdischen Lehranstalten und dem Technikum auszuschließen. Es ist allerdings ein Geheimnis des Herrn Dr. Nathan und seiner „mohammedanischen“ Gewährsmänner, warum die deutsche Unterrichtssprache den Arabern vertrauter und erwünschter sein soll, als die der arabischen durchaus verwandte hebräische Sprache. Ein wirklicher Freund der arabischen Kulturrenaissance, der keine politischen Hintergedanken hegt, müßte den Arabern weder ein deutsches, noch ein französisches Technikum, sondern ein völlig selbständiges arabisches Schulsystem wünschen. Solange die Araber auf andere Lehranstalten angewiesen sind, begrüßen wir es, wenn Araber unsere jüdischen Schulen besuchen und aus ihnen Nutzen ziehen. Dieser ideelle Güteraustausch kann jedoch nur dann zu einer geistigen Annäherung und friedlichen Verständigung beider stammverwandten Völker führen, wenn der Araber aus der jüdischen Schule ein Stück jüdischer Kultur und Verständnis für unsere Sprache und Sitte mitnimmt. Ein von Juden und Arabern besuchtes deutsches Technikum ist beiden Völkern gleich fremd und hemmt den Fortschritt sowohl der jüdischen wie der arabischen Kultur. Wir wissen, daß die europäische Bourgeoisie und die Mächte im Wettkampf um Märkte und Einflußsphären im Orient ihjje Schulen vorausschicken und durch kulturelle Zerklüftung und Zersetzung den Boden für ihre Machtgelüste vorbereiten. Es ist von diesem Gesichtspunkt aus begreiflich, wenn sogar linksstehende deutsche Organe erklären, daß sie an einem rein hebräischen Technikum in Palästina kein Interesse haben. Wenn aber der Führer einer jüdischen Organisation die jüdische Öffentlichkeit über seine wahren Beweggründe irrezuführen sucht, beim ersten ernstlichen Konflikt mit der jüdischen Volksmeinung jedoch die deutschen Chauvinisten und arabisch-christlichen Nationalisten als Bundesgenossen anruft und die jüdischen Bestrebungen in Palästina vor diesen anschwärzt, dann hat er sich als ein jüdischer Politiker ohne Verantwortlichkeitsgefühl erwiesen, der sich nicht scheut, uneingeweihte oder gar uns feindlich gesinnte Nichtjuden zu Schiedsrichtern in einer rein jüdischen Angelegenheit zu machen und dem jüdischen Volke deren Urteil aufzuzwingen. Nr. S Protestkundgebung der akademischen Jugend in Irkutsk In einer Versammlung der jüdischen akademischen Jugend in Irkutsk wurde folgende Resolution gefaßt: 1. Der Grund, den das Kuratorium für die Ausschaltung des Hebräischen als Unterrichtssprache angibt, scheint uns nach eingehender Erwägung unhaltbar, da nach Aussage eines so hervorragenden Fachmannes, wie es B e n - J e h u d a ist, dem Mangel an wissenschaftlichen Lehrbüchern in kurzer Zeit abgeholfen werden kann. 2. Die dominierende Stelle, die das Kuratorium der deutschen Sprache im Technikum einräumen will, bedeutet die Zerstörung jahrzehntelanger Arbeit für die Neubelebung unserer nationalen Sprache in Palästina. 3. Wir müssen uns insbesondere dagegen energisch verwahren, daß das Kuratorium sich bei der Begründung dieser Erziehungsanstalt für unser junges Geschlecht von politischen Rücksichten leiten ließ, für die in unserem geliebten Lande kein Platz ist, und nicht an die nationale Wiedergeburt unseres Volkes gedacht hat. Kundgebung des Vereins Jüdischer Studenten aus Rumänien „Hebronia“ in Berlin Am 11. Februar hielt der Verein „Hebronia“ in Berlin eine Versammlung ab, die zu den letzten Ereignissen in Palästina und zu der Erklärung des antizionistischen Komitees Stellung nahm. Herr Ingenieur Habermann hielt das Referat, das die. Angriffe des Hilfsvereins auf die nationale Entwicklung Palästinas in der schärfsten Weise verurteilte. Am Schlüsse schlug er vor, daß der Verein fünf Jahre hindurch einen Jahresbeitrag von 400 M. zur Erhaltung des hebräischen Schulwerkes in Palästina zeichne. Dieser Antrag .wurde mit Begeisterung angenommen und allgemein erklärt, daß die Mitglieder alles tun wollten, was in ihren Kräften stehe, um diesen Betrag noch zu erhöhen. Der bekannte Komponist, Musikhistoriker und Schriftsteller A. Z. I d e 1 s o h n in Jerusalem, der während des ganzen Schulkampfes in Europa weilte, teilt uns mit, daß er seine Stelle als Musik- und Gesangslehrer an den Hilfsvereinsschulen in Jerusalem niedergelegt hat. Auf Grund seiner genauen Kenntnis der Verhältnisse gibt er seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß Herr Ephraim Cohn der Hauptschuldige an den Vorgängen in Palästina sei und daß die Leitung des Hilfsvereins im wesentlichen i h m die Zerstörung ihres Schulwerks zu verdanken habe. . Herr Idelsohn gibt ferner seiner Empörung darüber Ausdruck, daß die leitenden Männer des Hilfsvereins die bekannte antizionistische Erklärung unterschrieben haben. In Palästina werden sicherlich auch diejenigen Lehrer, die noch an den Hilfsvereinsschulen wirken, diese Erklärung als einen verletzenden Angriff auf ihre nationaljüdische Gesinnung empfinden und sich insbesondere ganz entschieden dagegen verwahren, daß sie von ihren nichtjüdischen Mitbürgern „nichts unterscheidet als der Glaube“. Informationsmaterial zum Sprachenkampf Eine Entgegnung auf Dr. Nathans Broschüre Als vorläufige Entgegnung auf die Broschüre Dr. Nathans haben wir einen Separatabdruck der Nr. 5 der „Welt“ herstellen lassen, der die hauptsächlichsten Artikel dieser Nummer enthält und sich infolge seines reichen Tatsachenmaterials sehr gut zur Widerlegung der tendenziösen Darstellung der Nathan sehen Broschüre eignet. Von diesem Separatabdruck sowie von allem anderen Informations- und Sammelmaterial stellen wir beliebig viele Exemplare gratis und franko zur Verfügung.