Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1914-02-13 · 7 (13.2.1914) · p. 160

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
7 (13.2.1914)
Article
Die Palästinakommission der Wiener Kultusgemeinde - suspendiert
Date
1914-02-13
Page
160 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316625-3316632--59145-3352085
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

160 DIE&ELT Nr. 7 WELTCHRONIK ... Die Palästinakommission der Wiener Kultusgemeinde — suspendiert Ein Willkürakt des Präsidenten — Die Debatte über die erfolgte Sistierung — Das Verhalten der Kultusvorstände (Von unserem Wiener Berichterstatter) ln der letzten Nummer konnten wir die erfreuliche Nachricht bringen, daß der Wiener Kultusvorstand auf Grund des Antrages seiner beiden zionistischen Mitglieder in der Sitzung vom 1. Februar 1914 eine ständige Palästinakommission einsetzte, mit der Aufgabe, „sich über die jüdische Siedlung in Palästina fortlaufend zu informieren, allen Entwicklungsmöglichkeiten dieser Siedlung ihre ständige Aufmerksamkeit zuzuwenden, über die Ergebnisse ihrer Erhebungen dem Xultusvorstande zeitweise zu berichten und Vorschläge zur Förderung der erwähnten Siedlungen zu erstatten". Dieser Beschluß wurde durch einen empörenden Gewaltstreich des Präsidenten Herrn Dr. Stern sistiert. Zur Steuer der Wahrheit wäre es vor allem nötig, die Motive des Herrn Präsidenten bloßzulegen und seine Handlungsweise ins richtige Licht zu setzen. Aber wir wollen trotz der tiefgehenden Erregung alles Persönliche ausschalten und auf Grund verläßlicher Informationen einfach darlegen, was sich zugetragen hat. Die Sitzung des Kultusvorstandes vom 1. Februar fand in Abwesenheit des Herrn Dr. Stern unter Leitung des Vizepräsidenten Herrn Dr. Kohn statt. Auf der Tagesordnung stand die Debatte über die Palästinakommission. Der von Herrn Dr. Stern unterbreitete Antrag, eine Palästinakommission einzusetzen, welche lediglich „die Prüfung und Ueberwachung der von der Wiener Gemeinde geförderten Anstalten in Palästina" (nämlich: Lämelschule, Bezalel, hebräisches Gymnasium in Jaffa und Wertheimsche Chalukastiftung) zum Gegenstände haben sollte, fiel durch, hingegen wurde der von den zionistischen Kultusräten Ehrlich und Stricker eingebrachte, eingehend motivierte Antrag auf Bestellung einer Palästinakommission mit dem oben zitierten weiteren Arbeitspläne auf legalem Wege mit der erforderlichen Majorität angenommen. Die 7 Mitglieder der Kommission wurden sofort gewählt. Zu ihrer größten Ueberraschung erhielten die zionistischen Kultusräte vier Tage später die Einladung zu einer neuerlichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes, auf deren Tagesordnung der Bericht des Präsidenten über die von ihm vorgenommene Sistierung des Beschlusses, betreffend die Einsetzung der ständigen Palästinakommission stand. Diese denkwürdige Sitzung vom 8. Februar nahm folgenden Verlauf: Herr Dr. Stern erklärte, daß er den gefaßten Beschluß nicht anerkenne, weil er nach seiner Meinung den Statuten widerspreche und daher für ihn nicht existiere. Zunächst bewies Gg. Dr. Ehrlich vom juristischen Standpunkte die Unhaltbarkeit dieser Ansicht. Nur in zwei Fällen sei die Sistierung eines legal gefaßten Beschlusses durch den Präsidenten zulässig: Wenn der Beschluß gegen das Staatsgesetz verstößt — dann sei gleichzeitig mit der Sistierung die Anzeige an die Behörde erforderlich — oder wenn er geeignet ist, der Gemeinde schwere Nachteile zu bringen. Da keiner dieser Fälle vorliege, sei die Sistierung ein Willkürakt des Präsidenten. Ober-Ingenieur Stricker führte aus: Die Sistierung des Beschlusses sei eine persönliche Angelegenheit des Herrn Dr. Stern. Das Durchdringen des weitergehenden zionistischen Antrages gegenüber dem Anträge des Präsidiums habe Herr Dr. Stern als Angriff auf seine Alleinherrschaft in der Gemeinde empfunden; darum vergesse er nicht nur seine wiederholt betonte „Palästinaliebe", sondern gebe auch seine Mitarbeiter, die er zwingt, einen Beschluß aufzuheben, den sie ordnungsmäßig faßten, dem berechtigten Vorwurfe würdeloser Unselbständigkeit und lächerlicher Urteilslosigkeit preis. Zahlreiche Vorstandsmitglieder, darunter Vizepräsident Dr. Kohn und Dr. Engel, erklärten, daß sie die Ansicht des Herrn Dr. Stern nicht teilen und daß die von ihm vorgenommene Sistierung ein Unrecht sei. Nur mit Rücksicht auf die vom Präsidenten angedrohte Demission sähen sie sich veranlaßt, der Sistierung zuzustimmen. Ein einziger Kultusvorstand, Herr Dr. E h r m a n n , versuchte sachliche Gründe für die Sistierung vorzubringen. Er stellte die Behauptung auf, eine Kultusgemeinde dürfe sich höchstens mit der Subventionierung von palästinensischen Schulen befassen, nicht aber mit Siedlungsfragen. Ober-Ingenieur Stricker entgegnete ihm prompt, dann dürfte die Kultusgemeinde den Bezalel nicht unterstützen, der ebenso Schulwie Siedlungswerk sei. Mit Ausnahme des Herrn Dr. E h r m a n n (gerade dieser Vorstand gilt bezeichnenderweise als „Halbzionist“) fand kein einziges Mitglied der Repräsentanz die Sistierung begründet, vielmehr gaben alle Vorstände, welche eine Woche früher für den zionistischen Antrag gestimmt hatten, unumwunden zu, daß sie sich dem Willen des Präsidenten beugen, der die Aufhebung des Beschlusses zu einer Kabinettsfrage gemacht habe. So kam es, daß der Antrag Dr. Ehrlich auf Uebergang zur Tagesordnung über die Mitteilung des Präsidenten abgelehnt und die von Herrn Dr. Stern vorgenommene Sistierung des Beschlusses über die Einsetzung einer ständigen Palästinakommission im Wiener Kultusvcrstande mit allen gegen vier Stimmen zur Kenntnis genommen wurde. Nur zwei nichtzionistische Vorstandsmitglieder stimmten mit unseren Gesinnungsgenossen: die Herren Kais. Rat Weil und Dr. Spitzer. Aber gerade die anerkannte Gewissenhaftigkeit dieser beiden Männer zeugt dafür, wie verurteilenswert dje Handlungsweise des Präsidenten war. Die Einsetzung einer Palästinakommission in der jüdischen Großgemeinde Wien mit so weitem und ernstem Wirkungskreise, wie ihn die Zionisten vorgeschlagen hatten, war ein überaus erfreulicher, ja denkwürdiger Fortschritt im jüdischen Gemeindeleben der Diaspora, und der Umstand, daß diese Neuerung nur durch die Willkür eines einzelnen und doch wohl nicht für immer vereitelt wurde, kann uns über den Schaden, welchen dieser wohl einzig dastehende Sistierungsbeschluß im Gefolge hat, nicht hinwegtäuschen, weil wir jeden verlorenen Augenblick in der Arbeit für unser Volk tief bedauern. Aber wir schämen uns auch dieses Vorfalles, der den jämmerlichen Ghettogeist der „Kahahvirtschaft" vor aller Welt bloßstellt. Auf der einen Seite der Kehillagewalthaber, der einfach legale Beschlüsse umstößt, den stellvertretenden Präsidenten desavouiert und seine langjährigen Mitarbeiter skrupellos preisgibt, wenn er seine Machtfülle bedroht sieht — auf der anderen die Herren vom Kahal, die nicht den Mut der Ueberzeugung aufbringen, für die beratene und beschlossene Sache einzutreten, oder aus träger Bequemlichkeit fürchten, aus ihrem behäbigen Frieden geschreckt zu werden und deshalb lieber fünf gerade sein lassen, insgesamt aber wie ein Taschenmesser vor dem Präsidenten zusammenknicken... Friedrich Jodl Der Wiener Philosoph Friedrich Jodl ist gestorben. Die Judenheit bewahrt diesem im besten Sinne des Wortes freisinnigen Männe, der erst in jüngster Zeit gegen die Abscheulichkeiten des Beilis-Prozesses heftig protestierte, ein dankbares Andenken. 532301010001020112010201020101010002020202

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.