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Die Welt · 1914-02-13 · 7 (13.2.1914) · p. 159

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
7 (13.2.1914)
Article
[Kommentar]
Date
1914-02-13
Page
159 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 7 DlE*jfeLT --- 159 Protestkundgebungen seitens verschiedener jüdischer Verbände, Gemeinden, Talmud-Thoras, Logen usw. Dieselbe Zeitung teilt mit, daß die Nathansche Broschüre, deren wesentlicher Inhalt auf Veranlassung der Hilfsvereins- Leitung an die amerikanische Tagespresse gekabelt worden war, in Amerika einen überaus ungünstigen Eindruck gemacht habe. Die Zeitungen „New York Times“ und „Globe“ haben eine Reihe von angesehenen jüdischen Persönlichkeiten über den Schulkampf befragt, und die meisten von ihnen fällten über das Vorgehen des Hilfsvereins ein geradezu vernichtendes Urteil. Wie bereits mitgeteilt, erklärte das Mitglied des Kuratoriums Louis M a r s h a 11 einem Mitarbeiter der „New York Times“, daß die Angaben Dr. Nathans in seiner Broschüre geradezu lächerlich und die Vorwürfe gegen die Zionisten absolut unbegründet seien. In der jiddischen Tageszeitung „Canader Adler“ (Montreal) feiert der bekannte hebräische Schriftsteller Rüben B r a i n i n in einem Aufsatz, der die Ueberschrift „D e r große Sieg des Hebräischen“ trägt, die junge Generation in Palästina, die mit bewundernswerter Zähigkeit und grenzenloser Hingabe das Ideal der Wiederbelebung der hebräischen Sprache im alltäglichen Leben, das vor 30 Jahren uns allen noch als ein Traumbild vereinzelter weltfremder Phantasten erschien, in die Wirklichkeit umgesetzt hat. Die Protestkundgebungen gegen den Hilfsverein aus den entlegensten Ländern und Erdteilen, die werktätigen Sympathien, die dem neuen hebräischen Schulwerk in Palästina allerorten entgegengebracht werden, legen Zeugnis ab von dem machtvollen Vordringen der hebräischen Renaissancebestrebungen in alle Kreise der zeitgenössischen Judenheit. Die zionistische Leitung in Berlin habe den Dank aller zukunftsfrohen, national und palästinensisch empfindenden Juden verdient für die tatkräftige und erfolgreiche Art, in der sie sich an die Spitze des Kampfes für die hebräische Kultur in Palästina gestellt hat. Im „Neuen Lodzer Morgenblatt“ veröffentlicht Dr. j. Gottlieb unter der Ueberschrift „Sein oder Nichtsein?“ einen äußerst scharfen Artikel gegen die Stellungnahme des „Hilfsvereins“ in der Sprachenfrage. Es könne darüber, so heißt es darin, in der gesamten bewußten Judenheit nur eine Meinung herrschen. Denn was interessierten uns die Pläne der Assimilatoren, deren Wirken auf die Unterdrückung alles Echt-Jüdischen gerichtet sei? Bei der großen jüdischen Gesamtheit könne es nur e i n Urteil über den Kampf zwischen den palästinensischen hebräischen Lehrern und dem germanisierenden „Hilfsverein“ geben — ganz unabhängig von den Anschauungen der verschiedenen Kreise über das Sprachenproblem und die jüdische Politik überhaupt, ja selbst über die Aussichten des palästinensischen Kolonisationswerkes. Man könne nicht von jedermann verlangen, daß er den Weitblick und den festen Glauben eines Pinsker, Lilienblum und Herzl besitze. Hier aber handle es sich nicht allein um Zukunftsideale, sondern um konkrete Wirklichkeit. Selbst die Skeptiker in bezug auf unsere nationale Zukunft müßten den Versuch verdammen, den jetzigen jüdischen Jischub in Palästina zu vernichten. Wir stehen jetzt vor der Frage: „Sein oder Nichtsein?“ Der einzige helle Winkel in unserem jüdischen Leben ist gefährdet; den letzten süßen Tropfen in dem bitteren Kelch, den wir im Golus zu leeren haben, wollen uns die deutschen Assimilanten vergiften. Und darum müssen wir alle auf dem Posten sein. Denn gewaltig groß sind unsere moralischen Pflichten gegenüber der jüdischen Erziehung in Palästina! Mit der bedeutsamen Frage der Ottomanisierung der palästinensischen Juden beschäftigt sich „L’Aurore“ (Konstantinopel) in ihrer Nummer vom 30. Januar, ln dem Aufsatz wird u. a. ausgeführt: „Der zahlenmäßige Rückgang der ottomanisch-jüdischen Bevölkerung durch den Verlust von Landstrichen mit einer dichten jüdischen Bevölkerung ist ein Uebel, dem ebenso schnell wie gründlich abgeholfen werden muß. Sonst werden wir in den gesetzgebenden und städtischen Körperschaften, in der Verwaltung der Wilajets usw. erbärmlich vertreten sein und unsere nationalen Interessen werden hierunter empfindlich leiden. Wie aber, wird man uns fragen, ist hier eine Abhilfe möglich? Kann man denn die jüdische Bevölkerung nach Belieben vergrößern? Ja, erwidern wir ohne Zögern, es gibt in der Tat Gegenden, in denen — nicht die jüdische, sondern die jüdisch-türkische Bevölkerung einen neuen Zuwachs erhalten kann, und zwar ist es Palästina, in dem dieses Wunder der Zahlenvergrößerung sich verwirklichen kann. Es gibt in dieser Provinz eine stattliche Anzahl Juden fremder Staatsangehörigkeit, die sich nichts Besseres wünschen, als türkische Untertanen zu werden. Alle Welt weiß, daß die jüdischen Einwanderer, die aus Ländern des Leidens und der Unterdrückung hergekommen sind und sich in der Türkei angesiedelt haben, wo sie Freiheit und Achtung fanden, die •Notwendigkeit einsehen, unserem Lande einen weiteren Beweis ihrer Anhänglichkeit zu geben, indem sie ottomanische Untertanen werden. Wenn ihre Wünsche sich nicht verwirklichen ließen, so hat das nicht immer an ihnen gelegen. Vielleicht hatten sie eine übertriebene Furcht vor umständlichen Formalitäten. Wir sind heute in der Lage, mitteilen zu können, daß diese Formalitäten bald eine sehr vernünftige Abänderung erfahren werden. Nach gewissen Informationen, die wir alle Veranlassung haben, für glaubwürdig zu halten, beschäftigt sich die Regierung augenblicklich damit, den endgültig im Lande angesiedelten Juden, die die türkische Staatsangehörigkeit erwerben möchten, bedeutende Erleichterungen, zu gewähren. Es dürfte keine Uebcrtreibung sein, wenn wir hinzufügen, daß möglicherweise der für die Naturalisation erforderliche Zeitraum des Aufenthaltes im Lande, der nach dem bisherigen Gesetz fünf Jahre betrug, erheblich verkürzt werden wird. In diesem Falle würde die Ottomanisierung weiter Kreise um so schneller vor sich gehen. Wir sind überzeugt, daß, sobald die Absichten der Regierung in dieser Hinsicht bekannt werden, viele der Unseren, die bisher ihre fremde Staatszugehörigkeit bewahrt haben, sich beeilen werden, ottomanische Bürger zu werden. Und das wird sowohl dem Lande wie dem Judentum zum Segen gereichen.“ Das letzte Heft des „Haschiloah“ bringt an leitender Stelle einen Essay von Dr. Jakob Klatzkin über Hermann Cohen. Der Redakteur Dr. Joseph Klausner behandelt den gegenwärtigen Sprachenkampf in Palästina und würdigt dabei insbesondere die Persönlichkeit Elieser Ben-Jehudas. Schneurs mehrere Seiten füllendes Gedicht „Peragim“ (Mohnblumen) zeigt uns diesen reichbegabten Dichter in seiner Wesensart: Das überschäumende Temperament beeinträchtigt die künstlerische Selbstzucht, die Gewalt der bilderreichen Sprache wird mitunter durch Wiederholungen abgeschwächt. Jacob Kahans Poesie, die in ihrer stillen Innerlichkeit einen Gegensatz zu Schneurs stürmischer Dichtung bildet, charakterisiert A. A. K o b a k in einer längeren kritischen Abhandlung. Ferner enthält das Heft Beiträge von A. Klatschko, Dr. S. B e r n f e 1 d , A. Z. I d e l s o h n, J. Rawrewi und G. Schofmann. Dieser bleibt auch hier in seiner Skizze „Sergei Mamotow“ seiner Sonderart treu, Typen und Gestalten zu zeichnen, die abseits vom breiten Pfad des Lebens wandeln und Richtung und Ziel verloren haben. Das Januarheft der von Dr. M. Schitlowsky in New York herausgegebenen Monatsschrift „Dos Naye Leben“ veröffentlicht an erster Stelle eine von P. K r a p o t k i n für die jüdische Ausgabe seines Werkes „Gegenseitige Hilfe“ speziell geschriebene Einleitung. Ferner enthält das Heft u. a. folgende Beiträge: Der Materialismus und die dialektische Logik von Dr. Ch. Schitlowsky; Boris Schatz von Saul Raskin; Jüdisch und Hebräisch von Isaak Goldberg; Revue des jüdischen Lebens von A. Glanz; Bibliographische Notizen von M. Katz. Von den publizistischen Aufsätzen ist besonders der Artikel über „Jüdisch und Hebräisch“ von aktuellem Interesse, doch ist er im vorliegenden Heft noch nicht zu Ende geführt.

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