Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 6 (6.2.1914)
- Article
- Zionistische Wahlsiege in Galizien
- Date
- 1914-02-06
- Page
- 144 (sequence 1)
- Language
- German
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DIE2§KELT Nr. 6 144 Zionistische Wahlsiege in Galizien (Von unserem galizischen Berichterstatter.) Bei den jüngst stattgehabten Gemeinderats wählen in Zloczöw hatte die Zionistische Organisation einen nicht geringen Wahlsieg zu verzeichnen. Es wurden mit großer Mehrheit zu Geiheinderäten gewählt: Im 2. Wahlköiper die Gg. Dr. Heinrich Landesberg, Leon R o h a t i n; im 3. Wahlkörper Dr. Jakob Großkopf, Dr. Hamar E i s e 1 - b e r g, zum Vertreter Josef Funkenstein. Dem Ergebnisse kommt eine um so größere Bedeutung zu, als darin auch andere Parteien und Volksschichten zum Ausdruck brachten, daß den Zionisten in der Stadtverwaltung Sitz und Stimme zukommt. Bei den letzten Gemeinderatswahlen in Z 6 1 k i e vv hat die zionistische Partei einen schönen Erfolg zu verzeichnen. Die Gg. Natan Apfel, Abraham S c h a p i r a, Dr. David Thon, Sch. Zimeles wurden zu Gemeinderäten gewählt. Rußland Ein neues Auswanderungsgesetz Das russische Handelsministerium wird demnächst in der Reichsduma einen Gesetzentwurf zur Regelung der Auswanderung einbringen. Die Vorlage enthält große Erleichterungen für diejenigen Auswanderer, die sich in russischen Häfen (Libau usw.) einschiffen. Unter anderem sollen solche Emigranten ihre Auslandspässe kostenlos erhalten. Die Tendenz des neuen Auswanderergesetzes ist überhaupt die, der russischen Auswanderung über ausländische, namentlich deutsche Häfen ein Ende zu machen. An sich wäre die Vorlage auch für die jüdischen Emigranten, die die Reise nach Amerika gegenwärtig größtenteils über Hamburg und Bremen antreten und von gewissenlosen Agenten ausgebeutet, überdies in den Kontrollstationen an der deutschen Grenze vielfach von übelwollenden Beamten schikaniert werden, von großem Vorteil. Andererseits enthält der Gesetzentwurf jedoch engherzige Bestimmungen aller Art, die die Vorteile illusorisch machen. So sollen den jüdischen Auswanderern, deren Verwandte — und zwar nicht etwa nur nahe Angehörige — sich der Militärpflicht durch Auswanderung entzogen haben, keine Pässe verabfolgt werden, wenn sie nicht vorher die für diesen Fall vorgesehene Geldstrafe im Betrage von 300 Rubel entrichtet haben. Auch sollen die verschiedenen Vergünstigungen nur denjenigen Auswanderern gewährt werden, die mit den unmodernen, langsamen und schlecht eingerichteten russischen Ozeandampfern direkt bis zum Hafen des Bestimmungslandes, also z. B. bis New York reisen und nicht etwa eine Zwischenlandung in England vornehmen, ln jüdischen Kreisen glaubt man darum, daß die Vorlage, selbst wenn sie durchgehen sollte, an der gegenwärtigen Richtung des Auswandererverkehrs, soweit die jüdische Emigration in Frage kommt, nicht viel ändern wird. Der Prozeß Schulgin Der Herausgeber des Kiew er Blattes „Kiewlanin" und Mitglied der Reichsduma S c h u 1 g i n wurde am 2. Februar zu drei Monaten Arrest verurteilt, weil er am 27. September in einem von ihm gezeichneten Leitartikel seines Blattes zum Beilis-Prozeß das Verhalten des Staatsanwalts Tschap 1 i n s k y vor der Strafkammer scharf kritisiert und nach Ansicht des Gerichts über Tschaplinskv „wissentlich falsche Nachrichten verbreitet habe". Todesfälle Unser geschätzter Gesinnungsgenosse H. Zlatopolsky in Kiew beklagt den Verlust seines Schwiegervaters, Ahron M i r k i n. Der Verstorbene nahm im öffentlichen und gesellschaftlichen jüdischen Leben Kiews eine hervorragende Rolle ein und zeichnete sich insbesondere durch großzügige Wohltätigkeit aus. ln Paris verschied der bekannte, jüdische Millionär und Philanthrop Lazar P o I j a k o f f aus Moskau. Rumänien Jüdisches Schulwesen (Von unserem Berichterstatter) Die judenfeindliche Gesetzgebung Rumäniens auf dem Gebiete des Schulwesens hat zur Folge gehabt, daß in nahezu sämtlichen Gemeinden des Landes jüdische Volksschulen entstanden, die zum Teil aus Gemeindemitteln, zum Teil durch Beiträge ausländischer Organisationen — namentlich der Ica — unterhalten werden. Seit einem Jahrzehnt sind in den bedeutenderen Gemeinden des Landes, wie Bukarest, Ploesti, Galatz, Braila, Jassy, Focsani usw. von Privatpersonen und Gemeinden auch Mittelschulen gegründet worden. Zum Entstehen dieser Schulen trug die in den letzten Jahren überhandnehmende „kulturell"-antisemitische Strömung als wesentlicher Faktor bei. Die gesamte rumänische Intelligenz, Studenten, Volks- und Mittelschullehrer, sind so sehr gegen die Juden verhetzt, daß die Mittelschulen selbst da, wo sie noch Plätze genug für jüdische Kinder bieten, diesen wie auf Verabredung unzugänglich gemacht werden. Weil nun die jüdischen Mittelschulen unter dem Zeichen des gesellschaftlichen Antisemitismus entstanden sind, weisen sie den früher entstandenen jüdischen Volksschulen gegenüber merkwürdige Erscheinungen auf. Während an diesen das Hebräische mehr oder weniger ausgiebig gepflegt wird und die Lehrer für die Landessprache und die andern Fächer fast überall Juden sind (mancher Gemeinde- oder Schulvorstand pflegt allerdings hie und da einen Parade-Rumänen als Lehrer oder Direktor anzustellen), werden an den jüdischen Mittelschulen durchgängig nichtjüdische Lehrer angestellt, die christlichen, aber nicht die jüdischen Ruhe- und Feiertage beobachtet und alles Hebräische bleibt „selbstverständlich“ ausgeschlossen! Daß die jüdischen Schüler von diesen Lehrern mitunter ein bißchen „Rassentheorie" nach rumänischem Zuschnitte zu hören bekommen, ist bei den gegenwärtigen Zuständen fast selbstverständlich und wird denn auch von Schülern und Eltern als notwendiges Uebel hingenommen . . . Und so geschah es denn neulich, daß einige der von Juden besoldeten rumänischen Lehrer in ihren Mußestunden im Dienste der rumänischen K u 11 u r 1 i g a oder der Jassyer Pogromstudenten theoretischen und praktischen Antisemitismus trieben: theoretischen — in Galatz, wo Herr Sandor Densusheanu, Lehrer am jüdischen Lyzeum, in antisemitischen Versammlungen Brandreden gegen die Juden hielt; praktischen — in Jassy, wo Herr Doljan, Lehrer am jüdischen Gymnasium „Moritz Wachtel", bei den studentischen Judenkrawallen im Dezember v. J. unter den „tätigen" Studenten eine Führerrolle inne hatte, was ihm seitens seiner jüdischen Brotgeber „großmütig" nachgesehen wurde. Der Fall Densusheanu lief weniger glatt ab. Als Densusheanu von seinen antisemitischen Hetzreden zu seiner Lehrtätigkeit ins Lyzeum zurückkehrte, da streikten die jüdischen Schüler, die, im Gegensatz zu ihren Eltern, noch nicht jede Spur von jüdischem Ehrgefühl verloren haben. Densusheanu reichte seine Demission ein, veröffentlichte aber zugleich im Lokalblatte „Galati" einen Artikel, in dem er an seine Kollegen, an das Unterrichtsministerium, an die gesamte rumänische Nation appellierte, sich gegen das jüdische Schulkomitee in Drohungen erging und erklärte, die Juden sollten dafür erkenntlich sein, daß ein Rumäne sich dazu hergebe, bei ihnen als Lehrer zu dienen, und sie dürften nicht erwarten, daß er neben seiner Arbeitskraft noch seine nationale Gesinnung verkaufe. Die Herren vom jüdischen Schulkomitee, darunter Doktoren, Bankiers usw., erschraken vor dem donnernden Jupiter, traten eilig zu einer Sitzung zusammen und faßten einen Beschluß, demzufolge die Demission des antisemitischen Professors zurückgewiesen wurde und die streikenden Schüler mit einer achttägigen Ausschließung von der Schule bestraft wurden!! Der ehrenwerte Herr Professor kann nun seine ersprießliche Kulturtätigkeit innerhalb und außerhalb der Schule ungestört fortsetzen, und die noch ehrenwerteren Herren des Galatzer Schulvorstandes sind nicht mehr der Gefahr ausgesetzt, daß Densusheanu und seine gleichgesinnten Kollegen und Gönner ihnen zürnen ... ^41898333531547906