Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 6 (6.2.1914)
- Article
- Zum Reisebericht Dr. Nathans
- Date
- 1914-02-06
- Page
- 135 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 135 DIE2§KELT von Kindern ohne Unterricht lassen?“, worauf Herr Eisenberg erwiderte, daß die Lehrer eine Kündigungsfrist von zwei Monaten beobachten wollten. „D as ist etwas andere s“, sagte Herr Dr. Nathan, „dann haben wir genügend Zeit, uns um neue Lehrkräfte um zu sehen.“ In ähnlichem Sinne äußerte sich Herr Dr. Nathan gegenüber anderen Personen, und deshalb hielten wir es für unsere Pflicht, dem Hilfsverein gegenüber bis zum letzten Augenblick loyal zu bleiben. Als Herr Jellin fünf Tage nach Absendung der Demission den Brief mit der Ankündigung unserer Suspension erhielt, war es abends. Da dieser Brief sonst keine nähere Anweisung über den Zeitpunkt und die Art und Weise der Suspension enthielt, so gingen wir am folgenden Morgen, es war Mittwoch, den 10. Dezember, in gewohnter Weise an die Arbeit, ahnungslos, was der Tag uns bringen würde. Ich vermutete nun, daß mir im Laufe des Tages eine Zuschrift von der Direktion zugehen würde, im voraus bereit, mich jeder Anordnung von dort zu fügen. Wie groß aber war mein Staunen, als ich bald nach Beginn der zweiten Unterrichtsstunde, nach 0 Uhr, Herrn Generalsekretär Dr. Bernhard Kahn, Herrn Direktor Colin, dann den deutschen Generalkonsul und später drei Militärpersonen in meine Klasse treten sah! Das ganze Schulgebäude lag in diesem Augenblick in vollständiger Ruhe da. Ich stand sofort von meinem Sitze auf, und damit war meine Rolle in der Mädchenschule des Hilfsvereins, der ich 4i/L. Jahre als Leiterin angehört, und die ich mit ca. ISO Kindern übernommen und auf 450 Zöglinge gebracht hatte, beendet. Ebenso leistete auch nicht ein einziger Lehrer den geringsten Widerstand. Keiner von ihnen hielt eine „H e t z r e d e“ an die Kinder. In fünf Minuten hatten alle Lehrer die Schule verlassen. Nur ich, da ich meine Privatwohnung im Schulgebäude hatte, und der größte Teil der Mädchen waren noch anwesend. Die erschreckten Kinder weinten und wehklagten voller Entsetzen über das niegesehene Schauspiel, ihre ihnen durch jahrelange Arbeit liebgewordenen Lehrer mit bewaffneter Gewalt vertreiben zu sehen, und wagten sich aus Furcht vor den Soldaten nicht auf die Straße. Die Herren waren den weinenden Kindern gegenüber machtlos, und man wandte sich an mich, sie nach Hause zu schicken, was mir auch mit einigen beruhigenden Worten gelang. In weiteren fünf Minuten war das Schulhaus leer, und ein wenig später waren außer mir und dem Schuldiener keine menschliche Seele mehr im Hause. Nur militärische Posten hielten den Eingang besetzt. So verfuhr der Hilfsverein mit den Lehrern, die ihm in aufopfernder Arbeit gedient hatten, und so sah der „Hausfriedensbruch“ aus, dessen wir uns schuldig machten. Auch die Behauptung, daß wir vertragsbrüchig wurden, gehört in das Reich der Fabeln, welche die Leitung des Hilfsvereins in der Not der Stunde so zahlreich gedichtet hat. Dieser Vertragsbruch war schon deshalb unmöglich, weil von 19 Lehrern 18 gar keinen Vertrag hatten. Herr Jellin konnte trotz aller seiner Bemühungen niemals einen solchen vom Hilfsverein erreichen, obgleich er 25 Jahre in der Lämelschule tätig war. Mein Vertrag war am 15. April 1913 abgelaufen; trotzdem ich schon vor einigen Monaten Herrn Cohn darauf aufmerksam gemacht hatte, hielt er es für überflüssig, den Vertrag zu erneuern. Ebenso waren die jungen Lehrer, ehemalige Zöglinge des Seminars, ohne Kontrakt angestellt. Falls Sie in meine obige Darstellung Zweifel setzen sollten, so erlauben Sie mir, Ihnen gleichfalls mitzuteilen, daß ich Montag, den 29. Dezember eine Unterredung mit dem deutschen Generalkonsul hier hatte, um ihn um seine Meinung über die Vorgänge in der Mädchenschule während der Suspension zu befragen. Nachdem er mir zugestanden, daß seine Intervention in der Mädchenschule unnötig war, da die Lehrer keine Widersetzlichkeit bezeigten, sagte er mir zum Schlüsse wörtlich: „Sie können erklären, daß, wenn ich gewußt hätte, was sich in der Mädchenschule ereignen würde, ich nicht gekommen wäre, und hätte ich mit meinen geistigen Augen so sehen können, wie ich nachher mit meinen körperlichen sah, ich wäre sicher nicht erschienen.“ In einem späteren Gespräch mit den Herren Jellin und Ben-Jehudah bestätigte der Generalkonsul diese seine Auffassung gegenüber dem Verhalten der Lehrer in der Mädchenschule. Zum Schlüsse möchte ich noch bemerken, daß in die neue hebräische Mädchenschule, deren Leitung mir gleichfalls anvertraut wurde, ufis ca. 200 Schülerinnen der Hilfsvereinsschule gefolgt sind. Wir haben auch dort Deutsch als Fremdsprache beibehalten und diese Sprache findet, trotz des ausgeprägt hebräischen Charakters unserer Schulen, weiter sorgfältige Pflege. Mit diesen Zeilen habe ich versucht, wenigstens einen Teil der Unwahrheiten des Berichtes des Herrn Dr. Nathan zu berichtigen und etwas zur Ehrenrettung unserer vielgeschmähten Kollegen beizutragen. Sie würden mich ungemein verpflichten, wenn sie obige Zeilen zum Abdruck in Ihrem geschätzten Blatte bringen würden, was, wie ich hoffe, Sie um so eher tun werden, als es sich darum handelt, der Wahrheit die Ehre zu geben. Hochachtend Vera Pinczower. Leiterin der hebr. Mädchenschule. Bericht des Merkas Hamorim Der Hebräische Lehrerverband in Palästina versendet ein vom 27. Tebeth datiertes Rundschreiben, dem wir folgende interessante Daten über den gegenwärtigen Stand des hebräischen Schulwerkes in Palästina entnehmen: „Die Schüler in unseren neuen Schulen und in den Schulen des Hilfsvereins verteilen sich jetzt folgendermaßen: Unser Seminar und unsere Handelskurse werden von 70 Schülern besucht, in den entsprechenden Anstalten des Hilfsvereins sind bloß 25 Schüler geblieben, darunter nur drei Zöglinge des Seminars. In der hebräischen Knabenschule haben wir 101 Schüler, in der Knabenschule des Hilfsvereins befinden sich 210 Schüler. An die Eröffnung einer Knabenschule hatten wir vorher gar nicht gedacht; wir sind dazu erst gezwungen worden, nachdem ein großer Teil der Schüler die Hilfsvereinsschule zum Zeichen des Protestes gegen die Leitung, welche mit Polizei in die Schule gekommen war, verlassen hatte. Die hebräische Mädchenschule wird jetzt von 203 Schülerinnen besucht, während die Mädchenschule des Hilfsvereins 200 Schülerinnen zählt. (In dieser Anstalt hat die Leiterin samt dem ganzen Lehrerkollegium mit alleiniger Aus- Lnahme der Turnlehrerin demissioniert.) Die hebräische Knabenschule in Jaffa zählt 125 Schüler, in der entsprechenden Hilfsvereinsschule sind 50—t.0 Schüler geblieben. In Haifa zählte die Hilfsvereinsschule 83 Schüler, die jetzt alle (mit Ausnahme eines Sohnes des Schuldieners) zu der hebräischen Schule übergegangen sind. Hinzugekommen sind noch 12 neue Schüler, die früher die Alliance-Schule besucht hatten. Außer diesen Schulen, über deren Eröffnung wir bereits in unseren vorigen Rundschreiben berichtet hatten, sind von uns noch in Jerusalem Kurse für Kindergärtnerinnen eingerichtet worden, die von 21 Schülerinnen — von den 25, die früher in der Kindergärtnerinnenschule des Hilfsvereins waren — besucht werden. Alle Lehrer, die früher in dieser Anstalt des Hilfsvereins unterrichteten und jetzt demissioniert haben, erteilen in unserer Anstalt bis zum Peßach-Feste unentgeltlich Unterricht. Im Sommer werden wir diese Kurse regelmäßig organisieren und einen bestimmten Betrag zu ihrer Erhaltung auswerfen müssen. Außerdem sind wir gezwungen, für die Zöglinge des Mädchenheims des Hilfsvereins zu sorgen. Die in diesem Mädchenheim erzogenen Schülerinnen kämpften länger als einen Monat gegen die Leitung, die sie zwingen 'wollte, die Mädchenschule des Hilfsvereins gegen ihren Willen zu besuchen. Sie hatten in den letzten Wochen viel Leid au erdulden, und als alle Mittel, die die Leitung versuchte, den Mädchen gegenüber fruchtlos blieben, wandte sich die Leitung an die Vormünder der Mädchen mit der Aufforderung, sie zum Besuch der Hilfsvereinsschule zu zwingen. Aber auch dies hatte keinen Erfolg. So waren wir denn gezwungen, aus dem Mädchenheim des Hilfsvereins 17 Mädchen, die auf Kosten der zionistischen Organisation und verschiedener Privatleute erzogen werden, herauszunehmen. Die Zahl der Lehrer, die in den Anstalten des Hilfsvereins tätig waren, betrug 56. Davon sind 41 zu unseren Schulen übergegangen. In Jerusalem hatte der Hilfsverein 41 Lehrer, davon demissionierten 28. Unter den ausgeschie-