Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 5 (30.1.1914)
- Article
- Pro domo
- Date
- 1914-01-30
- Page
- 111 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316630-3351649--58919-3351719- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 5 111 DIE^EELT gungen erfüllt seien? Weil die Minorität sah, aus welchen Gründen die Majorität selbst den Antrag der Herren Philippsohn-Schiff abgelehnt hatte, legte sie naturgemäß keinen Wert auf die Annahme solcher Vorschläge, die in Wirklichkeit einen Bluff darstellen. Mit einem wahren Taschenspielerkunststück möchte die Broschüre aus dem Verhalten der Vertreter meines Antrages zur deutschen Sprache Kapital schlagen. Zunächst sei konstatiert und ein für allemal festgenagelt, daß auch Herr Dr. Nathan zugibt, die Vertreter des Levinschen Antrages seien bereit gewesen, dem Deutschen als Fremdsprache den breitesten Spielraum zu gewähren. Dr. Nathan gibt wörtlich zu: „Sie haben wiederholt und nachdrücklich erklärt, daß ihnen jede Verstümmelung des deutschen Sprachunterrichts durchaus fern liegt, daß sie vielmehr dem deutschen Sprachunterricht jede gewünschte Anzahl von Stunden zuzubilligen bereit seien." Mit welchem moralischen Recht durfte dann also der Hilfsverein in seinem Communique, in von ihm versandten Flugblättern und von ihm inspirierten Artikeln der Mär Vorschub leisten, die aus Russen bestehende Minorität des Kuratoriums habe die deutsche Sprache verdrängen wollen? Die Anschuldigung der angeblichen Feindschaft gegen alles Deutsche wurde doch zur Basis des gegen uns in Deutschland geführten Kampfes gemacht. Ist das noch ein ehrlicher Kampf? lind ist es logisch, aus dem Umstand, daß auch die Minorität der deutschen Sprache breitesten Spielraum gewähren wollte, die Folgerung zu ziehen, die Majorität Dr. Nathans hätte bei ihren Beschlüssen keine politischen Tendenzen verfolgt? Sie war eben nicht damit zufrieden, daß die Minorität der deutschen Kultursprache den breitesten Spielraum gewähren wollte, sie wollte der hebräischen Sprache am Technikum nicht einmal 20 Prozent zugestehen. Und eine solche Stellungnahme auf pädagogische Gründe zurückführen zu wollen, ist sehr gewagt, besonders, wenn die echten Pädagogen, die wirklich Fachmänner sind und in ihrem pädagogischen Beruf so ergraut sind, wie Nathan bei seiner politischen Tätigkeit, gerade das Gegenteil behaupten. Herr Dr. Nathan greift mich wegen meiner Rede auf dem XI. Zionistenkongreß an, wo ich den Wunsch äußerte, die Zionistische Organisation möge danach streben, die Erziehung der Jugend selbst zu übernehmen. Diese meine Anschauung über die idealen Pflichten der Zionistischen Organisation sind aber doch nicht neu. Vor drei Jahren habe ich z. B. in der Zeitschrift Haolam, Jahrgang 1911, Nr. 20, denselben Wunsch ausgesprochen, indem ich sagte: „Die Organisation, die sich die Renaissance des Volkes und des Landes zum Ziel setzte, kann ihre Pflicht durch eine beschränkte Teilnahme am Erziehungswerk nicht genüge tun. Sie darf nicht sagen: Ich freue mich, daß diese meine Aufgabe von anderen Organisationen erfüllt wird. Die anderen Organisationen können doch, wenn sie auch auf dem kulturellen Gebiete einstweilen manche Konzessionen machen, einmal ihre Stellung ändern, und so schaffen wir uns dann nur neue Gegner im Lande." Es ist selbstverständlich, daß ich als Zionist das volle Recht habe, die ideale Forderung auszusprechen, daß die Erziehung unserer Jugend im Lande unserer Hoffnung und unserer Arbeit in ganz sicheren Händen liegen solle. Nur ein Verblendeter kann darin etwas Unmoralisches sehen. Habe ich jemals irgendeiner Person, irgendeiner Institution gegenüber, an irgendeinem Orte ein Hehl daraus gemacht, welcher Ueberzeugung ich bin, und für welches ideal ich mit meinem ganzen Denken und Fühlen eintrete? Herr Dr. Nathan nennt mich in seiner Broschüre den Exponenten der „ruchlosen Zerfleischung" in Palästina. Herr Dr. Nathan wagt es zu behaupten, daß ich mit meinem Artikel in der „Welt" „Die letzten Ursachen des Sprachenkonflikts" für eine Politik der Unmoralität und der Kurzsichtigkeit die sogenannte Brückentheorie aufgestellt hätte, und er knüpft an meinen Namen folgenden Satz: „. . . . der vom Kuratorium des Technikums nach Haifa entsandt, zur Beaufsichtigung der Bauten dort, seine Zeit im Interesse des Gesamtjudentums alsdann gut ausgenützt hätte." Auch der Gedankenstrich wird mich nicht provozieren. Es soll Herrn Dr. Nathan nicht gelingen, ich schone seine grauen Haare. Mit aller Schärfe will ich nur betonen: wenn ich mich während meines Aufenthaltes in Palästina manchmal über die Sprachenfrage unterhielt, so habe ich meine ganze Kraft und meinen Einfluß dahin geltend gemacht, die maßgebenden Kreise Palästinas zur Nachgiebigkeit und Geduld zu mahnen. Jede andere Behauptung ist unwahr. Herr Dr. Nathan weiß sehr wohl, daß ich mich dem Kuratorium nicht aufgedrängt habe, sondern daß das Kuratorium mich gebeten hat, nach Palästina zu gehen, trotzdem ich kein Fachmann in Bauangelegenheiten bin. Und ich habe, wenn es mir auch gelungen ist, manche organisatorischen und kaufmännischen Fehler aufzudecken, immer bedauert, daß ich für diese Arbeiten allein die Verantwortung übernehmen mußte. Mir aber aus dieser Tätigkeit einen Strick drehen zu wollen, Verdächtigungen auszustreuen und sich hinter Gedankenstriche zu verschanzen, das ist keine noble Art des Kampfes. Offen heraus mit der Sprache! Dann werde auch ich frei von jeder Rücksicht antworten können. Daß meine sogenannte „Brückentheorie" Herrn Dr. Nathan nicht gefällt, bestätigt mich noch mehr in der Ueberzeugung von ihrer Richtigkeit. Zu einer Verteidigungsart, wie sie die Broschüre Herrn Dr. Nathans darstellt, kann nur jemand greifen, der einen verlorenen Posten mit allen Mitteln zu verteidigen sucht. Wie bisher, geht es aber nicht mehr weiter. Mit verschwommenen Versprechungen, spitzfindigen Formulierungen und wechselnden Systemen kann man in Palästina nicht mehr arbeiten. Das Land, die jüdische Bevölkerung, die nach Palästina gekommen ist, nicht mir um zu beten, sondern auch um zu pflügen, zu säen und zu ernten, verlangen kategorisch den einheitlichen Charakter des Schulwesens, und keine Organisation wird sich dort behaupten können, die diesen Lebensforderungen nicht Rechnung tragen will. Wir haben uns beide geirrt: unsere Seite im Vertrauen auf die Dauerhaftigkeit der Zweckmäßigkeitsgründe des Herrn Dr. Nathan, Herr Dr. Nathan aber in seinem Urteil über die Entwicklung des jüdischen Lebens in Palästina. Wir können unseren Fehler leicht wieder gutmachen. Ich bin überzeugt, daß eine nahe Zukunft auch Herrn Dr. Nathan eines Besseren belehren kann. Ich wünsche nur, die bessere Einsicht möge ihm nicht zu spät kommen.