Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 4 (23.1.1914)
- Article
- Die verlorene Schlacht [Rezension]
- Date
- 1914-01-23
- Page
- 101 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 101 llliilllllllllilllll Literarische Rundschau iiiiiiliiüiiiiiil Die verlorene Schlacht. Humoristische Erzählungen von Scholem Alejchem. Jüdischer Verlag, Berlin, 1914. M. 2.— (3.—). In der Sammlung „Vom alten Stam m" ist zu Chanukah das vierte Bändchen erschienen, das wie die früheren von Mathias Acher aus dem Jiddischen übersetzt ist. Es enthält eine kleine Auswahl humoristischer Skizzen des Mannes, dessen Name bereits ein Programm ist; sprich aus: „Scholem Alejchem“, und .alles lacht. Lacht nicht laut und breit, mit unbekümmertem, glücklichem, unjüdischem Lachen; sondern still vor sich hin und in sich hinein, ein wenig ironisch, ein wenig mitleidig — und doch heiter und vergnügt. Mir erschien es immer als der Leitspruch von Scholem Alejchems Humor, was er von seinen Kaßriliwkem sagt: „Wie man lebt in Kaßriliwke? Man lebt überhaupt nicht; man schlägt sich durch mit Not und Sorgen. Aber — deswegen ist man doch lustig.“ Das Milieu, das er schildert, ist das trübste und traurigste: das Städtchen und die Gaß’, wo die Juden auf einanderhocken wie die Fliegen, und einer dem andern Luft, Licht und — Brot wegnimmt. Daß man hier noch lebt, ist kein größeres Wunder, als daß diesem Milieu ein Humorist entstehen konnte. Er selbst verrät einmal das Geheimnis dieses Lebens: „Man hungert ein bißchen, und etwas verdient man ja auch, und ein wenig borgt man, einer vom andern,; um Zurückgeben sorgt man sich nicht: heut helfe ich dir, morgen hilfst du mir, am Jahresende sind wir quitt.“ Sie müssen ja alle Humoristen sein und eine unerschöpfliche Quelle der Heiterkeit in sich tragen; wie würden sie sonst dieses Leben austialten? Daß ihr Humor nicht lacht, sondern lächelt, daß er nicht die Zahl der großen ewigen Gestalten, der. lachendien Muse, die Zahl der Don Quixote, Alcest, Peter Schlemiehl und Auch Einer vermehren kann, sondern nur die der kleinen, aber vielleicht nicht viel weniger ewigen Figuren der komischen Kunst: wer dürfte ihm das übelnehmen? Und wenn ich diese Geschichten wieder und wieder lese, wenn ich von dieser Uebersetzung zum Original zurückkehre (und da aus keiner Sprache so schwer zu übersetzen ist wie aus dem Jüdischen, ist das bei der besten Uebersetzung noch ein weiter Weg), wenn ich die vielen Bände zusammenfasse, die Scholem Alejchem uns geschenkt hat und aus denen das vorliegende Büchlein nur eine handliche und Appetit auf mehr machende Kostprobe ist: dann glaube ich fast, daß all diese kleinen Figuren nur Vorwand sind, daß Scholem Alejchem doch unter die Cervantes, Moliere, Chamisso und Vischer gehört, daß er eine neue große echt komische Gestalt gebildet hat, den Golusjuden, den Kaßriel. Dieser Jude kämpft mit Windmühlen und wird in den Herbergen geprellt; dieser Jude besteht auf der Wahrheit trotzig wie ein Kind und verscherzt sich Glück und Ehren; dieser Jude wandelt ohne Schatten durch die Welt; dieser Jude kämpft gegen die Tücke des Objekts. Jede echt komische Figur ist eine tragische; sie geht unter nicht durch das große Unglück, welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt, sondern durch Widerwärtigkeiten. Und so manche tragische Figur wäre eine komische, wenn sie aus der Welt der Bretter und der bemalten Leinwand in die Wirklichkeit träte. Cid in Kaßriliwke, Wallenstein in Masepewke, Maria Stuart in Berditschew: es bliebe wenig von ihrer Größe. Kaßriel ist eine komische Figur, weil er in Kaßriliwke wohnt; er wird aber einmal anderswo wohnen, und Scholem Alejchem wird ein großer Historiker sein. Hugo Herrmann. Carl Hauptmann: Ismael Friedmann. Roman. Verlag Emst Rowohlt, Leipzig. Gerhärt Hauptmanns Bruder erweist sich auch in dem vorliegenden Roman als feinsinniger und gestaltungskräftiger Dichter. Er versucht hier, das Wesen eines Mischlings, eines Halbjuden zu ergründen. Wohl dringt er in Tiefen, die sich nur dem Auge eines Dichters eröffnen, aber über den individuellen Zügen vernachlässigt er die nationalen Merkmale. Er löst seine Judengestalten aus jedem Zusammenhang mit ihrem Volkstum, es haftet ihnen daher etwas Blutloses an. Am [ELT natürlichsten wirkt der alte Abraham Friedmann, der Sohn'eines schlesischen Handelsjuden, der als Ingenieur und Erfinder beginnt, eine glänzende Laufbahn rasch zurücklegt und als sehr reicher Industrie- und Finanzmann großes Ansehen und sogar Ruhm erwirbt. Seiner Ehe mit der blonden stillen Pastorstochter H a d w i g entstammt außer der heitern Tochter I s o t der düstre Sohn Ismael. Der ist Doktor der Philosophie, feingliedrig und nervös, voll Unrast und Unzufriedenheit. Warum? Darauf bleibt der Dichter die Antwort schuldig, er betont nur, daß man dem Ismael den Juden ansah. Von seinem Vater erbte er das Aussehen, doch nicht die Eigenschaften. Ihm fehlt die Tatkraft; nicht nach außen, nach innen ist sein Auge gerichtet. Aber er hat nicht den stillen deutschen Träumersinn wie seine Mutter. Ein Grübler ist er und ein Wortklauber, überspannt, menschenscheu, zerfahren, argwöhnisch. „Welt und Menschen trafen ihn fortwährend mit irgend einer Härte, so daß er immer irgendwie auf der Hut schien. Empfindsam, feinfühlig und erregbar fand er an keiner Stelle Ruhe und Freude, mußte er immer das Spiel der Abwehr treiben." So verdächtigt er die Gäste des Hauses, daß keiner von ihnen über das Judentum seines Vaters hinwegkomme. „Sie sitzen in Abraham Friedmanns Reichtum — sagt er zur Mutter — und während sie dir zulachen, sind heimlich Maulwürfe lebendig . . . Haß und Neid redet in einem jeden ... In einem jeden redet es: dieser Jude hat einen Fürstensitz, dieser Jude hat einen Reichtum wie ein König . . . das gellt mir dann im Ohre, daß ich aufspringen möchte und eine Geißel nehmen und die Leute hinaustreiben . . . weil sie mit ihren höflichen Grimassen alle lügen.“ So ahnt der verwöhnte, gelehrte Halbjude den latenten Antisemitismus. Aber er lernt aus seiner Ahnung nichts. Er verschwendet seine Gefühle an eine reinrassige Germanin, verliert sie jäh und findet auch sich selbst nicht. Nur vor dem Tode bricht die jüdische Natur durch, das heißt jüdisches Mitgefühl mit allen Mühseligen und Beladenen. In dieser letzten Aufwallung verschreibt er sein ganzes Vermögen den Armen. — Wien. Dr. M. S c h e r 1 a g. Schluß des redaktionellen Teiles Bei der Administration „Die Welt“ sind eingegangen: Für das Mikrobiologische Institut: Frau Dr. Weizmann, zurzeit Berlin..U. 20.— „Vergesset nicht das Mikrobiologische Institut“ Siegmund Eppler, Wien . Paul Diamant, Wien. Prof. Kellner, Wien. Johann Kremenezky, Wien. Ing. Josef Seidener, Wien. Heinrich Lederer, Wien. Leo Weiss, Wien. Oswald Weiss, Wien. Julius Weiss, Wien. Dr. Elkan Weiss, Wien. Emanuel Lockspeiser, Boryslaw .... Kais. Rat Emil Broch, Tamow .... Kais. Rat C. Hirsch. Wien. Heinrich Bard, Lemberg. Fischei Engelstein, Metz . Simon Gerstenhaber . Josef Frankel. Jona Holdner. Isak Großmann. K. 2.— JL 1. 2.— „ 1. io[— " 8 —.50 „ — — 50 — 2.— ” 1 ,. 1.— — „ 2.— „ 1;; —[50 ” — .. 5 — „ 4 ,. 6.— „ 5 Bei dem Jewish Colonial Trust, London sind eingegangen: Für den Bezalel: per South African Zionist Federation, Johannesburg: Medder River £ —.5.—, Bloomhof —.5.—, Springe Z. A. 2.2.—, Bulawayo —.3.— .... £2.15.— K8888L8KLLLSL fe iS tz L 8 'S