Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 4 (23.1.1914)
- Article
- Aus der Wiener jüdischen Gemeinde
- Date
- 1914-01-23
- Page
- 95 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 4 LT 95 Große Wichtigkeit kommt der nächsten öffentlichen Plenarsitzung zu, als deren erster Punkt der Tagesordnung auf Antrag Stricker die Frage der Einsetzung einer Palästinakommission zur Diskussion steht. Vor Monaten haben die zionistischen Vorstände die Einsetzung einer eigenen Kommission „zwecks fortlaufender Information über die Siedlungsverhältnisse in Palästina“ beantragt und eingehend begründet. In der letzten Plenarsitzung legte das Vertreterkollegium einen eigenen Antrag auf Einsetzung einer fünfgliederigen Palästinakommission, deren Zweck die Prüfung und Ueberwachung der von der Wiener Gemeinde geförderten Anstalten in Palästina (nämlich: Lämelschule, Jaffaer hebräisches Gymnasium, Bezalel, Wolf-Wertheim ersehe Jerusalemer Judenstiftung, Ghalikuh) wäre, dem Gesamtvorstande vor. Da dieser Antrag von dem der Zionisten wesentlich abweicht und überdies von nichtzionistischer Seite eine Abstimmung ohne vorhergehende Debatte abgelehnt wurde, beschloß das Plenum — wie erwähnt — die Verhandlung über den Punkt „Palästinakommission“ bis zur nächsten Sitzung zu vertagen. Es wird sich demnach zum ersten Male die Gelegenheit zu einer großzügigen Diskussion über diesen Gegenstand im Vorstande einer der wichtigsten jüdischen Gemeinden ergeben und man darf auf den Verlauf gespannt sein. Judenfeindliche Boykotthetze in Galizien Aus S t a n i s I a u wird uns geschrieben : Die antisemitische Boykottbewegung, die in Russisch-Polen einen gewissen Stillstand erreicht hat, greift nach Galizien über und schreitet hier in ungeahnter Schnelligkeit fort. So berichtet man aus Ropczyce über die Gründung eines christlichen Konsumvereins, dem es mit Unterstützung des Bezirkslind .Landesausschusses gelungen ist, sämtliche jüdischen Geschäftsleute des Städtchens brotlos zu machen. Besonders hetzt die katholische Geistlichkeit des Städtchens gegen die jüdische Bevölkerung. Der Geistliche Stawasz in Ropczyce fordert die Gläubigen von der Kanzel herab zum offenen Boykott gegen die Juden auf. Er verbietet allsonntäglich seiner Gemeinde jeden Verkehr mit den Juden und droht den Zuwiderhandelnden mit schweren Kirchenstrafen. Daß die Bauern die eindringlichen Worte ihres Seelenhirten beherzigen, ist nur selbstverständlich. So verlor die jüdische Kaufmannschaft ihre ganze christliche Kundschaft. Alle christlichen Dienstmädchen haben ihre Stellen bei Juden gekündigt, und es ereignete sich sogar, daß eine christliche Hebamme sich weigerte, eine jüdische Wöchnerin zu besuchen, indem sie sich auf das Verbot des Geistlichen berief. Im Auslande wird man wohl erstaunt fragen, was denn an diesen Reden besonders bemerkenswertes ist? Ist es denn nicht die elementarste Pflicht einer jüdischen Großgemeinde, daß sie in allen Fragen, die das Gesamtjudentum betreffen, tatkräftig eingreife und im Gemeindeleben des eigenen Landes die ihr gebührende Führerrolle anstrebe? Wir müssen leider gestehen, daß die Budapester Gemeinde diese Pflichten bisher nicht erfüllt hat. Unbekümmert um die Außenwelt, lebte sie ein beschauliches Einsiedlerleben, und es ist nur ihrem tüchtigen und pflichtbewußten Beamtenstabe zu verdanken, daß der komplizierte Mechanismus dieser Großgemeinde dennoch funktioniert. Wie arg muß es um die Erfüllung der erwähnten Pflichten stehen, daß schon die offiziellen „Israeliten“ einen Umschwung herbeisehnen? Wir wissen sehr wohl, daß die Erfüllung nur durch die Mitwirkung der selbst- und volksbewußten Jungjuden erzielt werden kann und daß bei nächster Gelegenheit diese Mitwirkung angestrebt werden muß. Einstweilen wollen wir nur registrieren, daß diese Forderungen bereits von Nichtzionisten aufgestellt worden sind. Rumänien lllllillllllllliiiiiiiiiiliiiiiiiliiiiiiiiiii Ansiedlung rumänischer Juden in Texas (Von einem gelegentlichen Berichterstatter) Herr Herrmann Loeb, ein reicher Jude in Philadelphia, hat eine Aktion eingeleitet, um rumänische Juden als Ackerbauer in Texas anzusiedeln. Wie Herr Loeb in der Bukarester Tageszeitung „Dimineatza“ mitteilt, habe er tausende Anfragen von auswanderungslustigen rumänischen Juden erhalten, die in die neue Siedlung aufgenommen zu werden wünschen. Die christliche Bevölkerung in Texas bringe dem Plan große Sympathien entgegen. So haben verschiedene Handelskammern Herrn Loeb Erleichterungen aller Art für die neuen Ansiedler angeboten. Die Eisenbahn- und Baugesellschaften, die Maschinenfabriken usw. wollen den Einwanderern ebenfalls allerlei Vergünstigungen gewähren. Herr Loeb ist bemüht, in Texas eine Kolonisationsgesellschaft mit ansehnlichem Kapital zu gründen, die die Durchführung des Planes in die Hand nehmen soll. Er hat bereits zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten Amerikas für die Aktion gewonnen und ist überzeugt, daß sie schon in nächster Zeit, sobald die genannte Kolonisationsgesellschaft konstituiert ist, verwirklicht werden kann. Rußland Ungarn iüiiülliüliiüüüiilüü'iülüüiüiiiiüüiüi Aus dem Budapester Gemeindeleben Aus Budapest berichtet uns unser dortiger Berichterstatter: Unlängst fanden in der jüdischen Gemeinde, wie wir bereits berichteten, Neuwahlen statt. Die durch diese Neuwahlen ergänzte Gemeinderepräsentanz wählte statutengemäß aus ihrer Mitte den Gemeindevorstand, bei welcher Gelegenheit einige erwähnenswerte Aeußerungen gefallen sind. Der Wahlleiter, Herr Dr. Bela F e 1 e k i, erklärte unter lebhaftem Beifall der Gemeinderepräsentanten unter anderem, daß diese jüdische Gemeinde, als die größte des Landes und eine der größten der Welt, bei einer jeden Aufgabe und in jeder Bewegung, die die Gesamt judenbeit interessiert, eine führende Rolle spielen müsse, da die Zahl ihrer Mitglieder und ihr Ansehen (?) sie hierzu prädestiniere. Auch den innerjüdischen Fragen der ungarländischen Judenschaft müsse sich die Gemeinde zuwenden. Es folgte hierauf die Wahl, wobei der bisherige Vorstand sowie Herr Dr. Feleki hinzugewählt wurden, Der neue Vorstand wurde im Namen der Gemeinderepräsentanten von Herrn Baron Dr. Adolf v. Kühner begrüßt, der in seiner Rede gleichfalls betonte, daß diese große Gemeinde in allen Fragen, welche das in- und auch das ausländische Judentum betreffen, eingreit'en und die ihr gebührende Stellung einnehmen müsse. Der Präsident, Herr Ludwig Adler, versprach sodann, diese Gesichtspunkte bei seiner Tätigkeit in Betracht ziehen zu wollen. Beschränkungen ohne Ende Die Organisation der „echtrussischen Leute“ hat, durch ein freundliches Schreiben des Zaren an ihren Führer Dubrevin ermutigt, eine Petition an die Regierung gerichtet, in der der Erlaß scharfer Bestimmungen gegen den Landbesitz der Juden gefordert wird. — Die Konferenz der russischen Mineralwarenhändler hat dagegen protestiert, daß die Behörden Juden von der Teilhaberschaft an Handelsgesellschaften ausschließen. -- In den Provinzen Kursk und Tambov werden fortwährend Juden noch vor Ablauf der ihnen vom Minister bewilligten Aufenthaltsfrist ausgewiesen. — Die Zahl der aus Kiew ausgewiesenen jüdischen Studenten wächst beständig. Eine Vorstadt von Kiew wurde neulich als nicht zum Ansiedlungsrayon gehörig erklärt, und die jüdischen Bewohner mußten infolgedessen unverzüglich das „verbotene ‘ Gebiet verlassen. - Die Kaiserliche Musikgesellschaft in Nikolajew konnte kürzlich ein von ihr angekündigtes Konzert nicht stattfinden lassen, weil die Polizei bei der Generalprobe einige der hervorragendsten jüdischen Musiker ans der Stadt verwies. Daß die führenden politischen Kreise der Pole n in bezug auf judenfeindliche Gesinnung die russischen Machthaber weit in den Schatten stellen, hat sich jüngst wieder deutlich erwiesen. Das russische Kabinett erhielt nämlich vorige Woche eine Petition der polnischen Nationaldemokraten und sonstigen Boykotthetzer, in der eine Prozent norm für die an der , Verwaltung der Warschauer Kreditgesellschaft beteiligten Juden verlangt wird. Die Frage wurde in einem Ministerrat besprochen, dem die Berichte des Ministers des Innern und 13099699301512244905