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Die Welt · 1914-01-23 · 4 (23.1.1914) · p. 94

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
4 (23.1.1914)
Article
Berlin
Date
1914-01-23
Page
94 (sequence 2)
Language
German
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94 Nr 4 einen Pachtvertrag über ein Gelände abgeschlossen, das als jüdischer Sportplatz dienen soll. Die Einrichtung des Platzes aber, die den Anforderungen des modernen Trainings voll entsprechen muß, erfordert erheblich größere Geldmittel, als sie lediglich die zumeist im jugendlichen Alter stehenden Mitglieder eines Turnvereins äufbringen können. Da der Sportplatz nicht nur eine Angelegenheit eines einzelnen Vereins ist, sondern auch anderen sporttreibenden jüdischen Jugendorganisationen ebenso wie den Gemeindeschulen und Waisenhäusern der jüdischen Gemeinde zur Verfügung gestellt werden soll, wendet sich der Bar Kocliba an die jüdische Oeffentlichkeit, um die nötigen Mittel aufzubringen. Der Verein hat einen besonderen Sportplatzfonds gegründet, der bisher einen Bestand von ca. 2J0J M. aufweist, aber etwa auf das zehnfache dieses Betrages gebracht werden muß. Die Verwaltung des Fonds hat der zweite Vorsitzende des Bar Kochba, Herr Carl Sobersky, Berlin SW öS, Hollmannstr. 181, übernommen. Alle Spenden, die auf eins der beiden nachstehenden Konten überwiesen werden können, werden vorerst durch die Mitteilungen des Jüdischen Turnvereins Bar Kochba, Berlin, später insgesamt öffentlich ausgewiesen werden. Bankkonto Dresdener Bank: Carl Sobersky, Depositenkasse G, Lindenstraße 7. Postschekkonto: Carl Sobersky, Berlin 18 282. Preisverteilung Die Moses Mendelssohn-Toleranz-Stiftung an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums hat im vorigen Jahre zwei Preise von 2000 M. und 1000 M. für eine Arbeit „Der Toleranzgedanke in der deutschen Literatur zur Zeit Moses Mendelssohns“ ausgesetzt. Die Verteilung der Preise ist jetzt erfolgt; den ersten Preis erhielt unser Gesinnungsgenosse Dr. Alfred W o 1 f f - Berlin, den zweiten Preis Herr Professor Dr. H o r o w i t z - Charlottenburg. Oesterreich seine schrecklichsten Tage erst nach dem Freispruche begannen. Volle zwei Monate mußte er sich in seinem Zimmer aufhalten, immer wieder von Drohbriefen, in denen er als Mörder beschimpft und zum Tode verurteilt wurde, in Schrecken versetzt. Wie ein Dieb mußte er sich zum Bahnhofe schleichen und, von seiner Familie getrennt, in eine dunkle Ecke des Bahnwagens gedrückt, die Reise antreten, bis er sich in Kasatyn mit Frau und Kindern vereinigen durfte. „Die schreckliche Zeit, da ich mich in meiner Wohnung versteckt halten mußte, nahm mich noch mehr her. so daß man es begreifen wird, wie ich aufatmete, als ich Mittwoch in Podwoloczyska österreichischen Boden betrat.“ Nun gehts in den palästinensischen Frühling, nun wird er seine Söhne auf eigener Scholle aufwachsen sehen! Wehrmacht und „Waidhofener Prinzip“ Zu den merkwürdigsten Folgeerscheinungen des sogenannten „Waidhofener Beschlusses“, der die Juden wegen ihrer Abstammung für ehrlos und vogelfrei erklärt, gehört die Tatsache, daß es in Oesterreich Offiziere gibt, die den Rock des Kaisers tragen und ungestraft einem ganzen Volke die Ehre abschneiden, jüdischen Männern die Genugtuung verweigern. Anläßlich der letzten Universitätskrawalle machte Abg. Reizes dieses mit den militärischen Ehrbegriffen in krassem Widerspruche stehende Verhalten zum Gegenstände einer I n - terpellation. Wie wir vernehmen, hat nun der Landesverteidigungsminister dem Abgeordneten Reizes zugesagt, er werde diese Interpellation ehestens im Parlamente oder im Wege der Presse beantworten, und festlegen, daß Unterschiede nach Konfession oder Nation in der Armee nicht geduldet werden, somit auch das „Waidhofener Prinzip“ nicht, jedes Vergehen gegen das Prinzip der Gleichberechtigung im Heere müsse strenge Ahndung finden. Beilis auf der Reise nach Palästina Der im Kiew er Ritualmordprozeß freigesprochene Mendel Beilis hat vorige Woche mit seiner Familie Rußland verlassen und ist über Galizien und Wien nach Triest abgereist, wo er sich nach Jaffa einschiffen wird. Er gedenkt sich dauernd in Palästina als Landarbeiter niederzulassen. In einem Gespräch mit einem jüdischen Journalisten erklärte Beilis, die Nachricht, daß Baron Rothschild für ihn in Palästina ein Stück Land gekauft habe, sei falsch. Um Beilis vor Belästigungen zu schützen, wurde sein Aufenthalt in Wien geheim gehalten, und die Wiener Zeitungen berichteten darüber erst nach seiner Abreise. Dagegen wurde der bedauernswerte Mann in Galizien auf allen Bahnhöfen von großen Menschenmassen umringt und konnte sich des Ansturmes der Gratulanten und „Interviewer“ kaum erwehren. Auf den größeren Bahnhöfen wurden ihm feierliche Empfänge bereitet. Auch im Eisenbahnzug, in dem die Familie Beilis fuhr, drängten sich die Mitreisenden, um Beilis sprechen und beglückwünschen zu können. Mendel Beilis in Wien Unser Wiener Korrespondent schreibt uns: Anläßlich seiner Uebersiedlung nach Palästina weilte Mendel Beilis mit seiner Familie einen halben Tag in Wien. In zionistischen Kreisen war die Stunde seiner Ankunft durch ein Privattelegramm aus Podwoloczyska bekannt geworden und alle Gesinnungsgenossen, die darum wußten, erwarteten ihn morgens am Bahnhofe, begrüßten ihn und fanden sich wieder am Abend ein, um der Familie Beilis ein glückliches Leben in Erez Israel zu wünschen. Wir hatten nicht Lust, den Mann, der die Martern des Kiewer Ritualmordprozesses ertragen und für sein Volk überstanden hat, mit Notizblock und Bleistift in Händen auszuhorchen, die Furchen in seinem Antlitz zu zählen und die Zähne, die ihm i :i Kerker ausgeschlagen wurden . . . Noch zu nahe ist das Stück Vergangenheit, das wir mit Wut und Ekel miterlebten und wir hatten nicht soviel — journalistische Selbstüberwindung, um Mendel Beilis für ein Interview auszuschroten. Denjenigen, die sich in buntem Wechsel in seinem Hotelzimmer die Türklinke reichten, erzählte der müde Mann, daß Aus der Wiener jüdischen Gemeinde Neuwahlen — Die bisherige Tätigkeit der Zionisten — Die Palästinakommission (Von unserem Wiener Korrespondenten) Am 6. Januar wurden die alljährlichen Wahlen in das Vertreterkollegium und in die Ausschüsse absolviert. Die Herren Dr. Gustav Kohn und Hof rat Rappaport wurden zu Vizepräsidenten wiedergewählt. Auch das Vertreterkollegium bleibt bis auf den neugewählten Herrn Dr. Felix K at z a u in der alten Zusammensetzung. Gg. Dr. Ehrlich wurde in die Statutenkommission und in die Kommission für Unterrichtsangelegenheiten, Gg. Ob.-Ing. Stricker in die wichtigsten Baukommissionen gewählt. Das erste Jahr seit dem Einzuge zweier Zionisten in die Repräsentanz ist verstrichen und ihre bisherige Wirksamkeit am besten durch das Urteil eines nichtzionistischen Vorstandsmitgliedes gekennzeichnet. Herr kais. Rat Dr. Weil sagte anläßlich der Budgetdebatte, er müsse konstatieren, daß sich das Niveau der Verhandlungen seit dem Eintritte der zwei zionistischen Mandatare bedeutend gehoben habe. Daß die Arbeit für unser Kultusgemeindeprogramm einer winzigen Minorität von zwei Stimmen nicht leicht fallen wird und nur langsam gedeihen kann, darüber waren sich die zionistischen Wähler und ihre Vertreter von vornherein klar. Die Schwierigkeit der Arbeit sei nur durch ein Beispiel charakterisiert: Seit acht Monaten liegt dem allmächtigen Vertreterkollegium ein zionistischer Antrag vor, der die Beseitigung der tief beschämenden „G e - heimsitzungen“ und die endliche Oeffentlich- Erklärung der Verhandlungen bezweckt. Er ist trotz eifrigsten Urgierens dem Plenum noch nicht unterbreitet worden. Um so höher ist es anzuschlagen, daß es der Initiative unserer zwei Gesinnungsgenossen — freilich nicht ohne harten Kampf — gelungen ist, anläßlich der Vergebung des Spitalbaues an die Stelle des leider bisher geübten Protektionssystems, der „Vergebung unter der Hand“, die ordnungsmäßige Ausschreibung im Wege der allgemeinen Konkurrenz zu setzen und damit einen häßlichen unwürdigen Uebelstand, hoffentlich für alle Zukunft, zu beseitigen. Der Eindruck der siegreichen Abstimmung in dieser Sache war so stark, daß eine Krise im Präsidium eintrat. 010201020102010002020002

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