Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 3 (16.1.1914)
- Article
- Ein Dokument zum Sprachenkampf
- Date
- 1914-01-16
- Page
- 66 (sequence 2)
- Language
- German
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- Haifa 2× ep/1047930
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66 Nr. 3 „M it allen Stimmen gegen vier wurde folgender Beschluß gefaßt: Die Grundlagen der nationalen Erziehung verlangen, daß sämtliche Unterrichtsgegenstände in der hebräischen Sprache gelehrt werden. Die Versammlung verpflichtet daher die Mitglieder der Lehrerorganisation, mit aller Kraft gegen den Unterricht profaner Gegenstände in einer fremden Sprache anzukämpfen. Die vier Gegenstimmen richteten sich bloß gegen den zweiten Passus dieser Resolution/* Man sieht, es erweist sich auch in diesem Falle als ein nutzloses Beginnen, den Tatsachen Gewalt antun zu wollen. Der Kampf um die hebräische Sprache ist nicht künstlich entfacht, nicht von außen her in die palästinensische Judenheit hineingetragen worden, sondern er ist durch die gänzlich verfehlte Schulpolitik der Hilfsvereins-Leitung hervorgerufen und der palästinensischen Lehrerschaft sowie der dortigen jüdischen Bevölkerung geradezu aufgedrängt worden. Darüber werden die Herren mit Redensarten wie „sinnlose Hetze“, „plötzlicher, unmotivierter Ueberfall** und dergleichen nicht hinwegkommen. REVUE DER PRESSE Wie wir bereits in voriger Nummer berichtet haben, beschäftigt sich die offiziöse „Bayerische Staatszeitung“ in ausführlicher Weise mit dem Sprachenkampf in Palästina und gelangt zu dem Schlüsse, daß der Hilfsverein mit seinem gewalttätigen Vorgehen den deutschen Interessen geschadet habe. Wir geben hier den Aufsatz der „Bayerischen Staatszeitung“ vollinhaltlich wieder: „Während bis jetzt der Hilfsverein der deutschen Juden und die zionistische Weltorganisation in palästinensischen Schulfragen friedlich zusammengearbeitet haben, ist nunmehr plötzlich ein Streit entbrannt, der für weitere Kreise von Interesse ist. Bislang sah man es als selbstverständlich an, daß die neue jüdische Generation in Palästina in der Sprache ihrer Ahnen — also hebräisch — unterrichtet wurde. Mit diesem Prinzip will nun der Hilfsverein bei einigen Anstalten in Haifa brechen und an Stelle der hebräischen Schulsprache die deutsche Sprache einführen. Die zionistische Weltorganisation kann aus nationaljüdischen Gründen dies nicht billigen, aber sie würde Deutschland auch gar keinen Dienst erweisen, wenn sie im Orient, wo man doppelt vorsichtig sein muß, sich als den freiwilligen Agenten der deutschen Regierung aufspielen wollte. Der Zionismus hat von jeher — und nicht nur durch die deutschen Zionisten, die als deutsche Staatsbürger selbstverständlich nur Deutschlands Wohl im Auge haben können — den größten Wert auf das Wohlwollen der amtlichen deutschen Kreise und auf ersprießliche Beziehungen zu dem wirtschaftlich und politisch so starken Deutschland gelegt. Gerade die große Masse der russisch-jüdischen Auswanderer und Kolonisten versteht deutsch (zum mindesten jüdisch-deutsch) und bringt so natürlich gegebene Berührungspunkte zu Deutschland mit. Wenn man aber diesen jüdischnational begeisterten Massen die deutsche Sprache aufzwingen will, so wird man mit diesem Zwang nicht Sympathien schaffen, sondern manche bestehende Sympathie vernichten. Für Deutschland ist der Orient ein wichtiges Gebiet und Palästina mit seiner — in den amtlichen deutschen Konsularberichten gerühmten — fleißigen aufblühenden Kolonistenbevölkerung ist für Deutschlands Wirtschaft ein bedeutsamer zukünftiger Absatzfaktor. Hier kann Uebereifer nur schaden, und er hat schon geschadet. Der übereilte Schritt des Hilfsvereins hat Frankreichs Konsulen bereits auf den Plan gerufen. Es ist ja ganz selbstverständlich, wenn die deutschen Juden die deutsche Schulsprache verlangen, warum sollen die englischen und französischen nicht ebenfalls entsprechende Wünsche haben? Darum hat die zionistische Organisation mit der Betonung des Hebräischen recht gehabt. Man erwirbt Deutschland mehr Sympathien, wenn man die Dinge ruhig sich entwickeln läßt, und nicht, wie der Hilfsverein, mit gut gemeintem Draufgängertum Scheinerfolge erzielt, die in Wirklichkeit mehr Verluste als Gewinne bringen. Die palästinensische Bevölkerung ist über das Vorgehen des Hilfsvereins sehr erregt und will ganz natürlich am Hebräischen festhalten. Es wäre zu wünschen, daß die Aktion des Hilfsvereins eine durchaus private bleibt.“ Der „Jewish Chronicle“ schreibt in seiner Ausgabe vom 9. Januar unter der Ueberschrift: „Politische Kämpfe im deutschen Judentum**: „Nachdem Dr. Nathans Versuch, den Hebraisten in Palästina seinen Willen aufzuzwingen, gescheitert ist, hat der Hilfsverein eine allgemeine Preßkampagne gegen die Zionisten und die russischen Juden organisiert, die, nach den Behauptungen der deutschen Presse, an der „anti-deutschen Bewegung** in Palästina schuld sein sollen. Die „Kölnische Zeitung** behauptet, der russische Konsul halte es mit den Zionisten, um gegen Deutschland zu arbeiten. Der Jerusalemer Korrespondent des gleichen Blattes behauptet ferner, daß der ganze Sprachenkonflikt auf das Konto der slawischen Elemente in Palästina zu setzen sei. Natürlich sind mit diesen „slawischen Elementen** nicht Russen, sondern russische Juden gemeint. Man müßte eigentlich annehmen, daß derartig infame Verleumdungen nur von einem Ignoranten ausgestreut werden können, der die wirklichen Verhältnisse in Palästina nicht kennt. Da jedoch die „Vossische Zeitung**, der offiziöse „Berliner Lokalanzeiger**, die „Frankfurter Zeitung** und gleichzeitig auch das „Hamburger Israelitische Familienblatt** die gleichen Verdächtigungen enthalten, so muß man wohl annehmen, daß diese Preßäußerungen durch die Organisation selbst verbreitet worden sind. Demnach richtet sich die Kampagne des Hilfsvereins nicht nur gegen die Zionisten, sondern in noch höherem Maße gegen die russischen Juden, die man jetzt in Deutschland zu den schlimmsten Feinden des Vaterlandes stempelt. Wie vorauszusehen war, richtet die antisemitische Presse, auf Grund dieser Veröffentlichungen, bereits Angriffe gegen das g e - samte Judentum, das als Deutschlands geschworener Feind hingestellt wird. Die verwerflichste Verleumdung der deutschen Presse gegen die Hebraisten in Palästina ist die, daß letztere die jüdische Bevölkerung terrorisieren und Kinder entführen sollen, die gern in den Schulen des Hilfsvereins deutschen Unterricht haben möchten. Wer das würdige und ruhige Memorandum gelesen hat, das die Lehrer des Hilfsvereins Herrn Dr. Nathan bei seinem Aufenthalt in Jerusalem unterbreitet haben, und ferner die Telegramme aus Jerusalem in den jüdischen Blättern Deutschlands und Rußlands verfolgt, der weiß, daß diese Lehrer keineswegs Kinder entführen und die Bevölkerung terrorisieren, sondern eine durchaus vornehme Haltung bewahren, die allerdings vom Hilfsverein falsch verstanden zu werden scheint.** Wie sehr man selbst in Kreisen, die unseren Bestrebungen ganz fernstehen, das Vorgehen des Hilfsvereins verurteilt, geht auch aus einem Aufsatz hervor, der in der jüngsten Nummer des bekannten antizionistischen Wochenblattes „Egyenlösög“ in Budapest aus der Feder seines Redakteurs Max Szabolcsi erschienen ist. Nachdem das Blatt ausgeführt hat, daß es die Anschauung des Hilfsvereins, der die gründliche Kenntnis einer europäischen Sprache von den künftigen Zöglingen des Haifa er Technikums fordert, sehr wohl begreife, fährt es fort: „Auch der Standpunkt der Zionisten ist achtungswert. Man vergesse nämlich nicht, daß dieses Technikum in Palästina errichtet worden ist. In Palästina aber muß in einem jüdischen Institut die Unterrichtssprache hebräisch sein. Gewiß soll man auch die deutsche Sprache lehren, dagegen hat niemand etwas einzuwenden, aber die Vortragssprache sollte ausschließlich hebräisch sein. In den jüdischen Gymnasien in Jerusalem und Jaffa, desgleichen im Jerusalemer Lehrerseminar war die Unterrichtssprache von allem Anfang an hebräisch, in der berühmten Lämel-Schule hörte ich selber Botanik in hebräischer Sprache vortragen, und auch in den anderen Schulen bis hinab zu den Kindergärten ist im heiligen Lande die Unterrichtssprache überall das Hebräische. Wir verstehen daher den Standpunkt beider Parteien, den des Hilfsvereins und den der Zionisten. Nur eins verstehen wir nicht, können wir nicht billigen: die vergifteten Waffen. Es ist nicht richtig, daß der Hilfsverein das Hebräische aus seinen palästinensischen Schulen verdrängen will, und es ist nicht richtig, daß die Zionisten die deutsche Sprache totschlagen wollen. Es zeugt von großer