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Die Welt · 1914-01-16 · 3 (16.1.1914) · p. 64

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
3 (16.1.1914)
Article
Militär und Polizei in der Schule
Date
1914-01-16
Page
64 (sequence 2)
Language
German
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64 Nr. 3 DIE3q&LT Kündigungsmonate von unserer Arbeit suspendiert seien, da man sich von unserem Wirken für die Schulen während dieser nächsten zwei Monate nichts Ersprießliches verspreche. Herr Jeliin hat dieses Schreiben so spät am Abend erhalten, daß er nur mir, als Leiterin der Mädchenschule, und Herrn Sutta, als erstem hebräischen Lehrer, Mitteilung davon machen konnte. Wegen der vorgerückten Stunde war es nicht mehr möglich, die anderen Lehrer zu benachrichtigen. Wir drei berieten die Sachlage und erwogen die verschiedenen Möglichkeiten, zu welchem Zeitpunkt und in welcher Art wir den Unterricht einstellen könnten. Für uns kam namentlich die Mädchenschule in Betracht, da dort sämtliche Lehrer ihre Entlassung gegeben hatten. Endlich kamen wir zu dem Beschluß, den Unterricht am nächsten Tage so wie alle Tage zu erteilen, im übrigen die Dinge abzuwarten, die da kommen Tags darauf, am Mittwoch, hatte, wie ich nachträglich hörte, sction in früher Morgenstunde die Suspension der zwei demissionierenden Lehrer der Laemel-Schule stattgefunden, was zu erregten Szenen seitens der Schüler führte; sie hatten sich spontan ihren Lehrern angeschlossen und wollten unter Absingung hebräischer Lieder die Schule verlassen. Da ließ Herr Cohn die Tore schließen, und die Knaben versuchten über die Mauer zu klettern, natürlich gab es dabei Lärm und Geschrei, welches sich noch vermehrte, als man wieder Militär herbeiholte. Der Lärm dieses Tumultes war im nahegelegenen deutschen Konsulat gehört worden, und der deutsche Generalkonsul glaubte, unter dem Eindruck der ihm von Herrn Cohn vorher überbrachten Nachrichten, die unter seinem Schutz stehenden Anstalten des Hilfsvereins in Gefahr, requirierte Militär und eilt zur Laemel- Schule. Hier fand er Knaben, die mit Gesang frohlockend die Schule verließen. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß vor dem deutschen Konsulatsgebäude, wie man hier glauben machen wollte, eine Demonstration nicht stattgefunden hat. Dann begab sich Herr Cohn, begleitet von dem Generalsekretär des Hilfsvereins, Dr. Bernhard Kahn, dem deutschen Generalkonsul und Militär, ferner einer Anzahl Lehrer, in die Mädchenschule, wo die Suspension etwas dramatischer vonstatten gehen sollte. Herr Cohn betrat zuerst mit seinem Gefolge nebst Konsul und Polizei die zu ebener Erde gelegene Klasse des Lehrers für Hebräisch, Herrn Guttmann. Dieser hörte sofort beim Erscheinen dieser Herren mit dem Unterrichte auf und richtete nun einige Abschiedsworte an die Kinder. Darauf bezieht sich jedenfalls das Wort „Hetzreden“, welche die Lehrer an die Kinder gerichtet haben sollen. Herr Cohn erfaßte darauf Herrn Guttmann beim Rockkragen und versuchte, ihn mit Gewalt aus der Klasse zu entfernen. Der Konsul trat dazwischen, um Tätlichkeiten zu verhindern. Herr Guttmann verließ übrigens gleich die Klasse, nachdem diese einem neuen Lehrer übergeben worden war. „Kein Lehrer wurde mit Gewalt entfernt“, steht im Telegramm, als wenn es nicht schon ein Gewaltakt wäre, unterrichtende Lehrer mitten in ihrer friedlichen Beschäftigung aus der Klasse zu jagen.' Später begaben sich alle diese Herren in das obere Stockwerk, wo in allen Klassen gleichfalls der Unterricht in gewohnter Weise vor sich ging. Als die Herren, zuerst Herr Dr. Kahn, dann Herr Cohn und zuletzt der Konsul, in meine Klasse, wo ich gerade Geographie unterrichtete, traten, stand ich sofort von meinem Sitz auf. Ebenso verließen auch in den anderen Klassen alle Lehrer und Lehrerinnen ihren Posten, ohne jeden Widerstand. Währenddessen war auch das Militär nach oben gekommen, und der ungewohnte Anblick der bewaffneten Macht, sowie die eben empfangenen Eindrücke von der Vertreibung der Lehrer, hatten auf die Mädchen erschütternd gewirkt. Weinen und Wehklagen erfüllten die Räume, und die Mädchen weigerten sich zuerst, die Schule zu verlassen, gelähmt vor Angst und Schrecken. Eine Panik drohte auszubrechen. Man wandte sich an mich mit der Bitte, die Kinder nach Hause zu schicken, was mir auch durch einige beruhigende Worte gelang. Einige Minuten später war das Schulgebäude von Lehrern und Lernenden verlassen. Das Militäraufgebot wurde weder an diesem noch an den zwei folgenden Tagen entfernt. Auch fernerhin boten die „bedrohten“ Plätze vor den Schulen mit den Soldaten zu Fuß und zu Pferde den Anblick eines Feldlagers dar. — Das ist der wahre Sachverhalt der Ereignisse jener Tage. Bezüglich des Erscheinens des deutschen Generalkonsuls in der Mädchenschule habe ich noch folgendes nachzutragen. Der Herr Generalkonsul hat mir in einer Unterredung, die ich mit ihm hatte, zugegeben, daß sein Erscheinen gegenüber dem friedlichen Verhalten der Lehrer in der Mädchenschule unnötig war. Er sagte mir wörtlich: „H ätte ich vorher gewußt, was sich dort zutragen würde, so wäre ich nicht gekommen. Hätte ich mit meinen geistigen Augen so sehen können, wie ich es später mit meinen körperlichen tat, ich wäre nicht erschiene n." Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie obige Zeilen zum Abdruck bringen würden, um Ihren Lesern ein getreues Bild der Vorgänge zu geben, die uns seit Wochen in Atem halten. Mit vorzüglicher Hochachtung Vera Pinczower, Leiterin der hebräischen Mädchenschule. „Auf gütlichem Wege“ Unser Jaffaer Berichterstatter schreibt uns: Der jetzige Protektor der Lämel-Schule, Herr Jesaias Preß, einer jener Lehrer, die den Anschluß an die nationalen Schulen versäumt haben und beim Hilfsverein geblieben sind, unternimmt es jetzt, den Standpunkt dieser Gruppe zu rechtfertigen. Seine Ausführungen gipfeln darin, daß man beim Hilfsverein auf gütlichem Wege, in aller Ruhe und Geduld sehr wohl Zugeständnisse zugunsten der hebräischen Sache durchsetzen könne. Im Grunde klingt diese Rechtfertigung selbst wie eine Anschuldigung. Ungefähr dasselbe hatte ja auch David J e 11 i n gesagt, als er den Zickzackkurs des Hilfsvereins kennzeichnete. Nach jedem mühsam errungenen Fortschritt kam gleich ein Rückfall, sei es in der Form einer Verfügung oder in der Wahl eines ungeeigneten Lehrers. A. S. R a b i n o w i t z erzählt von den zahllosen Briefen und sonstigen Versuchen, die er in dem redlichen Bestreben, das Prestige des Hilfsvereins zu retten, unternommen hat. Da es sich als unmöglich erwies, den Schulbetrieb in Jaffa bei nichthebräischer Unterrichtssprache aufrecht zu erhalten, teilte er Ephraim Cohn die Bereitwilligkeit des Lehrerkollegiums mit, unentgeltlich acht deutsche Sprachstunden mehr zu erteilen, als im Lehrplan vorgesehen sind, falls er stillschweigend bis zur Entscheidung des Hilfsvereins* in Berlin die hebräische Unterrichtssprache dulden würde. Aber alle Versuche waren vergebens. Es war, wie es in der Bibel heißt: „Er verstockte sein Herz auch diesmal und ließ das Volk nicht ziehen.“ Ausführlicher behandelt J. J. R i w 1 i n die Vorgeschichte des Konfliktes in einem Aufsatze im „Hacheruth“, Nr. 72, von dem hier einige Stellen wiedergegeben seien: „Sie erinnern sich wohl noch, mein lieber Herr Preß, unserer Unterhaltung in der Lämel-Schule vor einigen Wochen. Sie erzählten mir da von einem Briefwechsel, den Sie in den Ferien im Interesse der hebräischen Sprache mit Berlin gepflogen hatten. Sie teilten mir auch die Antwort mit, die Sie von Berlin erhalten hatten, und die lautete: „Jetzt ist es absolut unmöglich.“ Sie fügten hinzu, daß deshalb unser Kampf aussichtslos sei. Als später Dr. Nathan ins Land kam und auf unsere Forderungen nicht eingehen wollte, gab er immer wieder die stereotype Antwort: „W e n n man mir das Messer an die Kehle setzt, dann ziehe ich den Revolver.“ Dies ist gewiß tapfer gesprochen und eines „Führers“ in Israel würdig. Warum aber, fürtrefflicher Prorektor, ist man auf Ihren Vorschlag nicht eingegangen, zu einer Zeit, als es noch gar keinen „Terror“, kein „Messer“ und keine „Kehle“ gab?“ J. J. R i w 1 i n schildert dann die ihm so vertrauten Zustände in den Schulen des Hilfsvereins. Ephraim Cohn ist weder pädagogisch noch sonst wissenschaftlich befähigt, ein Schulwerk von solchem Umfang zu leiten. Seine Kunst bestand aber zum ersten in der Heranziehung bekannter Persönlichkeiten. So wurden von jüdischen Gelehrten Männer wie Jeliin, von christlichen Gelehrten u. a. Dr. Ben-

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